Vor zehn Jahren machte Oskar einen auf Lafontaine

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Wie gereizt die Stimmung war und teilweise noch immer ist, macht ein Radiobeitrag bei Deutschlandradio deutlich. Die Stimme ist bei so manchem heißer geworden. Vor zehn Jahren trat Oskar Lafontaine als Finanzminister zurück. Er hatte erkannt, dass es sich eben nicht nach Gerhard Schröders Motto – »Man muss nur wollen! Dann wird das schon« – regieren lässt. Dass Lafontaine überhaupt Minister wurde – und sich gegen Stollmann durchsetzte – grenzte an ein kleines Wunder. Es war das letzte Aufbäumen eines linken Flügels innerhalb einer Partei, deren neuer Kurs schon mehr oder weniger feststand: Agenda 2010 und Hartz-Reformen. Zwar nahm RotGrün zunächst ein paar Reformen der Kohl-Regierung zurück (Rentenkürzung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall), aber kaum waren ein paar Wahlversprechen eingelöst, ein Krieg geführt, nahm die neue Koalition eine Modernisierung vor, die bisher ihres Gleichens sucht. Die Sozialdemokratie ermöglichte damit aber zugleich ihre eigene Opposition – die Linkspartei. Wer nochmals en detail nachlesen will, wie es zu der Entscheidung am 11. März 1999 kam, dem sei das Kapitel “Schröder, Lafontaine und Rot-Grün” aus Lafontaines Linke von Wolfgang Hübner und Tom Strohschneider ans Herz gelegt. Vor dem Hintergrund seiner gegenwärtigen Rolle in der Parteienlandschaft und innerhalb der Linkspartei ist der fast endgültig klingende Nachruf von Günter Gaus aus dem damaligen Freitag geradezu trollig: “Das politische Comeback ist ausgeschlossen – oder es müssten Ostern und Pfingsten auf einen gemeinsamen Tag fallen -, weil der sozialdemokratische Parteivorsitzende Lafontaine beim Abschied spontan eine übermäßige Egozentrik an den Tag gelegt hat.” Die Egozentrik hat er noch lange nicht abgelegt; aber Ostern und Pfingsten scheinen auf eine gewisse Weise doch zusammen gefallen sein.

Erstveröffentlichung: freitag.de

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Ingo Stützle

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