FAQ. Noch Fragen? Arm dank Arbeit

siestaZwei Millionen Menschen gehören in Deutschland zu den sogenannten Working Poor. Menschen, die arm sind, obwohl sie arbeiten. Zählt man Angehörige dazu, sind es sogar bis zu fünf Millionen, die trotz arbeitender Familienangehöriger in Armut leben. Das ist das Ergebnis des »Datenreport 2013«, den das Statistische Bundesamt, die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) und das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) vorgelegt haben. Fast gleichzeitig ist vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung eine ähnliche Analyse zum Thema publiziert worden.

Derzeit arbeitet jedeR zehnte Erwerbstätige für weniger als sechs Euro die Stunde. Kein Wunder also, dass es gleichzeitig so viele Erwerbstätige wie noch nie gibt – schließlich kommt nur durch mehr Arbeiten so viel zusammen, dass ein Haushalt überleben kann. Insgesamt wurden 2012 fast 58 Milliarden Stunden gearbeitet – nicht einbezogen ist Reproduktionsarbeit und deren Verteilung zwischen den Geschlechtern. Das hört sich viel an, ist aber weniger als früher. Es gibt demnach mehr Erwerbstätige bei gleichzeitig weniger bezahltem Arbeitsvolumen.

Unternehmensverbände und gut bezahlte KaffeesatzleserInnen verweisen immer auf das Wirtschaftswachstum, das erst eine Umverteilung und Einkommenszuwächse ermögliche. Gut gepredigt. Nur: Während die Wirtschaft wächst, der Export brummt, wächst Armut und verschiebt sich die Verteilung zwischen Löhnen und Gewinnen – deutsche Verteilungsarithmetik. Gegenüber 2000 liegen die Nettolöhne bei minus einem Prozent; die Unternehmens- und Vermögenseinkommen dagegen bei plus 38 Prozent. In einigen Bereichen sieht es noch drastischer aus: Die 30 DAX-Vorstände verdienten vor 1989 jeweils 500.000 D-Mark. Das war das 20fache von dem, was die Lohnabhängigen in ihren Unternehmen bekamen; 2009 waren es etwa 6 Millionen Euro und damit sogar das 200fache.

Während im Jahr 2000 das ärmste Fünftel der Bevölkerung noch über zehn Prozent des Gesamteinkommens verfügten, waren es 2011 nur noch neun Prozent. Umgekehrt wuchs der Anteil am Gesamteinkommen beim oberen Fünftel von 35 auf 37 Prozent. Aber nicht nur das: Diese Verhältnisse haben sich verfestigt, d.h. die Chance, die Armutszone zu verlassen, ist in den letzten Jahren gesunken. Atypisch Beschäftigte, etwa LeiharbeiterInnen, tragen deshalb ein besonders hohes Risiko, dauerhaft in Armut zu leben.

Zufall? Nein. Die Entwicklung kommt nicht von ungefähr. »Wir haben einen funktionierenden Niedriglohnsektor aufgebaut, und wir haben bei der Unterstützungszahlung die Anreize dafür, Arbeit aufzunehmen, sehr stark in den Vordergrund gestellt« – so Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vor dem World Economic Forum 2005 in Davos über die Agenda 2010. Inzwischen arbeitet jedeR fünfte Lohnabhängige – unter Frauen und Jungen jedeR Dritte – nicht in einem unbefristeten und sozialversicherten Job. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass die Menschen nicht trotz Arbeit arm sind, sondern aufgrund von Arbeit.

Was bedeutet diese Entwicklung für das Leben im Alter? Mit der teilprivatisierten Rente sind gleich zwei Entwicklungen eingetreten: Nicht nur wurden Unternehmen von Rentenbeiträgen entlastet und dem Finanzkapital zugleich Anlagemöglichkeiten geschaffen, sondern viele arme Menschen haben de facto weniger von der Rente als Reiche. Nicht nur, was die Höhe angeht – viele Working Poor werden auch zur Rente etwas hinzuverdienen müssen: auch in dem Sinne, dass sie proportional weniger von der Rentenauszahlung haben als Besserverdienende. Der einfache Grund: Sie sterben früher. Arme Männer streben durchschnittlich mit 70,1 Jahren; diejenigen, die mehr als 150 Prozent des durchschnittlichen Einkommens, hingegen mit 80,9 Jahren. Sie werden zehn Jahre älter und genießen deshalb auch zehn Jahre länger die Rente. Bei Frauen beträgt die Differenz rund acht Jahre.

Und die Medien? Bereits im April 2013 zeigte die Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung »Portionierte Armut, Blackbox-Reichtum – Die Angst des Journalismus vor der sozialen Kluft« von Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt anhand von vier großen Tageszeitungen und zwei Wochenzeitschriften, dass die Kluft zwischen Reich und Arm in den Medien personalisiert wird. Gesellschaftliche Verhältnisse werden nicht thematisiert. Auch die öffentliche Meinung, also die Medien, die etwa über derartige Studien berichten, sind eher Teil des Problems und bieten wenig Aufklärung und sozialkritische Analyse.

Ingo Stützle

Erschienen in: ak  – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 589 vom 17.12.2013, S. 8.

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