Dialektisch gegliedert: Karl Marx und seine kaum erreichte Weise, Das Kapital nie drucken zu lassen

Heute vor 150 Jahren, am 31.7.1865, schrieb Karl Marx einen seiner vielen Briefe an Friedrich Engels, in dem er nicht nur von seinen körperlichen Beschwerden und Geldnöten berichtete, sondern auch schrieb, wie es um Das Kapital steht:

Was nun meine Arbeit betrifft, so will ich Dir darüber reinen Wein einschenken. Es sind noch 3 Kapitel zu schreiben, um den theoretischen Teil (die 3 ersten Bücher) fertigzumachen. Dann ist noch das 4. Buch, das historisch-literarische, zu schreiben, was mir relativ der leichteste Teil ist, da alle Fragen in den 3 ersten Büchern gelöst sind, dies letzte also mehr Repetition in historischer Form ist.

marx-engelsDass Marx Engels »reinen Wein« einschenken will, zeigt, dass er es nicht immer tat – und Engels auch in den kommenden Jahren immer wieder vertröstete. Immer wieder ließ Marx Engels glauben, dass er de facto mit dem Kapital fertig sei. Das angedeutete vierte Buch ist nicht das, wie oft geglaubt wird, was als sogenannten Theorien über den Mehrwert bekannt ist (ab 1905 zu großen Teilen von Karl Kautsky herausgegeben), sondern ein Manuskript, das zwischen August 1861 und Juli 1863 entstand (und in der MEGA vollständig vorliegt). Marx setzte sich an dieses Manuskript, nachdem er sein erstes Heft Zur Kritik der politischen Ökonomie 1859 veröffentlicht hatte. Auch wenn das Manuskript 1861-1863 oft als Vorarbeit fürs Kapital bezeichnet wird (so auch die Bezeichnung der zweiten Abteilung der MEGA), so sprach Marx erst im Winter 1862 vom Kapital Buchprojekt als selbstständigem Werk. Nach 1859 wollte er zunächst weitere Hefte von Zur Kritik der politischen Ökonomie veröffentlichen, ließ den Plan aber fallen – den Auflösungsprozess des Vorhabens kann man in den Manuskripten 1861 bis 1863 nachvollziehen. Auch begrifflich, etwa anhand des »Kapitals im Allgemeinen«, eine Idee, die er fallen ließ. Das am 31. Juli 1865 angedeutete 4. Buch zur Geschichte der politischen Ökonomie ist das Manuskript 1861/1863 in jedem Fall nicht.

In seinem Brief begründet Marx gegenüber Engels sogleich, warum er mit dem Kapital immer noch nicht fertig ist:

»Ich kann mich aber nicht entschließen, irgendetwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. Whatever shortcomings they may have, das ist der Vorzug meiner Schriften, dass sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen. Mit der Jacob Grimmschen Methode ist dies unmöglich und geht überhaupt besser für Schriften, die kein dialektisch Gegliedertes sind.«

Aber nicht nur methodische Fragen kommen zur Sprache (dialektische Darstellung als »artistisches Ganzes« als Form der Kritik und Wissenschaft), sondern auch die Frage, was sich mit dem Kapital verdienen lässt:

Ich würde dann mit Meißner abmachen, dass er außer den Korrekturbogen mir von jedem Bogen den Reinabzug schickt, sodass die Korrektur des Deutschen und die Übersetzung ins Englische Hand in Hand gingen. Bei dem letztern muss ich allerdings auf Deine Mitwirkung rechnen. Ich erwarte von der englischen Ausgabe die eigentliche Zahlung dieser Arbeit.

Marx verdiente jedoch nichts daran, denn die englische Übersetzung erschien erst 1886, nach seinem Tod. Ebenso die zwei weiteren Bände des Kapital, die Engels für den Druck aufbereitete.

Wenige Tage nach seinem Brief vor 150 Jahren, am 8. August 1865, unterstrich Marx gegenüber Engels nochmals, dass er erst alle der drei Bände vor sich haben wolle, etwa um abschätzen zu können, wie viel er streichen und straffen müsse. Laut seinem Julibrief fehlten ja nur noch drei Kapitel, d.h. das, was in MEW-Ausgabe die Abschnitte zu zinstragendem Kapital, zur Grundrente (beides thematisch bis heute größere Baustellen) und zu den Revenuen und ihren Quellen.

Aber auch im August wirkt Marx beruhigend auf seinen Freund ein:

Sonst kannst Du Dich darauf verlassen, das alles geschieht, um möglichst bald zu Ende zu kommen, denn das Zeug lastet auf mir wie ein Alp. Es hindert mich nicht nur, irgend etwas andres zu tun, sondern ist auch damnedly lästig, wenn das Publikum mehr oder minder mit Zukunftslorbeerkronen (zwar nicht von mir, aber doch von Liebknecht und andern) unterhalten wird. Und ich weiß dazu, dass die Zeit nicht immer so still bleiben wird, wie sie grade jetzt ist.

Erst Anfang 1866 freundete sich Marx mit dem Gedanken an, den ersten Band des Kapital doch separat zu veröffentlichen. Laut Carl-Erich Vollgraf haben dazu einige Spitzen und süffisante Bemerkungen in Briefen von u.a. Wilhelm Liebknecht geführt, Marx habe bis auf Flugschriften und Bruchstücke bisher kaum etwas veröffentlicht. Der erste Band erschien schließlich im Herbst 1867 – und zwar um einen Anhang zur Wertform erweitert. Marx’ Freund Louis Kugelmann und auch Engels, beide hatten die Druckfahnen gelesen, und hatten Marx darum gebeten. Marx habe, so die Kritik von Engels,

den großen Fehler begangen, den Gedankengang dieser abstrakteren Entwicklungen nicht durch mehr kleine Unterabteilungen und Separatüberschriften anschaulich zu machen. … Der populus, selbst der gelehrte, ist eben an diese Art zu denken gar nicht mehr gewöhnt, und man muss ihnen da jede mögliche Erleichterung zukommen lassen. (Engels an Marx, 6. Juni 1867)

Dass ein Anhang zum ersten Kapitel alles andere als ein »artistisches Ganzes« darstellt, hat Marx schließlich dazu veranlasst, für die Zweitauflage (1872) die Struktur des Bandes zu überarbeiten – und auch den Anfang zu Wertform. Aber auch diese »popularisierte« (Marx) Version hat nicht alle Unklarheiten beseitigt und bis heute wird eifrig darüber diskutiert, wie es auszusehen hat, das »artistische Ganze«, das »dialektisch Gegliederte«, was eben keine Frage der Didaktik ist, sondern eine Frage, wie die das System, die Kategorien der politischen Ökonomie darzustellen und damit zu kritisieren sind – und warum Das Kapital eben kein Wörterbuch ist.

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Siehe auch: Ein typischer Fall von Prokrastination: Vor 150 Jahre hielt Karl Marx einen Vortrag »Value, price and profit« und Formative Phase: zum neuesten MEGA-Band und die »Manchester Hefte«.

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