Hexen verbrennen, Geldfälscher hängen

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»Um dieselbe Zeit, wo man in England aufhörte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen.« (MEW 23: 783)

Karl Marx stimmt mit diesem Satz an, wie die moderne Eigentums- und Geldordnung durchgesetzt wurde, blut- und schmutztriefend, als Resultat eines gewaltsamen Prozesses. Er wendet sich damit gegen die Selbstverklärung der bürgerlichen Gesellschaft, die ihre eigene Geschichte – etwa in der Politischen Ökonomie – gern als eine von Fortschritt und Zivilisation zeichnet und idealisiert. Dieses Bild zurecht zu rücken, fällt vor allem bei den Kategorien Geld und Eigentum schwer, die als etwas Selbstverständliches, immer schon Vorhandenes gelten. In der Vergangenheit werden nur die modernen Formen wiedererkannt, statt diese in ihrer historischen Spezifik zu begreifen. Marx hatte für diese Form der Rückprojektion oft beißenden Spott übrig. Während Marx die historische Durchsetzung der modernen Eigentumsordnung im Kapital kritisch nachzeichnet, bleiben seine Ausführungen zu Geld auffällig spärlich. Für die PROKLA bin ich der Genese nachgegangen und wollte dem historischen Hintergrund des Zitats zu Hexerei und Geldfälschung nachgehen. Leider war hierfür kein Platz und der Exkurs hätte etwas vom Thema des Beitrags weggeführt. Deshalb möchte ich meine Notizen hier zugänglich machen.

Stabile Eigentumsverhältnisse und stabiles Geld gehören zu den wesentlichen Voraussetzungen der kapitalistischen Produktionsweise. Was »stabil« konkret bedeutet und wie diese Stabilität zu garantieren ist, darüber wird seit John Locke (und früher) bis heute gestritten (vgl. Nuss 2006). Ohne Recht kein Eigentum, kein Privateigentum an Produktionsmittel. Ohne Geld keine Akkumulation, denn Kapitalismus ist wesentlich Geldwirtschaft. Privateigentum und Geld werden politisch garantiert, ohne einfach eine gesellschaftliche Konvention zu sein. Sie sind ein Strukturmerkmal des Kapitalismus. Die Genese der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise zeigt schließlich, dass die Hexenjagd und die Verfolgung der Geldfälscherïnnen eine gemeinsame Geschichte teilen (auf letzteres gehe ich im PROKLA-Beitrag ein). Dieser historische Prozess war in seiner frühen Phase, so behauptet Silvia Federici, von Hexenjagd begleitet, diese seien genuiner Moment einer großen Transformation (vgl. direkter Bezug zu Polanyi 1944 bei Federici 2019: 25), der sogenannten ursprünglichen Akkumulation (Federici 2004). Sie scheint damit das oben angeführte Marx-Zitat aufzugreifen. Federici zitiert es jedoch an keiner Stelle. Der Grund liegt darin, dass der Satz in der von Engels autorisierten englischen Übersetzung des Kapital gestrichen wurde (MEGA2, Bd. II.9: 762 – vgl. auch MECW 35: 743 sowie die von Ben Fowkes besorgte Übersetzung, die 1990 als Penguin Classics erschien und eigentlich die deutsche Werkausgabe als Grundlage hat [hier: 920]). Die Gründe sind nicht bekannt. Sie scheint damit eine ähnliche Beobachtung zu machen: Ältere, alleinstehende Frauen auf dem Land, so Federici, litten besonders unter der Einhegung und Vertreibung von, Trennung von Subsistenzmitteln und der Zerstörung der Nutzungsrechte der commons. Weil sie diesen Prozess nicht widerstandlos hinnahmen, sondern weil sie es waren, die die Lebensmittelrevolten in der Regel anführten (Federici 2004: 97). Zusammenfassend hält Ferderici fest:

»Mit der Hexe bestraften die Machthaber*innen gleichzeitig den Angriff auf das Privateigentum, sozialen Ungehorsam, die Verbreitung des Magieglaubens, der die Existenz einer Macht voraussetzte, die sie nicht kontrollieren konnten, sowie die Abweichung von der sexuellen Norm, nach der nun das Sexualverhalten und die Fortpflanzung unter staatlicher Kontrolle stand.« (Federici 2019: 35)

Federicis Thesen wurden von Historikern nicht rezipiert oder explizit kritisiert, eher ignoriert.[1] Sicherlich verallgemeinert Federici in unzulässiger Weise. Statt ihrer Beobachtung als Phänomen bestimmter geografischer Bereiche Englands in einer bestimmten historischen Phase zu betrachten und dieser konkreter nachzugehen, verallgemeinert sie ihre Aussagen nicht nur geografisch, sondern auch in der Zeit. Neuere Hexenforschung zeigt deutlich, wie unterschiedlich die Gründe, Kontextbedingungen etc. waren – und dass die Jagd in Deutschland wesentlich heftiger als etwa in England war. Zudem ist es problematisch davon auszugehen, wie sie Federici tendenziell macht, dass die Hexenverfolgung eine politische Durchsetzungsform der ursprünglichen Akkumulation war – und nicht eine Begleiterscheinung.[2]

Umgekehrt dürften jedoch historische Arbeiten zur Hexenjagd differenzierter werden, wenn die Erkenntnis mit einbezogen werden würden, was konkret den Übergang zum Kapitalismus als Paradigmenwechsel auszeichnet, nämlich die Durchsetzung einer neuen Eigentumsordnung und die Freisetzung des doppelt freien Lohnarbeiters. So bestätigt etwa Brian P. Levack nicht nur, dass es vor allem Frauen aus dem ländlichen Raum aus den unteren Gesellschaftsschichten waren, die als Hexen gejagt wurden, sondern betont zudem die sozialen und gesellschaftlichen Ursachen (Levack 1999: 128f., 145f.):

»Da die Armut der Betroffenen offensichtlich in weitem Umfang dazu beitrug, dass sie der Hexerei beschuldigt wurden, erscheint die Annahme gerechtfertigt, dass die Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen in der Frühen Neuzeit zu den Ursachen der großen Hexenjagd gehören.« (Levack 1999: 146)

Was aber zeichnet die »Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen« aus? Laut Levack: Bevölkerungswachstum, Überangebot an Arbeitskräften, sinken der Reallöhne, Inflation vor dem Hintergrund »begrenzter Ressourcen« (Levack 1999: 146). Auch Gaskill (2000: 57) betont, dass den Bezichtigungen der Hexerei oft auf soziale Spannungen zurück gehen, die ökonomischen Ursprungs sind, was ihn veranlasst, die Haushalte zu untersuchen (ebd.). Damit wird jedoch etwas unterstellt, was sich erst im Begriff ist, historisch herauszubilden, die Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre. Diese beispielhaften Ausführungen sind unspezifisch wie von einer Rückprojektion kapitalistischer Verhältnisse in die Frühe Neuzeit geprägt. Die »begrenzte Ressourcen« sind geradezu der Inbegriff neoklassischer Modellierung von Wirtschaft, Ausdruck, kapitalistische Eigentumsverhältnisse zu naturalisieren. Dass es überhaupt »freie« Arbeitskräften auf einem Arbeitsmarkt gab, ist Resultat der Freisetzung. Andere aktuelle Forschung, die umfassend Quellenmaterial aufbereitet (etwa Elmer 2016), geht erst gar nicht den sozialen und ökonomischen Ursachen nach (kritisch hierzu Gaskill 2016). Kurzum, es scheint, dass nicht nur Federicis Forschungen defizitär sind, sondern auch die historische Hexenforschung. Es wäre die Mühe wert, Marx’ kühner Behauptung intensiver nachzugehen, die er an keiner Stelle weiter ausführt oder wiederholt.

Aber warum folgt auf die Hexenverbrennung die Verfolgung der Geldfälscher und eben auch Geldfälscherinnen? Denn ganz offensichtlich waren auch hier viele Frauen am Werk (vgl. Gaskill 2000: 123–199). Auf die Einhegungen der commons geht Marx ein. Er führt dies gegen Ende des ersten Bandes des Kapital aus. Diese Darstellung folgt der Einsicht, dass zunächst die kapitalistischen Formen analysiert und dargestellt werden müssen, was sie als spezifisch kapitalistisch auszeichnet, um dann ihre historische Genese zu rekonstruieren. Während die methodischen Fragen und der historische Prozess der sogenannten ursprünglichen Akkumulation hinsichtlich der Durchsetzung des modernen Eigentums in den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen Beachtung fand, ist die historische Durchsetzung moderner Geldverhältnisse nur wenig untersucht – und das, obwohl Marx den monetären Charakter der kapitalistischen Produktionsweise deutlich herausstreicht.

Marx analysiert die Wertform und begründet die Notwendigkeit von Geld für die kapitalistischen Warenwirtschaft. Damit sich die Waren allumfassend als Werte aufeinander beziehen können, der Tausch als herrschende Form des Stoffwechsels funktionieren möglich ist, muss nicht nur die Arbeitskraft als Ware existieren MEW, Bd. 23: 184 Fn. 41), sondern alle müssen sich auf Geld beziehen, ein gemeinsames Geld, in der Auspreisung, im Warentausch, Kreditvergabe, Buchhaltung etc. Kapitalismus ist immer auch Geldwirtschaft. Wie jedoch aus der allgemeinen Äquivalentform, wenn sich alle Waren auf ein allgemeines Äquivalent beziehen, schließlich das Geld entspringt, ist nicht begrifflich zu entwickeln. Marx spricht in diesem Zusammenhang von »gesellschaftlicher Tat« (MEW, Bd. 23: 101):

»Allgemeines Äquivalent zu sein wird durch den gesellschaftlichen Prozess zur spezifisch gesellschaftlichen Funktion der ausgeschlossenen Ware. So wird sie – Geld.« (ebd.: 101).[3]

Während Marx bei den Eigentumsverhältnissen, dem doppelt freien Lohnarbeiter und schließlich im dritten Band bei den Formen Handels- und zinstragendes Kapital der historischen Genese dieser Formen nachgeht (vgl. Hafner/Gehring 1998), bleiben die Ausführungen ausgerechnet beim Geld aus – und das, obwohl Marx immer wieder auf die historische Dimension und die Kontingenz der Herausbildung von Geld- und Kreditverhältnissen abhebt.

Zwar wurde in der Marxforschung diskutiert, inwiefern die Goldbindung des Geldes historisch kontingent (vgl. Stützle 2006) und wie wesentlich eine Zentralbank ist, die die »Münzung« übernimmt, das heißt dem Geld nicht nur einen Namen gibt, sondern auch hoheitlich die Einheiten festlegt. Bisher kaum diskutiert wurde hingegen, die »gesellschaftliche Tat«, mit der das Geld ebenso »blut- und schmutztriefend« (MEW, Bd. 23: 788) in die Welt kommt, begleitet von »grotesk-terroristischen Gesetzen« (ebd.: 765), wie bei der Freisetzung und Disziplinierung der Lohnarbeit. Strafpraktiken wurden nämlich auch gegenüber clipping und Geldfälschung angewendet. Geld und Eigentum bzw. Eigentumslosigkeit verweisen demnach auch in ihrer historischen Genese eine gemeinsame Geschichte auf. Um in Marx’ Bild zu bleiben, dass die die ursprüngliche Akkumulation für die Politische Ökonomie das sei, was in der Theologie die Legende vom Sündenfall, wird der Ursprung des Geldes, »indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird« (MEW, Bd. 23: 741). Marx weiter: »In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle. […] In der Tat sind die Methoden der ursprünglichen Akkumulation alles andere, nur nicht idyllisch.« (MEW, Bd. 23: 742) Das gilt auch für die Geschichte des Geldes. Hierzu dann – ohne den hier ausgeführten Exkurs – mein Aufsatz in der PROKLA 199.


[1] Gerd Schwerhoff, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit und Mitglied im Beirat der Reihe »Hexenforschung«, hat eine wohlwollende Besprechung sehr pointiert kritisiert, jedoch ohne das Buch gelesen zu haben. https://fnzinfo.hypotheses.org/917#comments

[2] Vgl. kritisch zu Federicis Konzeption des Übergangs zum Kapitalismus Blank (2014) und Leach (2019).

[3] In den Manuskripten zum dritten Band schreibt Marx im Kapitel »Geschichtliches über das Kaufmannskapital«, dass dieses durch seine Bewegung Äquivalenz setze (MEW, Bd. 25: 342). Auf diesen Punkt und den damit einhergehenden Umstand, dass historisch zunächst die Niederlande und schließlich England in ihrer Rolle als Handelsmacht auch das dominante Finanzzentrum stellten, kann hier nicht weiter eingegangen werden.


Literatur

Blank, Gary (2014): Marxism, Gender and ‚the Transition’: A Comparative Review of Federici and Seccombe. In: Analize (16)2.

Elmer, Peter (2016): Witchcraft, Witch-Hunting, and Politics in Early Modern England. Oxford.

Federici, Silvia (2004): Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien 2012

Federici, Silvia (2019): Hexenjagd. Die Angst vor der Macht der Frauen. Münster.

Gaskill, Malcolm (2000): Crime and Mentalities in Early Modern England, Cambridge Studies in Early Modern British History. Cambridge. DOI: http://doi.org/10.1017/CCOL0521572754.

Gaskill, Malcolm (2016): Review of »Witchcraft, Witch-Hunting, and Politics in Early Modern England« by Peter Elmer. In: History. Journal of the Historical Association (101)348: 785-787.

Hafner, Kornelia / Gehring, Thomas (1998): Historisches über das Kaufmannskapital. Über das notwendige Hereintreten des Historischen in die Darstellung der Kritik der politischen Ökonomie. In: Beiträge zur Marx-Engels Forschung Neue Folge 1997: 161-179.

Leach, Nicole (2019): Rethinking the Rules of Reproduction and the Transition to Capitalism: Reading Federici and Brenner Together. In: Lafrance, Xavier / Post, Charles (Hg.): Case Studies in the Origins of Capitalism. Cham: 317-342.

Levack, Brian P. (1999): Hexenjagd : Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa. München

Nuss, Sabine (2006): Copyright & Copyriot. Aneignugskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus. Münster.

Polanyi, Karl (1944): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt/M 1997.

Stützle, Ingo (2006): Die Frage der konstitutiven Relevanz der Geldware in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie. In: Hoff, Jan / Petrioli, Alexis / Stützle, Ingo, u.a. (Hg.): Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen Philosophie. Münster: 256-286.

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