Marx allein Zuhause. Das Kapital als Hörbuch

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Marx wurde vor ein paar Jahren nicht nur zum drittbesten Deutschen gewählt, sondern im Zuge der gegenwärtigen Krise des Kapitalismus auch gerne zitiert. Viele aber ahnen es: So einfach ist es nicht, das Hauptwerk von Marx, Das Kapital. Inzwischen liegt eine sechsteilige CD-Version des ersten Bandes vor und Jörg Sundermeier hat es »ganz angetan« (perlentaucher) für die taz besprochen.

Hierzu eine kurze Anmerkung: Auch wenn Sundermeier am Ende seiner Besprechung zurecht – und zum Glück – betont, dass das Hörbuch keine kollektive Lektüre des Kapitals ersetzen kann, kommt mir das Vorhaben, Das Kapital überhaupt hörbar zu machen, doch etwas eigenartig vor.

Trotz allem Witz und aller Sprachgewalt ist Das Kapital ein wissenschaftliches Buch. Einfach nur verständliche Passagen aus ihrem Zusammenhang zu reißen macht wenig Sinn, ja ist Sinn entstellend. Übrig bleibt nämlich Amüsement oder wie Sundermeier schreibt: eine Beruhigungspille. Wollen wir das?

Entgegen Sundermeiers Anmerkung kann man mit dem Kapital auf den Ohren durchaus verblöden, nämlich dann, wenn zentrale Erkenntnisse aus dem Kapital erst gar nicht zugänglich gemacht werden. Aber bereits die Textauswahl zeigt, dass das passiert und eben dem Gegenstand des Kapitals nicht angemessen ist.

Gerne wird Marx’ Brief an Kugelmann herangezogen, um deutlich zu machen, dass man die ersten Kapitel des Kapitals durchaus überspringen könnte (ähnlich argumentierte Louis Althusser; kritisch hierzu Milios). Unterschlagen wird hingegen oft eine Stelle aus dem Vorwort zur Erstauflage (im Hörbuch trotzdem vorgelesen):

»Aller Anfang ist schwer, gilt in jeder Wissenschaft. Das Verständnis des ersten Kapitels, namentlich des Abschnitts, der die Analyse der Ware enthält, wird daher die meiste Schwierigkeit machen. […] Mit Ausnahme des Abschnitts über die Wertform wird man daher dies Buch nicht wegen Schwerverständlichkeit anklagen können. Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen.« (Vorwort zur ersten Auflage)

Selbst Marx gibt also zu, dass der Anfang schwer verständlich ist. Des Weiteren entsprechen die angesprochenen Passagen in der handlsüblichen MEW 23 nicht dem, was 1867 in der Erstauflage zu finden war, wozu Marx also das Vorwort eigentlich schrieb. Marx produzierte bereits während der Drucklegung auf Anraten seiner Freunde einen erklärenden Anhang zum Anfang des Kapitals. Für die Zweitauflage überarbeitete er den Anfang grundlegend.

Trotz aller Schwierigkeit muss man aber genau durch diesen Anfang durch um, wie Marx schreibt, etwas Neues zu lernen, d.h. eben nicht dumm zu bleiben – was man beim alleinigen Hören der CD bleiben muss. Aus u.a. zwei Gründen, die Sundermeier nicht nennt:

Zum einen versteht man die einfachste Möglichkeit von Krise im Kapitalismus nicht, nämlich den Umstand, dass im Kapitalismus die privat verausgabte Arbeit erst ex post, d.h. auf dem anonymen Markt, über das Geld vergesellschaftet wird. Erst im Tausch gegen Geld wird die warenproduzierende Arbeit Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit. Damit ist Geld nicht wie in der vorherrschenden Neoklassik ein einfaches Schmiermittel der Zirkulation, sondern ein für die kapitalistische Produktionsweise konstitutives Moment. Ein Moment, in welchem die Krise immer schon angelegt ist, weil Verkauf und Kauf von Waren zeitlich und örtlich auseinanderfallen können. Diese Kritik trifft bis heute ins Mark der universitären und FAZ-Wirtschaftwissenschaften. Der Marx-Genuss bleibt damit via Hör-CD nicht nur mangelhaft, sondern fragwürdig. Marx wird seines kritischen Anspruchs beraubt und: zur Attitüde, zu einer Ware der Kulturindustrie. Schließlich schrieb sich Marx die Entwicklung und Begründung der Geldform als die zentrale wissenschaftliche Einsicht auf die Fahne und gerade in dieser Entdeckung und der Form seiner Darstellung liegt auch die die Radikalität seiner Kritik. Eine Kritik, die leider auch gegen eine bestimmte Marx-Lektüre (u.a. von Negri) verteidigen muss. Sundermeiers Kritik an der Hör-CD bleibt an diesem Punkt jedoch leider inhaltlich in der Luft hängen und muss sich deshalb auf die reißerische und oberflächliche Gestaltung des Beiheftes beschränken.

Ein zweiter Punkt, der hier nicht weiter ausgeführt werden kann, ist die Auslassung des sog. Fetischkapitels. Eine Frage, worüber sich immer und immer wieder der Kopf zerbrochen wurde ist: Warum ist der Kapitalismus so stabil und beständig, obwohl er so krisenhaft ist. Eine Antwort formuliert Marx im Schluss des – ja: schwierigen – ersten Kapitels des ersten Bandes, dem Abschnitt über den Fetischcharakter der Ware. Die gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen den Akteuren als natürliche Eigenschaften der Sachen und damit: unveränderbar und Sachzwang. Diesen Teil einfach zu überspringen bedeutet, die kritische Einsichten in den Kapitalismus auszusparen. Aber was bleibt dann von Marx? Nicht viel.

Eine Kritik am vorliegenen Hörbuch sollte also durchaus grundlegender sein. Zumindest wenn man Das Kapital als das zugänglich machen will was sein Untertitel verspricht: Kritik der politischen Ökonomie.

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Ingo Stützle

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