Vom Kalten Krieg zum Neoliberalismus

Frank Deppe hat den dritten Band seiner 1999 begonnenen Reihe „Politisches Denken“ vorgelegt. Dieser hat die Zeit des Kalten Kriegs bzw. des Fordismus und seines Niedergangs zum Gegenstand. Deppe bricht mit einem Strukturprinzip der bisherigen Bände, nämlich der verknüpfenden Darstellung der sozioökonomischen Rahmenbedingungen und politischen Denkens. Er begründet das mit dem Umfang des zu bearbeitenden Stoffs, der Zeitspanne zwischen Kriegsende und Zusammenbruch des Realsozialismus. In wie weit die Trennung sinnvoll ist, lässt sich wohl erst mit dem zweiten Teilband beurteilen, in welchem u.a. Arendt, de Beauvoir (die ersten Frauen nach fast 1.000 Seiten!), Sartre, Abendroth, Galbraith und Ché Guevara verhandelt werden sollen. Wie Deppe diese Auswahl begründet, bleibt ebenfalls offen. Die Ausbreitung des Fordismus nach dem Ende des Faschismus zeigt Deppe vor dem Hintergrund einer allgemeinen Überlagerung gesellschaftlicher Konflikte mit dem Ost-West-Gegensatz, der für ihn die „höchste Form der Zuspitzung einer antagonistischen Freund-Feind-Konstellation“ darstellt. Dieses „dominante Konfliktmuster“ sei Grundlage einer ideologischen Mobilisierung gewesen, die es linker Theorie schwer machte und zugleich ein Ausdruck der „Macht des liberalen Denkens“ war. Vor allem mit diesen Aussagen legt Deppe wohl die Parameter für den zweiten Teilband. Das vorliegende Buch ist ein hervorragender Beitrag zur Kapitalismusanalyse. Überzeugend ist Deppes Darstellung vor allem deshalb, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen die realexistierenden Sozialismen und die sog. Dritte Welt nicht ausblendet, sondern als Teil der Weltordnung und nicht einfach als „Peripherie“ begreift. Noch eine weitere Stärke gilt es zu betonen: Während in den letzten Jahren die Durchsetzung des Neoliberalismus vor allem als ideologisches Projekt erörtert wurde, analysiert Deppe diese vor allem als Resultat einer tief greifenden ökonomischen Krise. Die LeserInnen des Buches entlässt Deppe in freudiger Erwartung des vierten und wohl letzten Bandes.

Ingo Stützle

Frank Deppe: Politisches Denken im Kalten Krieg. Teil 1: Die Konfrontation der Systeme. VSA Verlag, Hamburg 2006, 332 Seiten, 24,80 EUR, www.vsa-verlag.de

Erschienen in: ak – zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 512 vom 15.12.2006

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