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Radikale Kritik mit Bart

Mit der Finanz- und Weltwirtschaftskrise wuchs das Interesse an der marxschen Theorie. Fast jede Neuerscheinung über Marx beginnt mit dieser Feststellung – und es sind viele Bücher: Einführungen, Übersetzungen, Sammelbände und Neuauflagen. Sie alle haben unterschiedliche Ansprüche und AdressatInnen.

Einführungen sollen einen ersten Einblick in die marxsche Kritik geben. Eine zweite Gattung versucht, Marx gegenüber dem Mainstream zu verteidigen. Hier ist »Wo Marx Recht hat« von Fritz Reheis zu nennen, das man jedoch nicht in die Hand nehmen sollte, wenn man über Marx etwas lernen will. (1) Marx für sich zu entdecken prädestiniert nicht automatisch dazu, ihn anderen zugänglich machen zu können.

Die dritte Kategorie hat weder zum Ziel, Marx im Sinne einer Einführung zu erklären, noch seine vermeintlich richtigen »Ideen« zu verteidigen, sondern nimmt ihn als Wissenschaftler ernst. Hierbei geht es durchaus zur Sache: Weiße Flecken werden benannt, wichtige Fragen kontrovers diskutiert und die Unabgeschlossenheit der Kritik der politischen Ökonomie herausgearbeitet.

Einführungen mit Lücken

In einfacher Sprache zentrale Punkte der Theorie nachvollziehbar zu machen, gelingt vor allem David Harvey. Der VSA-Verlag hat seine Vorlesungen in einer sehr guten Übersetzung dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. Die Einführung ist lebendig und in angelsächsischer Manier nicht belehrend. Die Gliederung entspricht dem Aufbau des »Kapital«. Leider hat sich Harvey nur den ersten Band vorgenommen. Zentrale Begriffe, die für das Verständnis der Finanzmarktkrise nötig sind (fiktives Kapital, Kreditsystem), sucht man vergeblich.

Georg Fülberth diskutiert auf viel weniger Seiten alle drei Bände – mit inhaltlichen Lücken. Was nicht schlimm wäre, wenn er sich nicht gleichzeitig auf Nebenschauplätzen tummeln würde. Fülberth möchte das marxsche »Kapital« für alle diejenigen erklären, »die ihren Lebensunterhalt nicht mit Kritik der Politischen Ökonomie und Gesellschaftswissenschaften verdienen, sondern mit anderen Tätigkeiten«. Ein löbliches Vorhaben, dem er leider kaum gerecht wird.

Zwar will Fülberth nicht polemisieren, gleichzeitig kritisiert er andere Positionen, wobei ohne Vorkenntnisse und aufgrund der Kürze oft unklar bleibt, was eigentlich das Problem und was genau seine Kritik ist, z.B. beim sogenannten Transformationsproblem. Fülberth diskutiert die seiner Ansicht nach angemessenen Lösungen (zu den den LeserInnen nicht ganz klar gewordenen Problemen) auf über fünf Seiten, und in der Literaturliste gehört fast die Hälfte der aufgeführten Titel zu diesem Themenkreis.

Hürden der Aneignung und Vermittlung

Seine Einführung unterscheidet sich kaum von denen aus den 1970er Jahren und es ist offensichtlich, dass er nicht ernsthaft neue Literatur zur Kenntnis genommen hat. Das zeigt sich bei seinem Seitenhieb gegen die sogenannte monetäre Werttheorie. (2) Gegen sie führt er ins Feld, Marx habe ja gerade gezeigt, dass hinter dem »Wert« die »Arbeit« stecke; nur ein paar Seiten weiter zitiert er Marx zustimmend, dass das ja gar nicht die eigentliche Frage sei.

Selbstredend ist es wichtig, Marx möglichst einfach darzustellen; das macht aber eine inhaltlich-theoretische Diskussion nicht überflüssig – ganz im Gegenteil. JedeR, der oder die sich einmal ans »Kapital« gewagt hat, weiß, dass die Lektüre kein Deckchensticken ist. Das wusste auch Marx, der im Vorwort zu seinem Hauptwerk bemerkte, dass aller Anfang schwer sei. Als das Buch bereits im Druck war, baten ihn seine Freunde Engels und Kugelmann, dem schwer verständlichen Anfang eine ausführliche Version als Nachwort zur Seite zu stellen.

Der Sammelband »Kapital & Kritik« richtet sich an LeserInnen, die die blauen Bände schon durchgekaut haben. Und dennoch: Ausgerechnet in diesem Band findet sich die beste Reflexion über »Hürden der Aneignung und Vermittlung« des marxschen »Kapital« – der Aufsatz von Anne Steckner, auch wenn sie scharf mit den Spezialdiskussionen ins Gericht geht.

Aber genau diese sind auch in diesem Band zu finden – zum Glück. Besonders erhellend ist der Beitrag von Oliver Schlaudt. Der sogenannten monetären Werttheorie, die statt auf Arbeitswerte und deren quantitative Dimension das Geld als ökonomische und gesellschaftliche Qualität ins Zentrum des Interesses rückt, wurde immer vorgeworfen, die quantitative Dimension nicht mehr zu thematisieren. Nicht die Feststellung, dass Ausbeutung stattfindet, und der Zusammenhang von Arbeit und Wert seien das Innovative bei Marx, sondern die Analyse der Form, die diese annehmen: Ausbeutung nimmt die Form der Lohnarbeit an, bei der alle Arbeit als bezahlte erscheint, die warenproduzierende Arbeit nimmt die Form der Geldvermittlung an, und der gesellschaftliche Zusammenhang erscheint als ein sachlicher – ist fetischisiert.

Schlaudt thematisiert Marx als »Messtheoretiker« und legt die Grundlage dafür, an der festgefahrenen Frage inhaltlich weiter zu kommen, indem er die Unterscheidung zwischen »Quantität« und »quantifizierbar« einführt. Das mag für diejenigen, die sich zunächst mit einer Einführung schwer tun, esoterisch klingen; tatsächlich stellt es einen Fortschritt dar, der hoffentlich dazu führt, in verfahrenen Diskussionen z.B. über das Transformationsproblem oder die Wertformanalyse voranzukommen.

Der Band räumt auch mit anderen Mythen auf. Zum Beispiel, dass man Marx als Eurozentristen abheften könne. Kolja Linder zeigt, dass die oft verpönte Marx-Exegese erst ermöglicht, ein differenziertes Bild von Marx zu zeichnen und ihn für andere Wissenschaften zu öffnen – zum Beispiel für die Postcolonial Studies. Nicht nur dieser Beitrag aus »Kapital & Kritik« zeigt, dass man sich erst in Marx hineinknien muss, um die Punkte zu finden, an denen man über ihn hinausgehen muss.

Eine elaborierte methodische Selbstverständigung ist nach wie vor notwendig. Das zeigen vor allem die Einführungen. So hat Harvey nicht verstanden, welche Überlegungen hinter der Darstellung im »Kapital« stecken. Denn auf der einen Seite unterstreicht er die große Bedeutung, die die Methode bei Marx habe. Gleichzeitig ist er schwer verwundert, dass Marx sich scheinbar ständig wiederholt. Die Wiederholungen sind jedoch keine, sondern die Form der Darstellung, die Methode in actu. Wiederholungen sind es nur dann, wenn man eine allgemeine Methode am Werk sieht, die unabhängig vom darzustellenden Stoff existiert. Das schmälert jedoch nicht Harveys »Feingefühl« für die gesellschaftlichen Verhältnisse, die in den unterschiedlichsten Formen zum Ausdruck kommen.

Auf der einen Seite stellt Harvey durchaus die Bedeutung der fetischisierten Formen heraus. Darin liegt zwar nicht unbedingt seine Stärke, aber ihm gelingt es über die Darstellung des ganzen ersten Bandes hinweg aufzuzeigen, welche sozialen Verhältnisse und damit immer gesellschaftlichen Konflikte sich »hinter« den Kategorien der politischen Ökonomie verbergen.

Eine radikale Kapitalismuskritik bedeutet nicht, Spielräume innerhalb des Kapitalismus zu leugnen. Auch Marx war kein Gegner von Reformen oder Verbesserungen proletarischer Lebensbedingungen. Mehr noch: Mit der marxschen Theorie kann man gerade zeigen, wie und wo der Kapitalismus Spielräume aufweist, ohne dass er aufhört, Kapitalismus zu sein. Marx führt diese Perspektive gerade beim Kapitel über den Kampf um den Normalarbeitstag aus, die Harvey diskutiert. Was als »normaler« Arbeitstag in einer Gesellschaft gilt, ist ein Resultat von Kämpfen. Marx zeigt aber auch, dass steigende Löhne mit steigender Ausbeutung zusammenfallen können. Kämpfe um kürzere Arbeitszeiten und höhere Löhne mögen also noch so politisch richtig und wünschenswert sein: Den Kapitalismus heben sie nicht aus den Angeln.

Bei allen Spielräumen geht es immer auch darum, die Grenzen zu benennen und sich ihrer in politischen Auseinandersetzungen bewusst zu sein. Harvey schreibt: »Der Klassenkampf führt nur zu einem Ausgleich im Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit. Nur zu leicht lässt sich der Klassenkampf als eine positive Kraft in die kapitalistische Dynamik integrieren, die zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsweise beiträgt. Damit zeigt sich zwar, dass der Klassenkampf unvermeidlich und gesellschaftlich notwendig ist, aber die Perspektive einer revolutionären Überwindung des Kapitalismus bleibt im Dunkeln.« Harvey macht deutlich, dass es für Marx nicht der Punkt ist, dass Klassenkampf und Ausbeutung stattfinden, sondern welche Formen diese annehmen.

Diese Perspektive fehlt bei Harry Cleaver. Sein 1979 erstmals erschienenes Buch hat der Verlag Mandelbaum endlich ins Deutsche übersetzt. Dabei hätten jedoch die HerausgeberInnen in ihrer Vorbemerkung das Buch nach über 30 Jahren historisch kontextualisieren müssen. Marx musste damals dem (orthodoxen) Marxismus erst wieder entrissen werden. In den realsozialistischen Ländern wurde der Marxismus zu einer »Legitimationswissenschaft« (Negt) und die marxsche Ökonomiekritik zu einer Folie für Politische Ökonomie.

Cleaver liest Marx in der Tradition des italienischen Operaismus und zeigt, wie dieser als »Autonomist Marxism« im Angelsächsischen interpretiert wurde: Zentrales Thema war hier der Klassenkampf. Das Kapital wurde verstärkt als gesellschaftliches Verhältnis interpretiert, d.h. nicht als etwas, das – einer eigenen Logik folgend – auf einen historischen Endpunkt zusteuert, sondern als Dynamik, die verschiedene Klassenkräfte einschließt. Die Dynamik des Kapitals gehe vom »Angriffsdruck der Klassenbewegung« aus, heißt es bei Mario Tronti, einem wichtigen Vertreter des Operaismus.

Marx, so wiederum Cleaver, »bestand nicht nur wiederholt darauf, dass das Kapital ein gesellschaftliches Klassenverhältnis ist, sondern er hielt auch explizit fest, dass auf der Ebene der Klasse die sogenannten ökonomischen Verhältnisse in Wirklichkeit politische Verhältnisse sind.« Gemeint sind damit politisch umkämpfte Verhältnisse – wie etwa der Arbeitstag, den auch Cleaver thematisiert. Er erreicht aber nicht Harveys Niveau der Auseinandersetzung; so bleibt seine Forderung in der Luft hängen, »dass jede Kategorie explizit auf den Klassenkampf bezogen werden« müsse, dies aber nicht bedeute, »alles auf den Klassenkampf zu reduzieren«.

Marx politisch lesen!

Wie schnell der Appell, »Kapital«-Lektüre solle der politischen Praxis dienen, in falsches Fahrwasser gerät, zeigt Cleaver, wenn er behauptet, eine bestimmte Marx-Lektüre würde sich nicht der Frage der Praxis stellen, ja sogar vom Wesentlichen ablenken, nämlich dem Klassenkampf. Cleaver zufolge müsse es darum gehen, »abgehobene Interpretationen und abstraktes Theoretisieren« zu meiden, da es »die einzige Lesart von Marx« sei, die »wirklich vom Standpunkt der ArbeiterInnenklasse ausgeht, weil sie die einzige ist, die direkt auf die Bedürfnisse dieser Klasse nach Klärung des Handlungsspielraums und der Struktur ihrer eigenen Macht und Strategie antwortet«. Diese schlechte Tradition des Marxismus, in paternalistischer Manier für die Arbeiterklasse zu sprechen, sollte man sich möglichst nicht angewöhnen.

Marx sollte jedoch durchaus politisch gelesen werden. Aber dem widersprechen auch Heinrich und Bonefeld nicht, auch wenn sie die Frage etwas anders stellen. Ihnen zufolge müsste es darum gehen, mit den marxschen Konzepten die kapitalistisch verfasste Gesellschaftlichkeit auszuloten – also die Strukturen und Formen, die die »Handlungsspielräume« (Cleaver) überhaupt bestimmen, wie ja die Diskussion des Arbeitstags und die Lohnform zeigen: »Ein Versuch, der durchaus praktische Bedeutung gewinnen kann, wenn es darum geht zu bestimmen, was Gegenmacht bedeutet, die nicht von dieser Gesellschaftlichkeit produzierten Mystifizierungen aufsitzt und die sich nicht in den Fallstricken der politischen Form Staat verfängt.«

Anmerkungen:

1) Von Terry Eagelton ist ein fast gleichnamiges Buch angekündigt.

2) Der Polemik bedient sich Fülberth in einem Aufsatz in konkret 10/2011.

Literatur:

Werner Bonefeld und Michael Heinrich (Hg.): Kapital & Kritik. Nach der »neuen« Marx-Lektüre. VSA-Verlag, Hamburg 2011, 29,80 EUR.

Harry Cleaver: »Das Kapital« politisch lesen. Mandelbaum, Wien 2012, 19,90 EUR.

Georg Fülberth : »Das Kapital« kompakt. Papyrossa, Köln 2011, 9,90 EUR.

David Harvey: Marx‘ »Kapital« lesen. Ein Begleiter für Fortgeschrittene und Einsteiger. VSA-Verlag, Hamburg 2011, 24,80 EUR.

Fritz Reheis: Wo Marx Recht hat. Primus Verlag, Darmstadt 2011. 208 Seiten, 19,90 EUR.