FAQ. Noch Fragen? China: Bang, Boom, Börse

Chinas Börsen erschütterten den Kapitalismus. Diverse chinesische Aktienindices knickten ein – und mit ihnen der deutsche Dax. Nur was ist eine Börse, und was ein Aktienindex? Unter einer Börse versteht man den Ort, an dem Finanzanlagen wie Aktien (verbriefte Anteile an einem Unternehmen), Staatsanleihen oder Derivate gehandelt werden. Börsen sind eine tragende Säule der Finanzmärkte – also jener Märkte, auf denen »Finanzprodukte« gehandelt werden. Der Begriff des Finanzmarkts kam erst in den 1970er Jahren auf und umfasst meist den Kapitalmarkt (für Wertpapiere wie Aktien und Anleihen), den Geldmarkt (kurzfristige Geldgeschäfte zwischen Banken und mit der Zentralbank) und den Devisenmarkt für Währungsgeschäfte. Hinzugezählt wird auch der Derivatenmarkt, auf dem »abgeleitete« Wertpapiere gehandelt werden. »Abgeleitet« deswegen, weil mit Derivaten auf die Wertentwicklung von anderen Wertpapieren wie Aktien, Anleihen, Zinsen oder Rohstoffen gewettet wird. Akteure an den Finanzmärkten sind vor allem Banken, Investmentfonds, Pensionsfonds, (Lebens-)Versicherungen und vermögende Einzelanleger.

Die wichtigsten Börsen befinden sich in New York, Chicago, London, Tokio und Frankfurt am Main. Die Bedeutung der chinesischen Börsen in Hongkong, Shenzhen und Schanghai war bisher relativ gering, ist aber gewachsen – sowohl was die Börsengänge als auch die Börsenkapitalisierung angeht, also den Aktiengesamtwert der Unternehmen, die an einer Börse gelistet sind.

Auf einer Börse treffen sich Käufer und Verkäufer von Wertpapieren. Die Geldsumme, zu der Wertpapiere gehandelt werden, ist ihr Preis (bei der Aktie »Kurs«). Anleger kaufen Wertpapiere zumeist, weil sie glauben, sie in Zukunft teurer verkaufen zu können und so einen Gewinn zu machen; und sie verkaufen sie, weil sie einen Wertverlust erwarten. Erwartungen sind hier also entscheidend und werden häufig zu Selbstläufern. Ein Beispiel: Händler A kauft Wertpapier B, weil er denkt, dass sein Wert steigen wird. Erwarten viele Händler, dass das Wertpapier B steigt, so kaufen sie es. Die hohe Nachfrage nach Wertpapier B lässt seinen Kurs steigen – die lediglich erwartete Wertsteigerung wird Realität. Umgekehrt: Erwarten die Händler, dass ein Wertpapier fallen wird, verkaufen sie es und machen die erwarteten Verluste zum Fakt. Aber an der Börse werden nicht nur Erwartungen Realität, die Sache ist noch skurriler. Denn ein Händler wird Wertpapier B nur dann kaufen, wenn er erwartet, dass alle anderen Händler einen Wertanstieg erwarten. Denn nur dann wird der Kurs des Papiers auch steigen. Die Erwartungen der Investoren richten sich also stets auf die Erwartungen aller anderen Investoren. Die Börse agiert zirkulär. Der Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) verglich den Wertpapierhandel daher mit einem Schönheitswettbewerb, bei dem jeder nicht den Kandidaten wählt, den er am schönsten findet, sondern den, von dem er glaubt, dass alle anderen ihn am schönsten finden.

Das Auf und Ab vieler Aktienwerte oder auch ein »Crash« wird meist an einem sogenannten Börsenindex abgelesen, etwa dem Dax, dem Dow Jones oder dem führenden chinesischen Aktienindex, dem Hongkonger Hang Seng Index. Den historisch ersten Aktienindex brachte Charles Henry Dow 1885 auf den Weg. Der Wirtschaftsjournalist und Mitbegründer des Wall Street Journal wollte anhand einer Kennzahl messen, wie sich der noch junge US-Aktienmarkt entwickelt. Dow zog damals einfach den Durchschnitt aus den Schlusskursen der zwölf wichtigsten Aktienwerte. Die mathematische Formel wurde mit der Zeit ausgefeilter, und weitere Faktoren wurden einbezogen. Dafür sorgte bereits der Statistiker und Dows Geschäftspartner Edward David Jones, der das »sehr wichtige Börsenbarometer« (Jones) zu einem wichtigen Erfolgsmaßstab für Börsianer_innen machen wollte – der US-Aktienindex Dow Jones war geboren.

Der Finanz- und Aktienmarkt ist, so die VWL-Lehre im Anschluss an den Wirtschaftsnobelpreisträger von 2013, Eugene Fama, ein vollkommener Markt: Hier herrsche nahezu vollständige Information, weshalb jeder bekannte Faktor im Aktienkurs reflektiert sei: Alle entscheidungsrelevanten Informationen über Vergangenheit und Zukunft seien bereits im Kursverlauf enthalten und ermöglichten so Prognosen, die wiederum relevant für den Kauf und Verkauf von Aktien sind. Allerdings hat die VWL-Modellierung ein grundlegendes Problem: Sie unterstellt, dass die Zukunft richtig vorweggenommen wird, sozusagen eingepreist ist. Eine absurde Vorstellung. Aber die Ökonom_innen wären keine Ökonom_innen, wenn sie aus der Not keine Tugend machten.

Ingo Stützle

Erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 608 vom 15.9.2015

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