Ellen Meiksins Wood ist tot. Marxistische Historikerin und Ex-Herausgeberin der »Monthly Review« im Alter von 73 Jahren gestorben

Sie war eine der wichtigsten englischsprachigen Marxistinnen: Ellen Meiksins Wood. Geboren 1942 in New York, studierte die Tocher lettischer Flüchtlinge Politikwissenschaften in Los Angeles, lehrte später in Toronto und publizierte in vielen linken Theoriezeitschriften. Ellen Meiksins Wood war Redaktionsmitglied der New Left Review, neben unter anderem Paul M. Sweezy Mitherausgeberin der »Monthly Review« und Autorin für das »Socialist Register« und »Against the Current«. Hierzulande sorgte sie unter anderem mit dem Buch »Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus« für Aufmerksamkeit. Zuletzt erschien von ihr auf Deutsch »Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche«.

Warum der Kapitalismus – obwohl er so krisenhaft ist – so stabil ist, darüber hat sich schon manch kluger Mensch das Hirn zermartert. Wer sein Ende herbeisehnt, kommt um die Frage, wie er funktioniert und wie alles anfing, nicht herum. Wobei das zwei unterschiedliche Fragen sind, wie Karl Marx immer betont. Zur historischen Frage erschien vor mehr als zehn Jahren ein Standardwerk: »Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche«. Die nun verstorbene Ellen Meiksins Wood referiert darin nicht nur die bisher prominenten marxistischen Positionen und Debatten zum Thema, sondern legt ihre ganz eigene, zugespitzte Analyse vor.

Die 1942 geborene Historikerin hatte es schwer in der marxistischen Männerwelt – und das, obwohl ihre Beiträge zum Besten gehören, was die von Marx geschulte Historiografie zu bieten hat. Bisher wurde kaum etwas von ihr ins Deutsche übersetzt. Zusammen mit Robert Brenner gilt sie als die wichtigste Vertreterin des sogenannten politischen Marxismus, der einiges infrage stellte, was der traditionelle Marxismus selbstverständlich akzeptierte. Bisher wurden von dieser »Schule« etwa die Französische Revolution (Georg C. Comninel), die Entstehung des Staates (Heide Gerstenberger) bzw. des Staatensystems (Benno Teschke) und eben die Ursprünge des Kapitalismus (Robert Brenner, Meiksins Wood) oder dessen Entwicklung in den Vereinigten Staaten (Charles Post) untersucht.

MarxistInnen haben es sich oft recht einfach gemacht, die Entstehung des Kapitalismus zu erklären. Das lag mitunter auch an ihrem Kapitalismusverständnis, also dem, was ihn oder gar »die« Geschichte auszeichnen soll: etwa Klassenkämpfe, die Dialektik von Produktionskräften und -verhältnissen, der Handel und seine Märkte oder unmittelbare Gewalt, das heißt Krieg. Demnach würden etwa die Kämpfe zwischen aufstrebender und herrschender Klasse die Geschichte von einer zur nächsten Epoche bringen (wie bei der Französischen Revolution).

Allerdings, so Meiksins Woods zentrale Kritik, setzen alle diese Erklärungen schon eine kapitalistische Logik oder Verhältnisse voraus, deren Entstehung sie ja gerade erklären sollen, was sie zurecht als »Zirkelschluss« bezeichnet. Einem ähnlichen Zirkelschluss sitzt die bürgerliche politische Ökonomie auf, wenn sie den sich bis zur Entstehung des Kapitalismus ausbreitenden Handel etwa auf einen anthropologisch veranlagten »Hang zum Tausch« (Adam Smith) zurückführt.

In ihrer Darstellung der marxistischen Debatte seit den 1950er Jahren referiert sie nachvollziehbar die Argumente all derjenigen, die sie zugleich kritisiert, bleibt dabei also nicht oberflächlich oder besserwisserisch. Meiksins Woods Punkt ist, dass sich der Kapitalismus ausgehend vom 16. Jahrhundert in einem sehr spezifischen Milieu in England entwickeln konnte – auf dem Land. Der »alte Schlawiner« (Peter Licht) Kapitalismus hat also einen »agrarischen Ursprung«, beginnt nicht in der Stadt oder mit »der Industrie«. Ihr zentrales Argument ist, dass sich der Markt von einer Möglichkeit (die es schon lange gab) zu einem Imperativ entwickelte, zu einem allgemeinen Zwang, der nicht mehr durch unmittelbare Gewalt (etwa der Grundherren) vermittelt ist.

Wie kommt es dazu? Das sehr spezifische Verhältnis von Grundherren, kapitalistischen Pächtern und Lohnarbeitern brachte in England eine gesellschaftliche Konstellation hervor, in der die Pächter darauf aus sein mussten, dass Kosten gespart und Produktivkräfte entwickelt werden. Flexible Grundrenten und die spezifisch politischen Verhältnisse in England führten dazu, dass diejenigen Pächter Land bekamen, die die höchste Pacht zahlten. Damit waren die Pächter gezwungen, möglichst viel aus der Landarbeit herauszuholen, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen und Kosten zu sparen. Dies setzte eine Dynamik in Gang, die historisch ein- und erstmalig viele ArbeiterInnen freisetzte, weil sie nicht mehr benötigt wurden. Die vielfältigen Gewohnheitsrechte, Grund und Boden zu nutzen, wurden verdrängt von einer neuen, der kapitalistischen Logik, die geprägt ist von Konkurrenz und dem Markt als Zwangsinstanz.

Darauf folgte all das, was Marx im Kapitel über die sogenannte ursprüngliche Akkumulation skizziert, wo er deutlich macht, dass der Kapitalismus »blut- und schmutztriefend« (Marx) zur Welt kam, als die unmittelbaren ProduzentInnen auf vielfache Weise von den Mitteln ihrer Reproduktion getrennt wurden – durch Vertreibung vom Land, brutale Gewalt, Zwang zur Arbeit, die Einschränkung von Nutzungsrechten und die Zerstörung von Gemeingütern (Commons) – alles unter dem Einsatz von unmittelbarem Zwang. Das Resultat war eine historisch einmalige Figur, die gezwungen ist, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen: der doppelt freie Lohnarbeiter. Der Ausschluss oder die Abwesenheit anderer Möglichkeiten der Reproduktion ist hierfür die Voraussetzung. Mit der Arbeitskraft als Ware hat sich, wie Marx schreibt, die Warenproduktion verallgemeinert, es herrscht das Kapital.

Meiksins Woods Analyse bringt nicht nur tiefe Einblicke in die Entstehung des Kapitalismus, sondern trägt zudem einiges dazu bei, scheinbare Kompromisse, wie die eines Marktsozialismus, kritisch zu hinterfragen. Die Analyse bringt auch Fragen mit sich, wie ein Bruch mit den herrschenden Verhältnissen zu denken ist, wenn im Rückblick viele marxistische Erklärungen etwa der bürgerlichen Revolutionen (Französische Revolution) sich als nicht haltbar erwiesen haben (wie etwa Heide Gerstenberger in ihrer historischen Studie »Die subjektlose Gewalt« zeigt).

Bleibt zu hoffen, dass diesem hervorragend übersetzten und sehr gut zu lesenden ersten Band der »Ausgewählten Werke« von Meiksins Wood weitere Übersetzungen folgen, etwa »Abschied von der Klasse« und vor allem »Imperium des Kapitals«, in dem sie den Faden des vorliegenden Buchs weiter sponn und deutlich machte, wie sich der Kapitalismus zwar als Weltsystem entwickelt, sich aber die Internationalisierung kapitalistischer Imperative, die etwa mit einer »kapitalistischen Außenpolitik« (Imperialismus) einhergehen, von den vorkapitalistischen Imperien (Rom) oder expansiven Formationen (italienische Handelsstädte, Holland) grundlegend unterscheidet.

Ingo Stützle

Ellen Meiksins Wood: Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche (Ausgewählte Werke, Band I), LAIKA-Theorie, Band 55, Hamburg, Laika Verlag. 232 Seiten, 28 Euro.

Erschienen bei neues-deutschland.de (online) und leicht modifiziert Print (18.1.2016)

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