Piraten im Ausnahmezustand. Daniel Heller-Roazen untersucht die Geschichte einer Rechtsfigur

Der Begriff „Ausnahmezustand“ hat seit Jahren Konjunktur. Der Literaturwissenschaftler Daniel Heller-Roazen beschäftigt sich in seiner Studie mit einer dazugehörenden Rechtsfigur, dem Pirat. Die bis in die Antike zurückgehende Untersuchung folgt der historischen Entstehung der Figur „Pirat“, dem politischen und sozialen Wandel und seinem Verschwinden. Dass der Pirat plötzlich wieder auf der politischen Bühne erscheint, ist für Heller-Roazen ein Anzeichen dafür, dass sich die Formen der politischen Konfrontationen verändert haben, und ein Alarmzeichen zugleich.

Als Ausgangspunkt seiner Studie führt Heller-Roazen vier wiederkehrende Merkmale an: Für das Paradigma „Pirat“ bedarf es erstens immer eines Gebiets, in dem rechtliche Ausnahmeregeln gelten. Der Pirat wird zweitens als Feind aller definiert. Er nimmt gegenüber „normalen“ Feinden einen Sonderstatus ein. Drittens verwischen bei seiner Verfolgung die Grenzen von Recht und Politik. Schließlich verändert sich viertens mit dem Pirat als Feind aller der Begriff des Krieges.

Wenn Gleichheit so fest wie ein Volksvorurteil wird

Diese als Thesen vorangestellten Momente verfolgt Heller-Roazen in einer Art Chronologie von der Antike, dem Mittelalter bis zur frühen Neuzeit. Um den Piraten näher zu bestimmen, muss er diesen u.a. von Freibeutern und Korsaren abgrenzen, die unter vorbürgerlichen Verhältnissen durchaus legitim und anerkannt waren. Nicht jede Plünderei war gleich Piraterie, sondern „rechtmäßig“.

Damit wäre bereits eine Schwäche der Studie angesprochen. Heller-Roazen ist Literaturwissenschaftler und nähert sich dem Stoff philologisch. Das bringt jedoch ein Problem mit sich, das Heller-Roazens Kollege Terry Eagleton in einem anderen Zusammenhang bildlich auf den Punkt bringt. Dieser kritisierte seine wissenschaftliche Zunft dafür, dass viele VertreterInnen die sozialen Verhältnisse vor der Interpretation von Texten an der Garderobe abgeben würden. Genau das macht Heller-Roazen. Auch wenn er ein Gespür dafür hat, dass sich der Sinn und der Inhalt von Wörtern über die Jahrhunderte verändern, so fragt er sich dennoch nicht, was sich an den sozialen Verhältnissen transformiert. Wieso ist die gleiche Tat zu einer Zeit eine „rechtmäßige Plünderung“ und Jahre später „ein Verbrechen“?

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Kaperei geächtet. Heller-Roazen stellt sich nicht die Frage, warum bzw. ob das mit der Durchsetzung bürgerlicher und kapitalistischer Verhältnisse zusammenhängt. In Marx‘ Kapital heißt es, dass Aristoteles nicht erkennen konnte, dass sich in Waren „alle Arbeiten als gleiche menschliche Arbeit und daher als gleichgeltend“ ausdrücken, weil „die griechische Gesellschaft auf der Sklavenarbeit beruhte.“ Dieser Sachverhalt könne erst entziffert werden, „sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils“ besitze und das sei erst in einer Gesellschaft möglich, worin „das herrschende gesellschaftliche Verhältnis“ der Menschen zueinander eines von Warenbesitzern ist. Das ist keine Frage im akademischen Elfenbeinturm, denn: Heller-Roazen konstatiert zwar zurecht, dass die Rede von „der Menschheit“ ein neuzeitliches Phänomen ist, kann aber nicht erklären, warum sich die Vorstellung von gleichen, mit natürlichen Rechten ausgestatteten Menschen in dieser historischen Phase durchsetzen konnte. Für eine Untersuchung über Piraten ist das nicht unwichtig. Der Feind aller kann nicht gleichzeitig zur mit Rechten ausgestatteten Menschheit gehören – er zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass er von allen Rechten und Pflichten ausgeschlossen ist.

Hinter Schlagworten verschwinden Differenzen

Deshalb wirkt der Schluss auch arg „alarmistisch“, da er seine Frage umdreht: „Nicht mehr das Gebiet, in dem er sich bewegt, definiert den Piraten. Statt dessen wird ein Gebiet zum Bereich von Piraterie, weil es dort Piraten gibt. Wo immer ein ,Feind aller‘ ist – auf hoher See, in der Luft oder zu Lande -, taucht eine Zone ,jenseits der Grenze‘ auf. Dort brauchen die regulären Statuten des Rechts, des zivilen oder des Kriegsrechts, nicht mehr zu gelten.“ Es herrscht Ausnahmezustand. Willkommen in Guantanamo und den gezielten Morden in Afghanistan (ohne Gerichtsverhandlung).

Es ist nicht zu verleugnen, dass „der Pirat“ in der unterschiedlichsten Form zurück ist: als „ungesetzlicher feindlicher Kombattant“, als Internetpirat oder vor den Küsten Somalias. Es stellt sich allerdings die Frage, ob diesem Phänomen mit allgemeinen Begriffen wie „permanenter Ausnahmezustand“ (Agamben) oder „Pirat“ beizukommen ist. Denn so bleibt völlig unklar, wie der jeweilige Zusammenhang zwischen der rechtlichen Normalität und den – durchaus rechtsstaatlich – verregelten Ausnahmen aussieht. Natürlich sollte die Schleifung rechtsstaatlicher Prinzipien nicht bagatellisiert werden. Ganz im Gegenteil. Aber ebenso wenig sollten die unterschiedlichsten Entwicklungen hinter nebulösen Schlagwörtern verschwinden. Für eine historische Auseinandersetzung mit der Rechtsfigur Pirat bleibt das Buch jedoch trotz genannter Schwächen unverzichtbar.

Ingo Stützle

Daniel Heller-Roazen: Der Feind aller. Der Pirat und das Recht. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 348 Seiten, 22,95 EUR

Erschienen in: ak – zeitung für linke debatte und praxis,   Nr. 553 v. 17.9.2010

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