Materialistischer Feminismus: PROKLA 174 erschienen

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174Mit 1914 setzte nicht nur eine Spaltung der Arbeiterbewegung, sondern auch eine Spaltung der Frauenbewegung ein. Auch wenn “Frauenbewegung” nicht gleichbedeutend mit Feminismus ist oder sein sollte, so stellt sich durchaus die Frage, welchen Feminismus wir meinen, wenn wir von Feminismus sprechen. Ist Feminismus immer Feminismus. Die neue Ausgabe der sozialwissenschaftlichen Zeitschrift Prokla widmet sich dem Thema materialistischer Feminismus. Im Editorial heißt es:

Materialistischer Feminismus nimmt umfassend gesellschaftstheoretisch und in emanzipatorischer Perspektive die Gesamtheit der Verhältnisse in den Blick, unter denen Geschlechterungleichheit (re)produziert wird, sich verschiedene Herrschaftsverhältnisse verschränken, aber auch Möglichkeiten des Widerstands hervorgerufen werden: „Feminismus lässt sich als Ensemble von Debatten, kritischen Erkenntnissen, sozialen Kämpfen und emanzipatorischen Bewegungen fassen, das die patriarchalen Geschlechterverhältnisse, die alle Menschen beschädigen, und die unterdrückerischen und ausbeuterischen gesellschaftlichen Mächte, die insbesondere Frauenleben formen, begreifen und verändern will.“ (Hennessy 2003: 155) Als ein solches Ensemble sind feministische Ansätze somit immer beides: Sie sind Teil einer Theoriebildung sowie einer im weitesten Sinn verstandenen politischen Praxis, die in gesellschaftliche Verhältnisse intervenieren wollen. Gleichzeitig werden unter dem Begriff Feminismus heterogene Konzepte gefasst, die sich geschichtlich wie inhaltlich differenzieren lassen. Bekannt geworden ist der Begriff durch die Schriften des Sozialphilosophen und Frühsozialisten Charles Fourier, der den Grad der Befreiung der Frau als Prüfstein einer jeden Gesellschaft und allgemeinsten Massstab der menschlichen Entwicklung formuliert hat. Dabei ging es den Frühfeminist_innen wie Olympe de Gouges oder Mary Wollstonecraft zunächst vor allem um die Etablierung gleicher Rechte wie den Persönlichkeitsrechten in der Ehe, dem Scheidungs-, Wahl- oder dem Recht auf Eigentum und Bildung. Dass darüber hinaus auch schon in den 1860er Jahren die Frage nach der Umgestaltung von Hausarbeit in verschiedensten feministischen Programmen im Mittelpunkt stand, wird von Katharina Volk in ihrem Beitrag für das vorliegende Heft aufgezeigt. Die sogenannten materiellen Feministinnen (material feminists) – zu denen nicht nur Sozialistinnen, sondern auch liberale Feministinnen gehörten – sahen die Hausarbeit als eine wesentliche Ursache der Geschlechterhierarchie an (vgl. Federici 2012: 36).

Das vollständige Editorial, das Inhaltsverzeichnis sowie den Text »Krise und Geschlecht. Überlegungen zu einem feministisch-materialistischen Krisenverständnis« von Julia Dück findet sich auf der Prokla-Website.

Und wer es noch nicht gesehen hat: Es gibt ein frei zugängliches Prokla-Archiv!

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Ingo Stützle

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