Ein typischer Fall von Prokrastination: Vor 150 Jahre hielt Karl Marx einen Vortrag »Value, price and profit«

Vor genau 150 Jahren, am 27. Juni 1865, hielt Karl Marx den zweiten Teil eines Vortrags vor dem Provisorischen Zentralrat der Internationale Arbeiterassoziation (IAA), der später als Value, price and profit bekannt wurde. 1 Marx selbst hatte das Vortragsskript nicht veröffentlicht und es war auch nicht dafür vorgesehen. Vielmehr war es wirklich das Vortragsmanuskript, denn entgegen so manchen Mythen war Marx nämlich alles andere als ein guter Redner – er las ab. Die Blätter trugen keine Überschrift. Angefangen zu schreiben hatte Marx bereits im Mai. Der erste Teil des Vortrags (20.6.1865) arbeitete sich an John Weston ab, der zuvor ein Vortrag hielt. Von ihm ist wenig bekannt. Laut Thomas Kuczynski nicht einmal die Lebensdaten. Er war Gründungsmitglied der IAA, Arbeiter, »old Owenist« (Marx) und Aktivist, der auch nach 12 Stunden Arbeit für den Sozialismus agitierte. Bei der Spaltung der IAA 1872 folgte er nicht dem von Marx angeführten Flügel. Weston war also ein IAA-Genosse, dessen Thesen Marx so nicht stehen lassen wollte. Schließlich ging es um die politische Ausrichtung der IAA, die in diesen Jahren viele Grundsatzdebatten führte, etwa wie sich zu Gewerkschaften und ihren Kämpfen verhalten sollte.

Die Auseinandersetzung mit Weston ist ein Beispiel dafür, dass Marx nicht nur eine Kritik der politischen Ökonomie formulierte, sondern sich immer auch mit den Sozialisten und Sozialismen seiner Zeit kritisch auseinandersetzte. 2 Wenn auch nicht immer auf dem theoretischen Niveau und der Anerkennung, die er den Bürgerlichen oft zuteilwerden ließ. Und Westons Thesen waren ganz im Sinne der ökonomischen Klassik, etwa Ricardo, die Marx im Kapital gerade einer grundlegenden Kritik unterziehen wollte. Weston ginge von zwei Voraussetzungen aus. Er argumentiere, dass das, was man heute Bruttoinlandsprodukt nennen würde 3, eine unveränderliche Größe sei und zweitens der Reallohn ein unveränderlicher, konstanter Betrag – Lohnveränderungen würden nur ein erhöhtes Preisniveau nach sich ziehen, namentlich bei den Lebensmitteln. Ein gewerkschaftlicher Kampf für höhere Löhne ginge also ins Leere – oder seien sogar kontraproduktiv.

Eigentlich wollte Marx den Vortrag nicht halten. An Engels schrieb er dennoch am 20. Mai 1865: »Man erwartet natürlich von mir die Widerlegung. Ich hätte also eigentlich meine Réplique für heut abend ausarbeiten sollen, hielt es aber wichtiger, an meinem Buch fortzuschreiben, und muß mich so auf die Improvisation verlassen.« Er arbeite derzeit »wie ein Pferd, da ich die arbeitsfähige Zeit benutzen muß und die carbuncles immer noch da sind, ohne mich jetzt anders als lokal, aber nicht im Hirnkasten zu stören.« Er wollte mit dem Kapital fertig werden. Schließlich schrieb Marx seit Sommer 1863 daran. Mitte 1865 kam er mit einem Manuskript aller drei Bände zum Ende, also just in der Zeit, zu der er den Vortrag hielt. Wenige Wochen zuvor, im März 1865, hatte Marx bereits Post aus Deutschland bekommen. Mit dem Schreiben des Otto-Meißner-Verlags kamen auch die Vertragsunterlagen für Das Kapital. Dass er den Vortrag dennoch hielt, ist wohl ein typischer Fall von Prokrastination. Bereits ein halbes Jahr nach seinem Vortrag Anfang 1866 begann Marx mit der Redaktion der Druckfassung des ersten Bandes. Laut Carl-Erich Vollgraf könnten einige Spitzen und süffisante Bemerkungen in Briefen von u.a. Wilhelm Liebknecht, Marx habe bis auf Flugschriften und Bruchstücke bisher kaum etwas veröffentlicht, dazu geführt haben, dass Marx Anfang 1866 sich doch mit dem Gedanken anfreundete, den ersten Band des Kapitals separat zu veröffentlichen.

Der Vortrag am 20. Juni begann um 21 Uhr. Der zweite Teil des Vortrags fand eine Woche später wahrscheinlich zur gleichen Uhrzeit seine Fortsetzung. Die Diskussion zu Marx‘ Vortrag wurde bis in den August fortgesetzt.

Marx kritisiert Weston zunächst immanent und anhand empirischen Materials. Marx hatte sich Notizen zu Lohn- und Preisentwicklungen der letzten Jahrzehnte gemacht und konnte zeigen, dass die allgemeine Lohnsteigerung von 1849 bis 1855 in England, nach Inkrafttreten des Gesetzes zum 10-Stunden-Tag (1848) begleitet war von einem Fallen der Preise für Industrie- und Landwirtschaftsprodukte. Marx war also bei Weitem kein empiriefeindlicher Philosoph – ganz im Gegenteil: Er kannte die Zahlen. 4

Bereits nach dem ersten Vortrag stand die Frage im Raum, ob Marx den Vortrag publizieren würde. In einem Briefwechsel mit Engels fiel folgendes Gegenargument: Er sei, so Marx, mit »›Mr.Weston‹ als Gegner nicht grade söhr schmeuchelhaft« umgegangen. Am 24. Juni, also zwischen den beiden Vorträgen, schreibt Marx Engels und berichtet, dass er mit seinem Vortrag begonnen habe: »Ich habe in dem Central Council ein paper gelesen … über die von Mr. Weston eingebrachte Frage, wie a generell rise of wages etc. wirken würde. Der erste Teil davon Antwort auf Westons Blödsinn; der zweite a theoretical Auseinandersetzung, soweit Gelegenheit passend dazu.« Veröffentlichen wollte er den Vortrag auch deshalb nicht, weil er »in außerordentlich gedrängter, but relatively popular form, viel Neues« präsentiere, »das aus meinem Buch vorweggenommen ist, während es zugleich doch notwendigerweise über allerlei wegschlüpfen muß.« Das dürfte der eigentliche Grund gewesen sein, warum Marx Abstand davon nahm, den Vortrag zu veröffentlichen, denn in anderen politischen Auseinandersetzungen, die durchaus gedruckt wurde, war Marx alles andere als zurückhaltend mit seinen Gegnern umgegangen. Engels riet ihm, den Vortrag zu veröffentlichen, und auch andere IAA-Mitglieder baten ihn darum: Die Arbeiterklasse brauche Politökonomen! Marx nahm dennoch Abstand davon. Und Engels wusste nach Marxens Tod nicht einmal, dass das Vortragsskript noch existierte. Erst 1898, drei Jahre nach Engels Tod, wurde es von Marx Tochter Eleanor Marx in englischer Sprache unter dem Titel Value, price and profit publiziert – und kurz zuvor in einer deutschen Übersetzung von Eduard Bernstein.

Das »Neue«, in »gedrängter Form« vorgestellt, führte Marx im zweiten Teil seines Vortrags aus: Er kritisiert die wissenschaftliche Perspektive, die den Einsatzpunkt der Analyse in den Bereich des Willens der Akteure verlegt: »Sicher ist es der Wille des Kapitalisten, zu nehmen, was zu nehmen ist. Uns kommt es darauf an, nicht über seinen Willen zu fabeln, sondern seine Macht zu untersuchen, die Schranken dieser Macht und den Charakter dieser Schranken.« (MEW 16, 105) Hier deutet sich das Marxsche Forschungsprogramm an, das davon ausgeht, dass die Untersuchung von intentionalen Handlungen durch die Analyse von gesellschaftlichen Formbestimmungen, unter denen diese Handlungen erfolgen, fundiert werden müssen. Das führt mitunter zu einer bestimmten Darstellung im Kapital.

In seinem Vortrag wendet sich Marx dagegen, dass Konkurrenz oder Preisbewegungen den Charakter der Schranken erklären könnten, die Gesetze lüften. Dennoch geht Marx Analyse der aufgeworfenen Frage nach, ob eine Erhöhung der Geldmenge (etwa durch höhere Löhne), die Preise beeinflusse. Marx widerspricht: Der Geldumlauf habe mit der Wertgröße der Waren nichts zu schaffen – und letzterer müsste man auf die Spur kommen. Bereits die ökonomische Klassik widmete sich der Frage, wie die Wertgröße zu bestimmen sei, allen voran David Ricardo. Die Spurensuche, so Marx endete jedoch an einem »toten Punkt« (S. 121), die Antworten bewegten sich im Kreis, weil die Wertgröße einer Ware durch den Arbeitslohn (konzipiert als Warenkorb) bestimmt, Wert also durch Wert begründet werde – eine Tautologie.

Marx zufolge stellt sich demnach noch immer die Frage danach, wie der quantitative Austausch von Waren reguliert werde (S. 122). Einerseits seien die Proportionen, zu denen Waren ausgetaucht werden, etwas Relatives – je nachdem, welche Ware gegen welche getauscht werde. Dennoch zeichnen diese Austauschverhältnisse etwas Systematisches aus, was auf ein »gemeinsames Maß« (S. 122) verweise, die »durchschnittliche oder einfache Arbeit« (S. 123):

»Wenn wir Waren als Werte betrachten, so betrachten wir sie ausschließlich unter dem einzigen Gesichtspunkt der in ihnen vergegenständlichten, dargestellten oder, wenn es beliebt, kristallisierten gesellschaftlichen Arbeit. In dieser Hinsicht können sie sich nur unterscheiden durch die in ihnen repräsentierten größeren oder kleineren Arbeitsquanta, wie z.B. in einem seidnen Schnupftuch eine größere Arbeitsmenge aufgearbeitet sein mag als in einem Ziegelstein. Wie aber mißt man Arbeitsquanta? Nach der Dauer der Arbeitszeit, indem man die Arbeit nach Stunde, Tag etc. mißt.« (S. 123)

An dieser Passage fällt auf, dass Marx hier noch nicht von »abstrakter Arbeit« spricht, ein Begriff, der erst in der Zweitauflage des Kapital von 1872 zu finden ist.

Aber auch mit dieser Erklärung der Wertgröße steht Marx vor einem Paradox, das er erklären muss: Wie ist auf Grundlage von Äquivalententausch, einem Warenaustausch zu Werten, Ausbeutung und Profit möglich?

»Um daher die allgemeine Natur des Profits zu erklären, müßt ihr von dem Grundsatz ausgehn, daß im Durchschnitt Waren zu ihren wirklichen Werten verkauft werden und daß Profite sich herleiten aus dem Verkauf der Waren zu ihren Werten, d.h. im Verhältnis zu dem in ihnen vergegenständlichten Arbeitsquantum. Könnt ihr den Profit nicht unter dieser Voraussetzung erklären, so könnt ihr ihn überhaupt nicht erklären. Dies scheint paradox und der alltäglichen Beobachtung widersprechend. Es ist ebenso paradox, daß die Erde um die Sonne kreist und daß Wasser aus zwei äußerst leicht entflammenden Gasen besteht. Wissenschaftliche Wahrheit ist immer paradox vom Standpunkt der alltäglichen Erfahrung, die nur den täuschenden Schein der Dinge wahrnimmt.« (S. 129)

Um das Paradoxon aufzulösen, führt er die Unterscheidung von Arbeit und Arbeitskraft ein, die zentral für seine Argumentation im Kapital sein wird und die er in seinem Vortrag nur skizziert.

Der Lohn entspreche der Wertgröße, die notwendig ist, um die Arbeitskraft mittels Lebensmittel etc. zu erhalten (S. 131). Die Lohnabhängigen müssten aber länger arbeiten, d.h. produzieren mehr Neuwert als das, was in Form des Lohns an sie geht. Marx macht ein Zahlenbeispiel: Sind sechs Stunden Arbeit nötig, um ein Wertprodukt hervorzubringen, dass die Arbeitskraft erhalten kann, dann entsprechen diese sechs Stunden Arbeit dem Lohn, den das Kapital bezahlt. Die weiteren sechs Stunden Arbeit eines 12-Stunden-Tags nennt Marx »Mehrarbeit« – das in dieser Zeit entstandene Mehrprodukt repräsentiert den Mehrwert. Die Lohnabhängigen verkaufen demnach ihre Ware Arbeitskraft, bekommen dafür das entsprechende Äquivalent, den Lohn, werden also nicht übers Ohr gehauen und werden dennoch ausgebeutet, das Kapital eignet sich Mehrarbeit an. Marx schreibt deshalb:

»Nach gleicher oder gar gerechter Entlohnung auf Basis des Lohnsystems rufen, ist dasselbe, wie auf Basis des Systems der Sklaverei nach Freiheit zu rufen. Was ihr für recht oder gerecht erachtet, steht nicht in Frage.« (S. 132)

Bereits hier scheint eine politische Perspektive auf, die heute den Gewerkschaften mehr als fremd erscheinen. Marx führt weiter aus:

»Erstens. Der Wert oder Preis der Arbeitskraft nimmt das Aussehn des Preises oder Werts der Arbeit selbst an, obgleich, genau gesprochen, Wert und Preis der Arbeit sinnlose Bezeichnungen sind. Zweitens. Obgleich nur ein Teil des Tagewerks des Arbeiters aus bezahlter, der andre dagegen aus unbezahlter Arbeit besteht und gerade diese unbezahlte oder Mehrarbeit den Fonds konstituiert, woraus der Mehrwert oder Profit sich bildet, hat es den Anschein, als ob die ganze Arbeit aus bezahlter Arbeit bestünde. Dieser täuschende Schein ist das unterscheidende Merkmal der Lohnarbeit gegenüber andern historischen Formen der Arbeit. Auf Basis des Lohnsystems erscheint auch die unbezahlte Arbeit als bezahlt. Beim Sklaven umgekehrt erscheint auch der bezahlte Teil seiner Arbeit als unbezahlt.«

So löst sich also auch das Paradox auf, das Marx zuvor konstatiert hatte. Er spricht in seinem Vortrag einige Punkte an, die er im Kapital ausführt (Unterschied von Arbeit/Arbeitskraft) und legt somit die Grundlage dafür, zeigen zu können, dass Ausbeutung von Lohnabhängigen stattfinden kann, ohne dass das Prinzip des Äquivalententauschs verletzt wird. Das ist nicht wenig, denn bei der Lohnarbeit erscheint die Mehrarbeit als bezahlt, und die Lohnform, die »Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.« (KI, 562)

Wie aber verhält sich nun die Aufteilung zwischen notwendiger und Mehr-Arbeit? Zunächst ist relativ einleuchtend, dass ein höherer Lohn bei gegebenem Arbeitstag auf Kosten des Profits gehen kann. Lohnerhöhung, so Marx, habe deshalb keinen Einfluss auf Wertgröße des Wertprodukts (und damit auch nicht auf das Preisniveau). Hier antwortet Marx als nochmals auf die von Weston aufgeworfene Frage – und hier kann sogar unterstellt werden, dass das BIP, wie Weston behauptet, nicht wächst.

Und natürlich versuche das Kapital, den Lohn zu drücken, so Marx:

»Ohne den ständigen Druck der Arbeiter von außen hätte« die staatliche Begrenzung des Arbeitstages auf zehn Stunden »nie stattgefunden. Jedenfalls aber war das Resultat nicht durch private Vereinbarung zwischen Arbeitern und Kapitalisten zu erreichen. Eben diese Notwendigkeit allgemeiner politischer Aktion liefert den Beweis, daß in seiner rein ökonomischen Aktion das Kapital der stärkere Teil ist.« (S. 149)

Man ist unmittelbar an das achte Kapitel im Kapital erinnert, in dem Marx den Kampf um den Normalarbeitstag schildert: »Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt. Und so stellt sich in der Geschichte der kapitalistischen Produktion die Normierung des Arbeitstags als Kampf um die Schranken des Arbeitstags dar – ein Kampf zwischen dem Gesamtkapitalisten, d.h. der Klasse der Kapitalisten, und dem Gesamtarbeiter, oder der Arbeiterklasse.« (KI, S. 249) 5

In seinem Vortrag fährt Marx fort:

»Das Maximum des Profits ist daher begrenzt durch das physische Minimum des Arbeitslohns und das physische Maximum des Arbeitstags. Es ist klar, daß zwischen den beiden Grenzen dieser Maximalprofitrate eine unendliche Stufenleiter von Variationen möglich ist. Die Fixierung ihres faktischen Grads erfolgt nur durch das unaufhörliche Ringen zwischen Kapital und Arbeit, indem der Kapitalist ständig danach strebt, den Arbeitslohn auf sein physisches Minimum zu reduzieren und den Arbeitstag bis zu seinem physischen Maximum auszudehnen, während der Arbeiter ständig in der entgegengesetzten Richtung drückt. Die Frage löst sich auf in die Frage nach dem Kräfteverhältnis der Kämpfenden.« (S. 149)

Wobei damit noch nicht geklärt ist, um was gekämpft wird bzw. werden soll. Schließlich sollte der Vortrag Orientierung dahin gehend geben, wie sich die IAA hinsichtlich des Bedeutungsgewinns von Gewerkschaften und ihren Kämpfen positionieren sollte. Die Beschäftigung mit dem Thema kam nicht von ungefähr. Auch Weston war eher ein Symptom für eine Entwicklung: Nach einer Phase wirtschaftlicher Prosperität wüteten in vielen Ländern Streiks, Gewerkschaften wurden zunehmend zu einem relevanten gesellschaftlichen Akteur. Auch in Deutschland wurde gestreikt. Allein 1865 fanden über 150 Streiks statt. Das Thema Gewerkschaften stand zwar auch für Marx oben auf der Agenda, besonders sicher war er sich in der Frage jedoch nicht: Die Schlusspassage des Vortrags zeigen viele Varianten auf, also Überarbeitungen und Korrekturen. Das zeigt, dass er sich der Sache nicht sicher war. Ein Zeichen jedoch auch dafür, warum ein Blick in die historisch-kritische Ausgabe der MEGA lohnt, die versucht, die diversen Schichten des Textes transparent zu machen – also auch das, was durchgestrichen wurde.

Marx schließt seinen Vortrag wie folgt und Thomas Kuczynski fragt in seinem Vorwort zu Recht, was Marx zu den heutigen Gewerkschaften sagen würde:

»Gleichzeitig, und ganz unabhängig von der allgemeinen Fron, die das Lohnsystem einschließt, sollte die Arbeiterklasse die endgültige Wirksamkeit dieser tagtäglichen Kämpfe nicht überschätzen. Sie sollte nicht vergessen, daß sie gegen Wirkungen kämpft, nicht aber gegen die Ursachen dieser Wirkungen; daß sie zwar die Abwärtsbewegung verlangsamt, nicht aber ihre Richtung ändert; daß sie Palliativmittel anwendet, die das Übel nicht kurieren. Sie sollte daher nicht ausschließlich in diesem unvermeidlichen Kleinkrieg aufgehen, der aus den nie enden wollenden Gewalttaten des Kapitals oder aus den Marktschwankungen unaufhörlich hervorgeht. Sie sollte begreifen, daß das gegenwärtige System bei all dem Elend, das es über sie verhängt, zugleich schwanger geht mit den materiellen Bedingungen und den gesellschaftlichen Formen, die für eine ökonomische Umgestaltung der Gesellschaft notwendig sind. Statt des konservativen Mottos: «Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!», sollte sie auf ihr Banner die revolutionäre Losung schreiben: ›Nieder mit dem Lohnsystem!‹« (S. 152)

Ob nach dieser Passage geklatscht wurde, ist nicht bekannt. Sicher hat seine Zusammenfassung die Gemüter beruhigt, bevor die Diskussion begann:

»Nach dieser sehr langen und, wie ich fürchte, ermüdenden Auseinandersetzung, auf die ich mich einlassen mußte, um dem zur Debatte stehenden Gegenstand einigermaßen gerecht zu werden, möchte ich mit dem Vorschlag schließen, folgende Beschlüsse anzunehmen: 1. Eine allgemeine Steigerung der Lohnrate würde auf ein Fallen der allgemeinen Profitrate hinauslaufen, ohne jedoch, allgemein gesprochen, die Warenpreise zu beeinflussen. 2. Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion geht dahin, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken. 3. Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.« (S. 152)

Auch heute lässt sich auf Grundlage des Textes so manche Frage diskutieren. In der Geschichte des Marxismus ist der Text leider oft in dem Sinne ausgelegt worden, dass Marx hier bereits die Notwendigkeit einer Kaderpartei vorwegnehme, die dem »trade-unionistischen Bewusstsein« (Lenin) entgegenwirke. Auch ist der Vortrag keine gute Zusammenfassung des Kapital. Dafür veränderte sich noch zu viel in den kommenden Jahren. Im Sinn einer »symptomalen Lektüre« (Althusser) ließe sich vor dem Hintergrund der diversen Veränderungen im Kapital und dem Vortrag Value, Price, Profit die Frage stellen, welche Probleme sich zwischen 1865 und 1867 sowie nach 1872 für Marx ergeben haben und ihn dazu veranlassten, begriffliche und konzeptionelle Veränderungen vorzunehmen? Warum gab er den Begriff Arbeitsvermögen zugunsten von Arbeitskraft auf? Was passierte nach 1872, schließlich verändert Marx etwa im Rahmen der französischen Übersetzung nochmal einiges und kam später sogar zu dem Schluss, dass eigentlich nicht England, sondern die USA das illustrative Material für seine Darstellung liefern sollte. 1881 deutete Marx sogar eine grundlegende Überarbeitung des Kapital an.

Michael Heinrich geht sogar so weit, dass Marx Mitte der 1870er Jahre, im Zuge der Arbeit am zweiten und dritten Band des Kapital, den Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie und sein Forschungsprogramm derart erweiterte, dass Marx sich insgeheim eingestehen musste, es nicht mehr bewältigen zu können – nicht allein aus alters- und gesundheitlichen Gründen. Marx sollte also nicht nur gelesen, sondern vor allem sein Forschungsprogramm weiterverfolgt werden. Ein Programm, das selbst für diejenigen, die Marx gelesen haben, erst in Umrissen zu erkennen ist. Ein Programm, das in seiner gesellschaftskritischen Dimension hochpolitisch und aktuell ist, wie Marx Vortrag vor 150 Jahren beweist.

Anmerkungen:

  1. Der Vortrag wird gerne als gute, von Marx selbst ausformulierte Zusammenfassung des Kapitals präsentiert – was es nicht ist und nie sein konnte. In der Einleitung der MEGA (II.20: 36*) heißt es etwa: »Der Vortrag ›Value, price and profit‹ bildet in der Theoriegeschichte der Marxschen politischen Ökonomie ein Bindeglied zwischen dem 1863/1864 entstandenen Entwurf des ersten Bandes des Kapitals und dessen Erstausgabe.« Bereits 1988 wurde der Beitrag in die zweite Abteilung der MEGA aufgenommen (II.4.1), also in die Schriften, die unter der Überschrift Das Kapital und Vorarbeiten firmieren. Während man sich darüber streiten kann, ob dazu etwas die sogenannten Grundrisse zählen (eine Schrift, die 2008 150. Geburtstag feierte), schließlich ist vom Kapital als selbstständigen Werk erst im Dezember 1862 die Rede, so stellt sich auch die Frage, warum ein Vortrag zu »Vorarbeiten« zählen sollte. Der Vortrag wurde wohl auch deshalb nochmals in einem anderen MEGA-Band (I.20) der ersten Abteilung (Werke. Artikel. Entwürfe) aufgenommen. Dort heißt es: »Die Arbeit von Marx ›Value, price and profit‹ wird sowohl in der Ersten als auch in der Zweiten Abteilung der MEGA veröffentlicht. Unserer Auffassung nach ist dieser Schritt absolut gerechtfertigt. Es wäre sogar schwer vorstellbar, welch ein Bruch in der Zweiten Abteilung der MEGA entstünde, wenn diese Arbeit hier fehlen würde. Wir würden uns eines der wichtigsten Glieder zur Lösung des Problems berauben, das chronologisch weit über den Rahmen der drei Teile des vierten Bandes der Zweiten Abteilung der MEGA hinausreicht.« Im Hamburger LAIKA-Verlag ist Lohn Preis Profit eingeleitet von Thomas Kuczynski anlässlich des Jahrestages erschienen. Der Band folgt der Übersetzung von Paul Weller, die auch Grundlage der MEW 16 ist – berücksichtigt aber die MEGA-Anmerkungen. Sie auch: Witali Wygodski: Der Platz des Manuskripts »Lohn, Preis und Profit« im ökonomischen Nachlaß von Karl Marx. In: Marx-Engels-Jahrbuch 6, 1983, S.211-227.
  2. Vgl.Jan Hoff(2008): Karl Marx und die ›ricardianischen Sozialisten‹. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Ökonomie, der Sozialphilosophie und des Sozialismus, Köln
  3. Marx: »Betrag der nationalen Produktion« (S. 103). Zur Geschichte des BIP vgl. Philipp Lepenies (2013): Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts, Berlin
  4. Vgl. Michael R. Krätke (1996): Marxismus als Sozialwissenschaft, in: Haug, Frigga / Krätke, Michael (Hg.): Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus. Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus, Hamburg, 69-122. Bei einem Besuch in Manchester, Ende August/Mitte September 1861 besuchte er die 31. Jahresversammlung der British Association for the Advancement of Science an der Sitzung der Sektion für ökonomische Wissenschaft und Statistik.
  5. Vgl. Frieder Otto Wolf(2001): Was tut die ausgebeutete Klasse, wenn sie kämpft? Einige Überlegungen zur Neulektüre der Darstellung des ›Kampfs um den Normalarbeitstag‹ im ›Kapital‹, in: Wagner, Hilde (Hg.) (Hg.): Interventionen wider den Zeitgeist. Für eine emanzipatorische Gewerkschaftspolitik im 21. Jahrhundert. Helmut Schauer zum Übergang in den Un-Ruhestand, Hamburg, 140-151.

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Ein Kommentar

  1. Fritz Schmalzbuer
    Am 22. September 2016 um 11:06 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Hervorragend geeignet zur Grundsatzdebatte über Rolle und Aufgaben der Gewerkschaft, insbesondere über „gerechte“ Entlohnung.

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