Verkehrte Welt der real existierenden Kapitalismuskritik

Bild: titanic magazin

So sieht sie also aus, die real existierende Kapitalismuskritik. Da wollen die Gewerkschaften, die organisierte Interessenvertretung der Lohnabhängigen, einen richtigen Kapitalismus und keinen Staatssozialismus:

»Das Problem sind die Strukturen und die grundsätzliche Ausrichtung des insolventen Giganten GM. Das Berichtswesen von einer Hierarchieebene zur nächsten erinnert an Staatssozialismus, in dem Erfolgsmeldungen abgesetzt werden, selbst wenn der Tanker schon absäuft.«

Der gute Armin Schild, IG-Metall-Bezirksleiter und Aufsichtsrat bei Opel meinte wohl die Kritik am Staatssozialismus passt gut zum 20igsten Jahrestag des Mauerfalls und könnte so richtig mobilisierend wirken.

Und diejenigen, die alles daran setzen, dem Kapital gute Verwertungsbedingungen zu garantieren (da Voraussetzungen für Arbeitsplätze), schimpfen auf den Kapitalismus, nein genauer: Turbokapitalismus.

»Dieses Verhalten von General Motors zeigt das hässliche Gesicht des Turbokapitalismus«

So Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU).

Wie heißt es so schön bei Asterix: Ich hab’ nichts gegen den Kapitalismus, nur dieser Kapitalismus ist nicht von hier!

Aufgeblättert: Krisensammelsurium. Karl Heinz Roths »Die globale Krise«

Karl Heiz Roth (KHR) hat wieder ein Buch geschrieben. Beziehungsweise einen Teilband. Seit dem offen Ausbruch der Krise vor einem Jahr ist KHR durch Interviews, Diskussionspapiere und Interventionen beteiligt, die Krise zu deuten und Strategien für die Linen zu diskutieren. Dabei hängt KHR die Latte und den moralischen Anspruch recht hoch:

“Wir alle […] haben diese Verantwortung, weil wir vor einem strategischen Fenster stehen. Wenn wir nicht aufpassen, wird es sehr dunkel.”

Zwar relativierte KHR den dringlichen Ton, dennoch stellt die gegenwärtige Krise für ihn ein Epochenbruch dar. Das ist wohl auch ein Grund, warum sein bei VSA erschienenes Buch unter Hochdruck geschrieben und publiziert wurde. Leider. KHR hat sich nicht die Zeit genommen, das Material zu kondensieren und theoretisch aufzuarbeiten. Entstanden ist eine materialreiche Fleißarbeit, die leider nicht so recht zum Punkt kommt. Und hier ist schon das erste Problem: Das Buch ist der erste Band eines auf zwei Teile angelegten Projekts. Vieles was im ersten Band vermisst wird oder kritisiert werden könnte, holt KHR vielleicht  im zweiten Band ein. Aber das am Schluss des ersten Bandes abgedruckte Inhaltsverzeichnis deutet nicht darauf hin.

Der erste Teil der über 300 Seiten ist vor allem eine Rekonstruktion des Krisenverlaufs. Hierfür hat KHR vor allem die NZZ gewälzt. Detailliert stellt er den Übergang von einer Immobilien- zu einer Finanzkrise dar, die die Kapital und Währungsmärkte ebenso erfasst wie die Rohstoffmärkte, die Transport- und Autoindustrie (18ff.). Anschließend diskutiert KHR die politischen Reaktionen und Maßnahmen – national wie international (62ff.). Vor einem ausführlichen Vergleich historischer Krisen (1857-59; 1873-79; 1929-40) stellt er die Entwicklungen seit 1966/1967 dar. Continue reading “Aufgeblättert: Krisensammelsurium. Karl Heinz Roths »Die globale Krise«”

Welches Geld regiert die Welt? Nicht nur China zweifelt an der Rolle des US-Dollars als Weltwährung

weltgeld us-dollar

Für manche ist die Welt des US-Dollars noch in Ordnung. Zum Beispiel für die somalischen Piraten. Diese wollten, so der an Verhandlungen beteiligte Ex-FBI-Agent Jack Cloonan, nur die US-Währung als Lösegeld akzeptieren. Bei Piraten steht der Greenback also noch hoch im Kurs. Ganz anders sieht es hingegen in China aus, dem bei Abwertungen des US-Dollars ein Verlust der Währungsreserven droht. Etwa 50-70 Prozent der über 2 Bio. chinesischen US-Dollar-Devisen laufen auf die US-Währung. In den letzten Monaten hatte es der chinesische Zentralbankchef Zhou Xiaochuan geschafft, die Rolle des US-Dollars als Weltgeld und damit auch die politische Rolle der USA als Weltmacht zum Politikum zu machen. Zuletzt kurz vor dem G8-Gipfel in Italien. Continue reading “Welches Geld regiert die Welt? Nicht nur China zweifelt an der Rolle des US-Dollars als Weltwährung”

ak-Redaktion zum (Still)Stand der Bewegung

Die ak-Redaktion hat eine gute alte Tradition wiederbelebt: Die Redaktionserklärung. In der aktuellen Ausgabe findet sich der Diskussionsbeitrag “Eine andere Welt war möglich. Zum (Still-)Stand der globalisierungskritischen Bewegung”. Darin heißt es:

Zehn Jahre nach Seattle herrscht auffällige Ruhe. Dabei hätte man erwarten können, dass die globalisierungskritische Bewegung im Jahr 2009 einen neuen Aufschwung erfährt. Zeigte der Neoliberalismus bislang erste Risse, brach ein Jahr nach Heiligendamm die wirklich existenzgefährdende Krise über den Neoliberalismus, ja den Kapitalismus herein. Der Widerstand gegen die Folgen der Krise hätte das verbindende Moment der anti-neoliberalen Bewegung sein können. Aber das Gegenteil war der Fall.

Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die letzten Jahre. Protest verliert sich aktuell in Abwehrkämpfen und Ratlosigkeit – nicht nur in Deutschland. Proteste gegen den G8-Gipfel in Italien fanden de facto nicht statt. Mobilisiert wird auch nicht zur ersten WTO-Ministerkonferenz seit 2005 in Genf im Herbst dieses Jahres – obwohl dort der Liberalisierungsmotor wieder angeworfen werden soll. In dieser Situation wagen wir einige Thesen und laden zur weiteren Diskussion ein.

Uli Brand arbeitete im Juli 2001 in ak 452 drei Gemeinsamkeiten der Gipfelproteste heraus, die er als konstituierend für die Bewegung der Globalisierungskritik ansah: Erstens zielt der politische Anspruch über die Grenzen von Realpolitik hinaus. Zweitens liegt den Protesten ein Politikverständnis zu Grunde, das einen oder mehrere Gegner ausmacht, um Gegenmacht zu entwickeln. Was durchaus ambivalent ist, denn es wirkt in seiner vereinfachenden Form zwar mobilisierend und Protest bündelnd, aber verklebt auch Widersprüche und verdrängt notwendige Diskussionen. Drittens wurden von allen die Widersprüche des Neoliberalismus aufgegriffen und zum Gegenstand von Kritik und Protest gemacht. Alle drei Punkte werden im Zuge der gegenwärtigen Krise und der Transformation globaler Herrschaft prekär.

Weiterlesen auf der website des ak.

Reiche werden ärmer

Die FAZ setzt zumindest mit der Überschrift den Ausführungen auf dem Ökonomen-blog der INSM eines drauf: “Die Krise macht die Milliardäre arm”. Dennoch findet sich in diesem Artikel etwas Erhellendes, eine Wortmeldung eines Vermögensberaters einer Bank in Frankfurt, der anonym bleiben will: “Noch im Frühjahr hatten die Wohlhabenden Angst vor einem Zusammenbruch der Marktwirtschaft und damit auch vor dem Totalverlust ihres Vermögens.” Die Politik habe das System gerettet. “Damit sind die Reichen ihre größte Sorge los.” Richtig. Das wäre wohl auch eine weitere Antwort auf die vor Monaten immer wieder diskutierte Frage, ob der Kapitalismus mit angedrohten oder tatsächlich vorgenommenen Verstaatlichungen und der verstärkt staatlichen Regulierung mit dem Rücken zur Wand stehe. Das Gegenteil ist der Fall.

Die Linke, die sozial-ökologische Frage und die Notwendigkeit, eine Debatte weiter zu führen

Judith Dellheim hat auf dem blog des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine lesenswerte Besprechung zu einer lesenswerten Broschüre geschrieben. In der Juni-Ausgabe von ak – analyse & kritik lag »Die Linke und die sozial-ökologische Frage. Klima, Kämpfe, Kopenhagen« bei. Dellheims längeren Kommentar führt die in der Broschüre zum Ausdruck kommende Debatte weiter (siehe auch “Linke Ökologie” von Julian Bierwirth).

Vor allem zwei Diskussionspunkte werden wohl die kommenden Monate prägen: Die Debatte um den sog. Green New Deal und die alt bekannte Frage »Was tun?«. Diese beiden Fragen sind stark miteinander verwoben. Auch Judith Dellheim diskutiert beide Fragen, aber leider verknüpft sie diese in einer für die Debatte unproduktiven Art und Weise. Zu schnell werden offene Fragen beantwortet und Widersprüche gekittet.

Dellheim konstatiert zu Recht, dass es der Linken an einem Projekt fehlt. Darin sieht sie eine Schwäche gegenwärtiger Politik. Gleichzeitig findet sie nicht plausibel, warum der sog. Green New Deal von vornherein abzulehnen sei, vielmehr müsse sich auch die Linke auf ihn einlassen »damit sich überhaupt etwas zum potenziell Besseren« wendet – gerade weil die sozial-ökologische Frage eine existenzielle Frage sei. Gegen Ende ihrer Besprechung kommt sie zu dem Schluss, dass es eigentlich »auf der Hand liege«, was zu tun ist und präsentiert Altbekanntes, Vieldiskutiertes, aber eben nichts, was sich als ein Projekt verdichten lässt (bzw: nach einem organisch aus den politischen Kräften wachsenden Projekt aussieht). Und genau darin liegt ein Problem. Und gerade dann, wenn man sich auf den Diskurs des Green New Deal einlässt.

In der Tradition von Gramsci und Poulantzas wird als politisches Projekt eine herrschaftliche Strategie verstanden, die Hegemonie organisiert und damit subalterne und widerständige Kräfte einbindet. Gerade weil die Linke gegenwärtig keine Gegenmacht darstellt (»Gegenhegemonie« finde ich einen blödsinnigen Begriff, aber das gehört nicht hierher), muss sie kritisch gegenüber Projekten sein, die reale Widersprüche und gesellschaftliche Probleme aufgreift, Interessen bestimmter Kräfte real entgegenkommt, gleichzeitig aber grundlegende Verhältnisse unberührt lässt bzw. gerade deshalb zementieren, indem sie sie verändert.

Das bedeutet nicht, dass man verbalradikale Politik im Wolkenkuckucksheim betreiben sollte. Aber es bedeutet Probleme und Widersprüche, Bedenken und Gefahren ernst zu nehmen. Und dann liegt es auch ganz plötzlich nicht mehr auf der Hand, was zu tun ist. Die Debatte muss also weitergeführt werden.

Die Broschüre »Die Linke und die sozial-ökologische Frage. Klima, Kämpfe, Kopenhagen« ist in gut sortierten Buchladen zu finden oder direkt beim ak bestellbar.

Die Armen werden ärmer, die Reichen werden ärmer

Die konzeptionellen Ideologen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft haben eine wirklich bestechende Logik. Auf dem Ökonomen-blog (Frauen scheint es nicht zu geben), der “Stimme der ökonomischen Vernunft” (wo es zumindest mich schon schüttelt) ist zu einem Magazin-Cover (Bild) aus Köln zu lesen:

“Ein gängiges Klischees auf der Titelseite, aber falsch: Die Finanzkrise vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich nicht, sondern verkleinert sie, da besonders die Besserverdiener unter dem Absturz der Aktien- und Immobilienkurse leiden.”

Leuchtet ein. Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen, an allen Ecken sparen müssen und Pfandflaschen sammeln, um Ihr Leben zu bestreiten kaufen selten Aktien oder Immobilien. Deshalb sind sie auch weniger direkt vom Absturz der Wertpapier- und Immobilienpreise betroffen. Da diese Wertvernichtung des existierenden Reichtums in einem bestimmten Zeitraum größer ist (weil es eben überhaupt Reichtum gab!) als der Verarmungsprozess der subalternen Klassen schließt sich also Schere zwischen arm und reich.

Dass es einigen immer noch möglich ist, derart dreist zu argumentieren (vgl. hierzu die Soziale Polarisierung in Deutschland – ein Mythos? von Claus Schäfer) macht es einem auch leicht, mal wieder (etwas modifiziert) Flaubert zu zitieren:

“Ich empfinde Hass auf die Dummheit meiner Epoche, ganze Fluten von Hass, die mich ersticken. Scheiße steigt in mir hoch wie bei einem eingeklemmten Bruch, bis in den Mund. Aber ich will sie bei mir behalten, sie eindicken und daraus einen Brei machen, mit dem ich die ÖkonomInnen und IdeologInnen des Kapitalismus beschmieren werde.”

Die schmerzhafte Logik der kapitalistischen Produktionsweise

Georg Giersberg hat unter der Überschrift “Der Schmerz der Krise” mal wieder der FAZ alle Ehre gemacht. Es ist zu lesen dass einerseits “in der Wirtschaft zunehmend vom Erreichen der Talsohle gesprochen und von der Bodenbildung” die Rede sei. Gleichzeitig würden immer mehr Unternehmen ankündigen, Stellen zu streichen. Giersberg hält fest: “Das ist aber nur auf den ersten Blick ein Widerspruch.”

Da sind wir aber mal gespannt!

clooney_marxism_coffee1Giersberg: “Viele Unternehmen haben zunächst kurzgearbeitet. Das war einerseits der Hoffnung geschuldet, bald wieder auf alte Umsatzhöhen zurückkehren zu können. Es gab andererseits den Unternehmen Zeit, sich ein realistisches Bild vom Umsatzeinbruch und seinen Folgen zu machen. Jetzt ist diese Zeit zu Ende. Mit der Bodenbildung ist das Ausmaß der Krise deutlich zu erkennen.” Continue reading “Die schmerzhafte Logik der kapitalistischen Produktionsweise”

Das neue K-Wort: Kreditklemme oder mit Marx eine Bank verstehen

Da musste Herr Steinbrück dann doch schnell zurückrudern. Schließlich titelte die Frankfurter Rundschau schon: “Steinbrück ruft den Kommunismus aus”. Angesichts der vom Finanzministerium konstatierten Kreditklemme drohte der amtsinhabende Minister vor ein paar Tagen mit “Maßnahmen, die es so in Deutschland noch nicht gegeben hat”. Dann war zu lesen, dass er damit natürlich keine “Zwangsmaßnahmen”, also den Kommunismus gemeint habe, sondern eben nur Maßnahmen. Ganz so, als seien staatliche Maßnahmen keine Zwangsmaßnahmen. Dann musste auch schon dementiert werden, dass die Bundesbank demnächst direkt Kredite an Unternehmen gebe. Diese Maßnahme werde nur geprüft.

Gangster ShootGeiz ist geil

In die Kritik geraten war die verantwortungslose Praxis der Banken, die den Unternehmen kein Geld leihen wollen. Erst waren die Banker zu gierig, jetzt sind sie den PolitikerInnen zu geizig. Um aus der Krise wieder herauszukommen, könnten die Banker doch bitte wieder ein paar Charakterzüge zeigen, die zwar für die Krise verantwortlich gemacht wurden, jetzt aber durchaus hilfreich sein könnten. So die scheinbar zugrunde liegende Diagnose. Die politische Klasse muss einem schon fast leid tun, so überfordert ist sie mit der zugegeben komplizierten Lage. Aber wer hat behauptet, dass der Kapitalismus unkompliziert ist?

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ak-Broschüre: Die Linke und die sozial-ökologische Frage

Mit einem Diskussionsbeitrag in ak 529 fiel der Startschuss für eine Debatte in ak zum Thema “Die Linke und die sozial-ökologische Frage”. Dieser Text war im Rahmen von Diskussionen innerhalb der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) entstanden. So wie im Rahmen der BUKO entstehen gerade auch andernorts Arbeits- und Diskussionszusammenhänge, die das Verhältnis von Gesellschaft und Natur aus einer herrschaftskritischen Perspektive thematisieren. “Die Linke und die sozial-ökologische Frage” ist nun auch Thema einer Broschüre, die wir als Sonderbeilage veröffentlicht haben. Im Vorfeld des Weltklimagipfels, der im Dezember in Kopenhagen stattfinden wird, bietet sie umfangreiche Informationen zur Orientierung über Ursachen und Folgen des Klimawandels. Die Broschüre kann für 4,50 Euro plus Porto per Mail an vertrieb@akweb.de bestellt werden.

Kreditklemme II

“Man muss die Banken in der momentanen Konjunkturlage teilweise in Schutz nehmen, wenn sie weniger Kredite vergeben”, diktiert Roland Döhrn, Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) der Financial Times von heute ins Blatt. “Bei einbrechenden Auftragszahlen auf Unternehmensseite ist es nachvollziehbar und sinnvoll, wenn Banken vorsichtiger bei der Kreditvergabe werden”. Die Banken würden sich bei möglichen Ausfällen die Bilanzen verhunzen. Gemeint ist damit: zu wenig Profit und zu große Verluste. Nichts anderes habe ich vor ein paar Tagen behauptet…

Kreditklemme und Grenzen der Profitabilität

»Dass die Kapitalisten, die so sehr gegen das ›droit au travail‹ [Recht auf Arbeit] schrien, nun überall von den Regierungen ›öffentliche Unterstützung‹ verlangen […], also das ›droit au profit‹ [Recht auf Profit] auf allgemeine Unkosten geltend machen, ist schön.« (Marx an Engels am 8. Dezember 1857)

In den letzten Monaten ist immer wieder von einer möglichen Kreditklemme die Rede. Letzte Woche hatte die EZB über 1100 capitalismBanken 442 Milliarden Euro für ein Prozent zugeteilt. Für ein Jahr. In der Nacht zu Freitag wurden hiervon 143,4 Milliarden Euro auf Einlagekonten bei der EZB zwischen gelagert. Sozusagen in die Obhut der EZB zurückgegeben. Dafür erhalten die Banken nur ein Viertel von dem, was sie an die EZB zahlen müssen, nämlich nur 0,25 Prozent. Das ist nichts Neues. Anfang 2009 waren zeitweise sogar mehr als 300 Milliarden Euro bei der EZB geparkt. Das Misstrauen zwischen den Banken war so groß, dass sie sich gegenseitig nichts mehr leihen wollten. Irgendwie verständlich.

Am Mittwoch forderte der deutsche Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) die Banken dazu auf, das Geld an die Unternehmen weiterzureichen. Was sie nicht taten. Warum aber so unartig? Hier können zwei Punkte deutlich gemacht werden, die zur Zeit niemand so recht eingestehen will: Zum einen nimmt ein kapitalistisches Unternehmen nur dann einen Kredit auf, wenn es davon ausgeht, mit dem Kredit das vorgeschossene Kapital für eine profitabele Anlage erweitern zu können. Sind die Profitmöglichkeiten gerade nicht besonders gut, nimmt ein Unternehmen auch keinen Kredit auf. Schließlich müsste es mindestens so viel Profit realisieren, wie Zinsen zu zahlen sind.

Natürlich brauchen viele Unternehmen dennoch Kredit. Schließlich herrscht KOnkurrenz. Vor allem jetzt in der Wirtschaftskrise. Aber auch Banken sind kapitalistische Unternehmen und nicht der Caritas-Verein. Weshalb sollten sie gerade den Unternehmen Geld borgen, die mit dem Rücken zur Wand, kurz vor der Pleite und nicht besonders profitabel sind? Und genau so sind zur Zeit die Unternehmen zu charakterisieren, die einen Kredit benötigen.

Das Problem ist also nicht unbedingt eine Kreditklemme. Das Problem ist, dass sich Kapital zur Zeit kaum profitabel anlegen lässt. Einigermaßen solide Unternehmen nehmen kein Geld der Banken, die es ihnen durchaus geben würden. Vor dem Bankrott stehende Unternehmen benötigen Kredit, bekommen von den Banken jedoch keinen. Es sei denn der Staat übernimmt eine Bürgschaft. Kapitalismus eben.

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Aus aktuellem Anlass: Staatsverschuldung als Kategorie der Kritik der politischen Ökonomie

Eines der gängigen Ressentiments gegenüber alternativer Wirtschaftspolitik ist die spöttische Frage nach deren Finanzierbarkeit. Darauf wird zumeist erwidert, dass dieses Problem auch eine Verteilungsdimension besitze. Die Entgegnung ist sicherlich richtig, doch sollte nicht aus dem Blick geraten, in welcher vorherrschenden Form Reichtum produziert wird und was die öffentlichen Finanzen als spezifische Form kapitalistischer Vergesellschaftung überhaupt ausmacht. Warum nimmt das ‚ökonomische Dasein’ (Marx) des Staates die Form des Steuerstaates an? Welche Reproduktionsbedingungen bringt diese Form für das Kapitalverhältnis mit sich? – Diese und ähnliche Fragen werden und wurden in den Debatten im Anschluss an Marxens Werttheorie kaum gestellt.  Die Staatsfinanzen auch als Gegenstand der marxschen Kritik der politischen Ökonomie zu begreifen, wird vielmehr zumeist pragmatischen Imperativen untergeordnet. Dabei waren die Staatsfinanzen für Marx ein durchaus relevantes Feld theoretischer Reflexion – gerade um zu verstehen, welchen ökonomischen Bedingungen staatliche Politik überhaupt unterliegt. […] Im Folgenden soll nun auf die Staatsverschuldung eingegangen werden. Ich möchte dabei nicht aktuelle finanzpolitische Phänomene diskutieren, sondern ‚Staatsverschuldung’ als theoretischen Begriff, als Kategorie der Kritik der politischen Ökonomie. Gezeigt werden soll der spezifische Charakter der Staatsverschuldung und welche Bedingungen diese für die gesellschaftliche Reproduktion und somit für politische Handlungsfähigkeit unter kapitalistischen Vorzeichen etabliert.

Der jetzt vollständig als pdf-Datei zu beziehende Artikel Staatsverschuldung als Kategorie der Kritik der politischen Ökonomie. Eine Forschungsnotiz” erschien in: Lindner, Urs/ Nowak, Jörg/ Paust-Lassen, Pia (Hrsg.); Philosophieren unter anderen. Beiträge zum Palaver der Menschheit. Frieder Otto Wolf zum 65. Geburtstag, Münster 2008, 239-262.

Die in diesem Aufsatz recht allgemein Fragestellung ist gerade jetzt so wichtig, da selbst ein Heribert Prantel bspw. in Juni-Ausgabe der Blätter mit dem Staatsrechtler Werner Hahnn d’accore geht, der behauptet, “die Verschuldung politischer Gemeinwesen [seien] eine ebenso universale wie zeitlose Erscheinung”. Also irgendwie natürlich, Staat, Steuern und Verschuldung die natürliche Formen der menschlichen Existenz.

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Die Abwrackprämie oder der Einstieg in den entgeltfreien öffentlichen Personennahverkehr

Eigentlich heißt die Abwrackprämie ja Umweltprämie und ist schon heute ein heißer Anwärter auf das Unwort des Jahres. Im blog des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung hat Michael Brie nun endlich seinen Vortrag veröffentlich, den er auf dem Kapitalismuskongress von attac gehalten hat: Die Abwrackprämie oder der Einstieg in den entgeltfreien öffentlichen Personennahverkehr.

Pressefreiheit in Gefahr?

Der gar nicht so bornierte ehemalige Verfassungsrichtiger Dieter Grimm (siehe seine Ausführung zum modernen Konstitutionalismus als Resultat von Klassenkämpfen und nicht als Einsicht der Vernunft), hat in einem Gespräch mit der FAZ bzgl. der Presselandschaft angesichts der Krise zu Protokoll gegeben:

“Die Neigung wächst, Inhalte zu bevorzugen, für die man sich besondere Aufmerksamkeit eines breiten Publikums verspricht, ohne dass sie große Kosten verursachen.”

Die Agora in Athen war in der griechischen Antike ein Versammlungsplatz der Polis und wurde für die Heeres-, Gerichts- und Volksversammlungen der freien Bürger genutzt.
Die Agora in Athen war in der griechischen Antike ein Versammlungsplatz der Polis und wurde für die Heeres-, Gerichts- und Volksversammlungen der freien Bürger genutzt (Foto: xenicabliss, CC-Lizenz).

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