Keynes vor seinen Liebhabern schützen

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Seit Wochen wird Keynes gewürdigt und diskutiert – mehr unwillig als interessiert. Oft wird nicht verstanden, was das eigentlich Radikale an seiner Theorie ist. Keynes steht im Alltagsverstand für Schulden finanzierte Staatsausgaben und niedrige Zinsen. Selbst die FAZ wird ab heute regelmäßig Teile seiner BBC-Ansprachen als Fortsetzungsroman [sic!] bringen – im Feuilleton versteht sich. Da kann er seine Geschichten zum Besten geben. Im Wirtschaftsteil werden dann die “hard facts” verhandelt. Da kommt man schon in die Versuchung, Keynes vor seinen eigenen Liebhabern schützen zu wollen.

Aber bei diesem Versuch wird einem durchaus die Laune verdorben. Sucht man bei google nach “Keynes vor seinen Liebhabern schützen” (ohne Tüttelchen), so landet man zu aller erst bei einem Artikel der rechtsradikal-nationalistischen Zeitung Junge Freiheit, in welchem darüber spekuliert wird, in wie weit Keynes’ Homosexualität Einfluss auf dessen Theoriebildung hatte. Nach Überwindung des ersten Würgereizes bleibt eher Unverständnis. Wie ist das denn gemeint? Was soll das bedeuten? Da hilft dann die FAZ (19.02.09) weiter.

“Dass wir den großen Deuter der Depression heute entdecken, ist unser Glück und unsere Tragik. Ob nämlich die Rezepte der dreißiger Jahren auch die angemessene Therapie für heute sind, ist längst nicht ausgemacht. Dass das viele Geld, das der Staat in die Hand nimmt, nachfolgenden Generationen einmal zur unerträglichen Last und den Staaten zum Verderben werden kann, war dem kinderlosen Keynes egal.”

Ach so. Schwule bekommen keine Kinder. Deshalb ist ihnen auch eine überbordende Verschuldung egal. Oder wie? Hatte der FAZ-Schreiberling Rainer Hank vorher die Junge Freiheit gelesen? Hatte Frank Johannis das gleiche wie die FAZ im Kopf, als er seinen homophoben Scheiß schmierte. Man weiß es nicht. Das ideologische Gerede von der Generationengerechtigkeit ist ohnehin weit verbreitet.

Ich nehme in jedem Fall mit einem gar nicht guten Gefühl zunächst Abstand von einem Versuch, Keynes vor seinen Liebhabern zu schützen. Obwohl es bitter nötig wäre. Dafür muss ich jedoch wohl größere Geschütze auffahren. Denn selbst in der ZEIT muss man wirklich Jenseitiges lesen:

“Fünf lange Jahre verbrachte Keynes auf dem Elite-Internat Eton. Die intellektuellen Anforderungen erfüllte er zwar glanzvoll, aber er hatte in dieser Anstalt nicht die geringste Chance, ein natürliches Verhältnis zum anderen Geschlecht [sic!] aufzubauen. Spätestens in seinem letzten Schuljahr in Eton hatte er seine ersten homosexuellen Kontakte.”

Vielleicht sollte ich erst Freud lesen. Er könnte mir bei einem Versuch weiterhelfen, die Projektionsleistungen und Homophobie so mancher Wirtschaftsjournalisten zu verstehen. Aber erstmal gebe ich frustriert auf, Keynes vor seinen eigenen Liebhabern zu schützen. Ich muss mich erst wieder beruhigen.

Nachtrag (27.2): Was mir nicht aufgefallen ist, war ein Kommentar von Carsten Knops auf Seite 1 der gleichen Ausgabe. Darin heißt es: “Es ist Zeit für eine Insolvenz […] Ein Konkurs von General Motors aber wäre auch für deren deutsche Tochtergesellschaft Opel die beste Lösung. Nur dann könnte man versuchen, aus der Konkursmasse die Teile von GM zusammenzubauen, die man braucht, um aus Opel tatsächlich wieder einen eigenständigen, mittelgroßen Anbieter von Mittelklasseautos zu machen.” Tja. Recht hatte ich aber eben doch. Was im Feuilleton steht, darf nicht unbedingt auf Seite 1. Auch wenn man durchaus darüber diskutieren kann, ob sinnvoll ist, weiter überflüssige Autos zu bauen. Aber das ist eine andere Frage…

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Ingo Stützle

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