Aufgeblättert: David Marsh erzählt seine Geschichte des Euro

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»Sollte es der Wunsch Frankreichs gewesen sein, den Euro zu gründen, um die vermeintliche deutsche Dominanz zu brechen, dann ist genau das Gegenteil eingetreten.” (Gerhard Schröder im Gespräch mit David Marsh)

Eigentlich müsste man skeptisch sein, wenn jemand auf knapp 400 Seiten eine “geheime Geschichte der neuen Weltwährung” – dem Euro – zum Besten gibt. Schließlich kann die erzählte Geschichte alles, nur eben nicht geheim sein. Sonst könnte man sie nicht nachlesen. Das erinnert dann doch arg an bekannte Formeln bei Verschwörungstheorien, die das Offensichtliche nicht offensichtlich sein lassen wollen und einer scheinbar unterdrückten Wahrheit frönen, die alles, jedoch weder Wahrheit noch unterdrückt ist. Aber sei’s drum: David Marsh hat es tatsächlich nichtnur geschafft, in vielen Gesprächen der politischen Elite das eine oder andere zu entlocken und viele Einschätzungen zur Geschichte des Euros zusammen zu getragen, sondern zudem – aufgrund seiner guten Kontakte – unveröffentlichtes Archivmaterial sichten können. Das Buch ist also durchaus interessant und erhellend, solange andere Arbeiten zum Thema herangezogen werden, die das eine oder andere wieder gerade rücken.

Aber interessant ist das schon, wie der Brenner in Wolf Haas Geschichten immer zu sagen pflegt: Ein britischer Wirtschaftsjournalist, inzwischen Honorarprofessor in Birmingham, erzählt die Geschichte des Euro, mit der gewohnten Distanz der Insel und nicht ohne eine gewisse Skepsis gegenüber Deutschland. Nicht ganz mit der Empathie einer Margaret Thatcher, aber die ist auch kaum zu übertreffen:

“Wenn wir die eine gemeinsame Währung haben und die Deutschen vereint sind, wird es unerträglich sein.”

Das Buch zeigt vor allem eins: Mit der Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) und dem Euro sollte – aus französischer Sicht – nicht nur ein Gegengewicht zum US-Dollar entstehen, sondern zudem Deutschland verstärkt eingebunden werden. Schon lange vor dem Zusammenbruch des Realsozialismus sollte Deutschlands “Atomwaffe”, so bezeichnete der François Mitterrand die D-Mark, entschärft werden. Das gelang nur nicht. Erst mit dem Fall der Mauer war die gemeinschaftliche Währung die politische Form, in der Deutschland in die europäische Gemeinschaft eingebunden werden konnte. Deutschland politischer Werdegang sollte europäisch oder gar nicht sein. Der Widerstand der Deutschen Bundesbank wurde von Helmut Kohl geschickt genutzt die Bedingungen zu diktieren, unter welchen due neue supranationale Institution, die EZB, aberbeiten sollte.

Vieles davon ist bekannt. Für deutsche LeserInnen wird jedoch deutlich, was hierzulande gerne unterschlagen wird. Der Versuch, Deutschland Fesseln anzulegen schlug fehl. Mit dem Euro und der WWU dominierte es auf eine ganz neue Art und Weise und baute den ökonomischen Abstand zu den anderen Ländern aus. Das zeigt sich nicht zu letzt bei den Auswirkungen der Finanzkrise auf die einzelnen EU-Länder (mit und ohne Euro) und wie Deutschland seit dem Bestehen des Euro seinen ökonomischen Fortschritt ausbauen konnte. Länder wie Italien, Spanien aber auch Franreich ist es seit der Einführung des Euro nicht mehr möglich Konkurrenznachteile in der Produktivität und den Wechselkurs zu kompensieren. Zwar es diesen Ländern möglich, durch die niedrigeren Zinsen leichter Kredit aufzunehmen bzw. die Staatsverschuldung abzubauen, aber langfristig bleiben diesen Ländern kaum Vorteile. Aufgrund niederer Lohnstückkosten hat sich Deutschland Wettbewerbsfähigkeit zwischen 1998 und 2007 um 10 Prozent verbessert. Italien verschlechterte sich im gleichen Zeitraum um 34 Prozent. Grund: Sinkende Arbeitslöhne und schwache Binnennachfrage in Deutschland. Ein Modell, an dem die deutsche Elite nach wie vor festhalten will.

Die Gründung der EZB und deren monetaristische, allein auf die Geldwertstabilität orientierte Geldpolitik war eine formale Besiegelung der Tatsache, dass Jahre, wenn nicht Jahrzehnte die Deutsche Bundesbank die Geld- und Währungspolitik in Europa dominierte. Länder wie Frankreich oder Italien waren nur formal autonom und souverän. Tatsächlich mussten sie der Marschroute der deutschen Politik folgen. Ob sie wollten oder nicht. Das zeigte bereits Amy Verdun in ihrer schönen Arbeit European Responses to Globalization and Financial Market Integration (2000).

So mancher Besprechung des Buches stößt auf, dass Marsh recht weit in wie Vergangenheit geht. Aber die Frage, warum eine gemeinschaftliche Währung überhaupt auf der Agenda kam und warum sie erst so spät und ausgerechnet in den 1990er Jahren verwirklicht werden konnte, kann nur beantwortet werden, wenn die Dynamik der europäischen Integration seit den 1950er und vor allem in den 1970er und 1980er Jahren betrachtet wird. Und: Das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland in diesem Prozess, das Marsh immer wieder ausführlich darstellt.

Was jedoch zu kurz kommt ist die zunehmend neoliberale Form, die die Integration annahm und wie die Liberalisierung und zunehmende Marktförmigkeit einen Sachzwang organisierte, der bestimmte politische Entscheidungen eher plausibel machte als andere. Aber das ist eben die andere Seite der “geheimen Geschichte”. Wenn Konkurrenz, Kapitalbewegungen und Marktgeschehen und Preisbewegungen als Naturgewalt erscheinen, dann werden die politischen Akteure und somit die vielen vielen Interviewpartner zu “riders on the storm”.

Marsh ist blind für die privaten Akteure, d.h. Unternehmensverbände, Lobbygruppen aber auch Akteure auf den Finanzmärkten und bei der Etablierung eines europäischen Binnenmarktes. Hierzu gibt es nicht nur gute Forschungsliteratur [1], sondern Marsh hätte durchaus den einen oder die andere in einem Interview mal fragen können. Aber bei der Partnerwahl für die Gespräch (und es sind fast nur Männer) war er doch sehr stark auf staatliche Institutionen fixiert. Dies hat dann auch einen Beigeschmack, denn Georg Soros darf auf dem Bucheinband mit Lobeshymnen für Marshs Buch werden, nach der Lektüre wissen die LeserInnen jedoch nicht, dass der Hedge- Fonds-Milliardär sein Reichtum unter anderem der Spekulation gegen das Pfund zu verdanken hat. Das britische Pfund musste Anfang der 1990er Jahre aus dem Europäischen Währungssystem ausscheiden und Großbritannien hat sich seit dem dem Euro kaum mehr angenähert. Erst mit der Finanzkrise wird  auch dort wieder darüber diskutiert, ob der Euro der Widerstandsfähigkeit Großbritanniens geholfen hätte oder nicht. Eine Frage, die sicherlich weiter von Interesse sein wird.

Dann wäre aber noch das: Was hält man von einem Autor, der als bescheidene Geste dem Buch vorwegschickt: “Wer könnte eine bessere Chance haben, ein annähernd zutreffendes Bild zusammenzufügen, als jemand wie ich, der in keiner Weise in die dargestellten Ereignisse verwickelt war und in direkter Form nicht von ihnen betroffen ist.” Nun ja, die Lektüre lohnt sich trotzdem.

Anmerkungen:
1]    u.a. Apeldoorn, Bastiaan van (2002): Transnational Capitalism and the Struggle over European Union, London-New York; Bieler, Andreas/ Morton, Adam David (Hg.) (2001): Social Forces in the Making of the New Europe. The Restructuring of European Social Relations in the Global Political Economy, Basingstoke u.a.; Bieling, Hans-Jürgen (2005): Finanzmarktintegration und transnationale Interessengruppen in der Europäischen Union, in: Eising, Rainer/ Kohler-Koch, Beate (Hg.): Interessenpolitik in Europa,  Regieren in Europa, Band 7, Baden-Baden, 179-201.

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Ingo Stützle

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