Wie unwissenschaftlich ist die Arbeitswerttheorie?

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Ich habe mir den Wohlstand-für-alle-Podcast zum Kapital angesehen und es gäbe viel zu sagen, aber die Bitte, mich zu Wort zu melden, war nicht der Podcast, sondern ein Twitter-Thread bzw. ein Reply darauf. Auch hier gäbe es viel zu sagen und zu erwidern. Ja, der Thread bietet Anlass, einen längeren Text zum Thema zu schreiben, denn es stimmt: In jedem Kapital-Kurs ist die Frage danach, ob die Arbeitswerttheorie noch gilt, eine gern diskutierte Frage, eine, die sich bis zum dritten Band zieht, wie das Trafo-Problem zeigt (worauf ich gar nicht eingehen will). Ich will nur zwei Anmerkungen machen, die viel zu lang geraten sind, um sich bei Twitter wohl zu fühlen. Es ist aber auch noch kein längerer Text.

Meiner Meinung formuliert Marx keine Substanztheorie, weil das, was als Substanz bezeichnet wird, der Wert, rein gesellschaftlich ist. Er will auch nicht beweisen, dass dem Wert Arbeit zugrunde liegt (siehe hierzu auch sein Brief an Kugelmann, MEW, Bd.  32, S. 522f.), sondern umgekehrt stellt er sich die Frage, warum Arbeit unter Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise Wertformen annimmt. In Zur Kritik (einer früheren Arbeit von 1859) macht er es expliziter, indem er schreibt, dass er sich nur diejenigen Waren ansieht, die Arbeitsprodukt sind (und nicht diejenigen, die kein Arbeitsprodukt sind – was umgekehrt mit sich bringt, dass er erklären können muss, wie etwas, was kein Arbeitsprodukt ist, einen Preis bekommt, etwa unbearbeiteter Boden).

Der WFA-Podcast wie die Thread-Kritik behaupten, Marx steht in der Tradition von Adam Smith und David Ricardo. Jein, würde ich sagen. Smith ist zwar derjenige, der dem Wert unter Abstraktion vom Nutzen auf die Spur kommen wollte, aber er ist einer subjektiven Werttheorie weitaus näher als Marx’ Theorie. Deshalb findet der neoklassische Mainstream Smith auch weitaus besser als Ricardo. Erst Ricardo bricht damit. Er akzeptierte die damals vorherrschende zirkuläre Argumentation nicht mehr, dass Waren das wert seien, was u.a. für den Lohn ausgegeben wurde, wo natürlich die Anschlussfrage lauten müsste, wie sich der Wert der Lebensmittel bestimme. Ricardo ist der erste Ökonom, der den Wert auf Verausgabung von Arbeitskraft zurückführt – verstrickt sich aber in viele Widersprüche (mit denen sich nicht nur Marx herumschlägt, sondern die auch Samuel Bailey genüsslich benennt, ein Vorbote der Grenznutzentheorie, dessen Ausführungen Marx dazu zwingen, seine Analyse der Wertform zu präzisieren). Nach seinem Tod ist Ricardo zwar noch lange eine dominante Figur, seine Theorie gerät aber schon bald in eine Krise – und es beginnt die »Reise rückwärts«. Die moderne Neoklassik interessiert sich nicht für Werttheorie, nur für die Preisbildung. Ihr Vorläufer, die Grenznutzentheorie, versuchte sich zumindest noch an einer Werttheorie, viel aber hinter Smith zurück, weil sie wieder beim Gebrauchswert landete. Auch John M. Keynes kommt um Fragen, die Marx plagten, nicht herum. Obwohl sich Keynes nicht für die Werttheorie interessierte, stimmte er mit der Klassik (er bezeichnet sie als Vorklassik) zumindest darin übereinstimmt, dass der »Grund« des Werts die Arbeit sei (und sich damit von der Neoklassik abgrenzt). Keynes streift sogar die Frage nach der Möglichkeit der Homogenität von Arbeit und ihrem Maß, kann aber das Problem – wie die Klassik – nicht lösen. Keynes’ vollzogene Bruch mit der Klassik (die er in der konstitutiven Bedeutung des Geldes sieht) bleibt damit zumindest ambivalent.

Marx Werttheorie sei »unwissenschaftlich«, so ein Vorwurf im Thread, sie lasse sich »nicht erfahren« oder »messen« (was auch für den »Nutzen« der neoklassischen Theorie gelte). »Unwissenschaftlichkeit« ist ein hartes Urteil – und es lässt sich die Frage formulieren, warum dies für Marx, aber nicht für die Physik gilt. Denn auch kein theoretisches Konzept der Physik ist beobachtbar. Wir können zwar Bewegung von Körpern sehen und dann schlussfolgern, dass da bestimmte Kräfte im Spiel sind. Wenn sich diese Sichtweise durchsetzt, dann ist davon die Rede, dass diese Kraft beobachtet und gemessen werden kann, was aber strenggenommen gar nicht stimmt. Es werden nur die Körperbewegungen gemessen. Mit den je unterschiedlichen Vorstellungen, was diese Kraft ausmacht, verändert sich auch das, was man messen konnte: So hat Einstein mit Newtons Konzept der Gravitationskraft aufgeräumt. Etwas, was vorher messbar war, gab es plötzlich nicht mehr. Statt einer gespenstigen Fernwirkung (Newton) wird die Kraft nun mit der Krümmung des vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums (Einstein) erklärt – auch nicht gerade der menschlichen Vorstellungsgabe unmittelbar zugänglich, aber: das, was Marx Werttheorie vorgeworfen wird, sie sei nicht wissenschaftlich, müsste dann auch für die Physik gelten (neben dem skizzierten Beispiel könnte man das gleiche für Kraftfelder durchspielen). Umgekehrt wird jedoch ein Schuh daraus: Wir brauchen die Begriffe um die Zusammenhänge zu verstehen.

Wie in der Physik die unterschiedlichen Paradigmen, die sich als vorherrschende Erklärung für bestimmte Phänomene durchgesetzt haben, einen wissenschaftlichen Fortschritt beschreiben, so in der Politischen Ökonomie – wobei die Neoklassik über Marx nur noch lächeln kann (daneben noch: Keynes, als drittes Paradigma). Derweil hat die Ablösung oder die gesellschaftliche Bedeutung, die einer Theorie zukommt, viel mit sozialen Verhältnissen bzw. Auseinandersetzungen und wenig mit wissenschaftlichem Fortschritt zu tun: So ist Ricardo nach seinem Tod zwar noch lange eine dominante Figur, seine Theorie gerät aber schon bald in eine Krise – und es beginnt die »Reise rückwärts«. Mitunter angetrieben von Kreisen, die kein Interesse daran hatten, dass Ricardos Theorie von Sozialistïnnen dazu verwendet wurde, die Ausbeutung von Arbeiterïnnen anzuklagen und einen Anspruch auf das ganze Arbeitsprodukt einzuklagen. Das klang damals durchaus politisch durchsichtig, wenn man zeitgenössische Ökonomen oder Publizisten zuhört. Es sei, so Samuel Read, ein anti-ricadianischer Ökonom 1829, »ein schändlicher und fundamentaler Irrtum«, dass Arbeit Quelle des Reichtums sei, und bringe nur eine Feindseligkeit gegenüber Unternehmern zum Ausdruck, schließlich werde nicht anerkannt, wie viel Zeit der Eigentümer des Kapitals für dessen Anwendung opfere (so etwa der Geologe und Ökonom Poulett Scrope 1833). Und der nordamerikanische Ökonom Thomas Cooper schrieb 1830: »Wenn dies die Vorschläge sind, zu deren Durchsetzung sich die Handwerker und Arbeiter zusammenschließen, so ist es für jene, die Eigentum zu verlieren und Familien zu beschützen haben, hohe Zeit, sich zur Selbstverteidigung zusammenzufinden.« Der Ökonom Mark Blaug resümiert aus theoriegeschichtlicher Perspektive: »Es ist bezeichnend, daß die Autoren, die die Ansichten der ›Arbeitstheoretiker‹ angriffen – Scrope, Read und Longfield –, auch unter den ersten waren, die die Abstinenztheorie des Profits hervorbrachten [dass Profit auf Sparen zurückgehe]. In diesem Sinne waren die theoretischen Neuschöpfungen dieser ›vernachlässigten britischen Ökonomen‹ nicht ohne Beziehung zu der Natur des Klassenkampfes nach 1830.« Die Polemik neoklassischer Ökonomen gegen die marxsche Werttheorie, sie sei Ideologie, keine Wissenschaft, kann also getrost der Spiegel der eigenen Tradition vorgehalten werden.

Umgekehrt gilt meiner Meinung jedoch auch, dass eine bestimmte Marx-Lesart den Bruch nicht anerkennt, den Marx – wenn auch unzureichend – mit der Klassik markiert, wenn er einfach in die Reihe Smith/Ricardo gestellt wird, behauptet wird, Wert und abstrakte Arbeit ließe sich quantifizieren (so auch Ole und Wolfgang). Dem würde ich widersprechen. Konkrete Arbeit lässt sich mit der Stoppuhr messen, nicht abstrakte Arbeit. Wert ebenso wenig. Damit wären wir wieder bei der Physik und Begrifflichkeiten, die es erst ermöglichen etwas zu messen. So muss etwa bei Kraftfeldern, um das Feldpotenzial messen zu können, so etwas wie eine Eichgröße bestimmt werden (d.h. so ähnlich wie die Höhe eines Berges durch die willkürliche Setzung, dass der Meeresspiegel die Höhe Null hat, bestimmt wird). Um Wert »messen« zu können bedarf es: Geld. Das Geld ist die einzige handgreifliche Form des Werts (die sachliche Form des Geldes macht auch den Unterschied zur Physik aus, in der Begriffe keine gegenständliche Form annehmen), das Geld »trägt seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der Gesellschaft in der Tasche mit sich.« (MEW, Bd. 42, S. 90) Anders als Marx interessiert sich die Neoklassik nur für die Preisbildung, nicht, was ein Preis überhaupt ist und warum es im Kapitalismus neben den Waren überhaupt Geld geben muss (warum nicht unmittelbar die Arbeit messen?).

Für den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream und den Alltagsverstand spielen Angebot und Nachfrage die zentrale Rolle, wenn eine Ware sehr begehrt ist oder sehr knapp, ist der Preis hoch, denn der Markt zeigt schnell, was verlangt werden kann. Industriell hergestellte Produkte sind im Kapitalismus jedoch alles andere als knapp, sondern nur in Geld knapp, d.h. ob wer zahlungsfähig ist, nicht von Natur aus, wie der Mainstream unterstellt. Der Wert »reguliert« die gesellschaftliche Produktion und Marx zeigt, dass der Markt die Bedingungen sanktioniert, unter denen die Waren hergestellt wurden, Preise also überhaupt im Kapitalismus so wichtig sind: Wer zu hohe Löhne zahlt oder zu unproduktiv arbeiten lässt, wird sich nicht lang am Markt halten. Der Wert ist demnach sehr wohl erfahrbar – als gesellschaftlicher Zwangszusammenhang. Die Preisform, so Marx ist die passende Form einer Produktionsweise, »worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann« (MEW 23, Bd. 23, S. 117). Die Preisbewegungen der Waren am Markt unterstellen also ganz spezifische gesellschaftliche Verhältnisse, Zusammenhänge und ökonomische Mechanismen, die Preise überhaupt nötig machen und deren Bewegungen bestimmen. Warenproduzierende Arbeit ist ein zentraler Bestimmungsfaktor, was Marx klar war, aber wovon die Neoklassik nichts wissen will und Keynes sich selbst im Weg stand.

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Ingo Stützle

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