Das Geld, Gott der Waren. Zur Debatte über die Abschaffung des Bargeldes

Greece EuroDie Debatte über die Abschaffung des Bargeldes hat viele Leerstellen. Und Lehrstellen: Sie fördert das Kapitalismusverständnis – und befähigt zu Kritik an den Verhältnissen.

Um es kurz zu machen: Ja, es ist sinnvoll, Bargeld abzuschaffen. Schon aus hygienischen Gründen. Eine Untersuchung der New York University identifizierte etwa 3000 Bakterientypen allein auf einem US-Dollar-Schein – nur 20 Prozent der nichtmenschlichen DNA konnten genauer bestimmt werden. Und natürlich hat man auch Kokain gefunden.

Das alles haben die Ökonomen aber wohl kaum im Kopf, die in den letzten Wochen die Debatte darüber angeheizt haben, ob das Bargeld abgeschafft gehört. Das fordern etwa der ehemalige Chef-Ökonom des IWF Kenneth Rogoff und der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger – was zu Empörung und öffentlichen Bekenntnissen zu Bargeld führte, etwa von Bundesbankchef Jens Weidmann. Besonders die Deutschen scheinen am Bargeld zu hängen. Laut Umfragen sind Dreiviertel dagegen, Scheine und Münzen aus dem Verkehr zu ziehen.

Andere Länder sind in der Frage bereits weiter. Nicht nur in den USA, wo die bargeldlose Bezahlung viel verbreiteter ist. Man erinnere sich an den Film »The Big Lebowski«, in dessen Zentrum »der Dude« steht, jener Lebowski, der in der Anfangszene im Supermarkt die Milch für den Cocktail mit einem ungedeckten 69-US-Cent-Scheck bezahlt.

Schweden führte als erstes europäisches Land Mitte des 17. Jahrhunderts das Papiergeld ein und gilt heute als Vorreiter bei der Wiederabschaffung – selbst in der Kirche geht ein Kartenlesegerät rum statt eines Klingelbeutels. Die dänische Notenbank hat angekündigt, ab nächstem Jahr keine neuen Banknoten mehr zu drucken. In Italien und Frankreich herrschen Obergrenzen, so soll nicht mehr mit 1000-Euro-Scheinen bezahlt werden dürfen.

Was sind die bisher angeführten Argumente derjenigen, die das Bargeld abschaffen wollen? Ohne Bargeld könnte man die Geschäfte der sogenannten organisierten Kriminalität austrocknen. So ein Argument. Die Rolle des Bargeldes für »dunkle Geschäfte« lässt sich anhand des 500-Euro-Scheins zeigen. Kaum wer hat ihn je in der Hand gehabt und trotzdem machen die hellvioletten Scheine laut EZB rund ein Drittel des Bargeldes in der Euro-Zone aus, etwa 600 Millionen 500-Euro-Scheine sind im Umlauf. Die Banknote wird auch als Matratzen-Geld bezeichnet, schließlich bietet sich der hohe Wert des Scheins an, wenn man sein Vermögen nicht bei einer Bank hinterlegen will. Zudem, so ein weiteres Argument, brächte die Abschaffung des Bargeldes Zeit- und Kostenersparnis mit sich. Scheine und Münzen müssten nicht mehr teuer gedruckt oder geprägt und an der Kasse nicht mehr mühselig im Portemonnaie gesucht werden.

Solche Argumente überzeugen kaum. Dass kriminelle Geschäfte mit Milliardengewinnen auch mit Bankkonto möglich sind, zeigte derzeit die Deutsche Bank. Auch gibt es Geldsubstitute wie die Kryptowährung Bitcoin oder andere Formen der Bezahlung. Der Euro ist in diesen Bereichen der informellen Ökonomie eh nicht besonders gefragt. So akzeptieren etwa die Piraten vor der somalischen Küste US-Dollar, keine Euros.

Selbst der Kampf gegen Steuerflucht scheitert derzeit nicht daran, dass das Geld in großem Stil als Bargeld vor dem Fiskus in Sicherheit gebracht wird. Und »Matratzen-Geld« sind inzwischen viel eher teure Kunstgemälde oder Immobilien, die als Wertaufbewahrungsmittel dienen. Und wer ab und an im Supermarkt ist, weiß, wie langwierig es sein kann, mit EC-Karte zu bezahlen.

Vor diesem Hintergrund bekommt ein letztes Argument besonderes Gewicht, das etwa Rogoff und Bofinger anführen: Ohne Bargeld könne die Geldpolitik der Zentralbanken besser greifen, namentlich die Zinspolitik. Warum? Die Niedrigzinspolitik der EZB soll Kredite billiger machen und so die Wirtschaft ankurbeln. Das passiert jedoch kaum. Unternehmen, die dringend Kredit bräuchten, bekommen trotzdem kein Geld – Banken ist das zu riskant. Niemand kann versprechen, dass sie das Geld wiedersehen. Andere Unternehmen wollen keinen Kredit. Zwar machen sie Profit, aber ihre Produktion kreditfinanziert auszuweiten, wird als zu riskant eingeschätzt – so rosig sind die Gewinnaussichten nun auch wieder nicht. Das Geld bleibt deshalb bei den Banken oder fließt an Finanzmärkte.

Soll weiter geldpolitisch versucht werden, die Wirtschaft anzukurbeln, muss der Zins negativ werden. Das könnte dazu führen, dass Geld von den Banken abgehoben wird. Lieber ein paar 500-Euro-Scheine unter der Matratze als eine Entwertung des Ersparten hinnehmen. Gibt es kein Matratzen-Geld oder sogar gar kein Bargeld mehr, wäre das nicht möglich.

Ähnliches praktizierte die Politik angesichts der Krise von 1929, zumindest in den USA: Während der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning die Krise mit Spardiktaten zu bekämpfen versuchte und verschärfte, verbot der US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Besitz von mehr als fünf Unzen Gold, dem damaligen Matratzen-Geld und setzte so einen Teil der für den New Deal notwendige Liquidität frei.

Es gibt jedoch auch Gegenstimmen aus einer anderen Ecke: Während bei Bargeld egal ist, wer den Schein ausgibt oder annimmt, das Verhältnis der Akteure mit dem Händewechsel des Geldscheines beendet ist, ist es bei Kreditgeld nicht nur existenziell zu wissen, wer Sender, wer Empfänger von Zahlungen ist (und sei es ein Nummernkonto), sondern als Kreditbeziehung bleibt es existent – und die Kreditwürdigkeit spielt eine große Rolle, was zusätzliche Informationen über den Gläubiger nötig macht (Kreditratings, Schufa-Auskunft etc pp.). Der Ökonom Martin Shubik formuliert es so: Bargeld hinterlässt keine Papierspur.

Die Verpflichtung zu einem Konto bietet also ein Einfallstor für staatliche Überwachung, was (Neo-)Liberale bis Piraten auf den Plan ruft. Geld beginnt so plötzlich wieder zu stinken – Buchgeld ist schließlich auch eine Frage der Glaubwürdigkeit und der Ansicht der Person, des »Standes«.

Für die einen ist der Vorschlag, Bargeld abzuschaffen, die Speerspitze des Neoliberalismus, für die anderen ein Angriff auf die liberalen Grundsätze der Marktwirtschaft. Schon dieser Widerspruch deutet an, dass das Problem etwas grundsätzlicher ist, nämlich zur Frage führt, was das eigentlich ist, das Geld. Mehr noch: Was Bargeld eigentlich von Buchgeld, dem Geld auf der Bank unterscheidet – es ist streng genommen kein Geld.

Die Grundlage dafür, das Bargeld abgeschafft werden kann, ist, dass Geld etwa bei Banken liegt, Buchgeld entsteht. Das Geld ist jetzt in den Büchern der Bank, womit gegenüber der Bank eine Forderung entsteht. Das Geld hat sich scheinbar verdoppelt. Die Bank ist Schuldner und hat eine Verpflichtung gegenüber dem Kontoinhaber, dem Gläubiger. Zwar stellt sich beim Blick auf den Bildschirm, beim Onlinebanking, die Vorstellung ein, dass ich so und so viel Geld habe, de facto hat es aber die Bank. Das Geld auf den Konten ist somit eine bestimmte Form von Geld: Kredit- oder Buchgeld. Ich habe nur eine Forderung gegenüber der Bank.

Buchgeld ist also kein Geld. Das zeigt sich schon daran, dass alle Forderungen und Verpflichtungen einander gegenüberstehen und einen Saldo von Null ergeben. Ein Zahlungsversprechen wird mit Geld beglichen, ist aber kein Geld, kann nur Geldfunktionen vollziehen, etwa in Form von Kreditgeld, früher etwa dem gängigen Handelskredit, dem Wechsel. Heute ist das Buchgeld vorherrschend. Wechsel kennt man aus Geschichtsbüchern oder Schwarz-Weiß-Filmen.

Wenn also Person A an Person B eine Überweisung tätigt, dann wandert das Zahlungsversprechen der Bank X gegenüber Person A an die Bank Y, die jetzt eine Verpflichtung gegenüber Person B hat. Dieses Verhältnis ändert sich nicht grundlegend, wenn per EC-Karte gezahlt wird oder Bezahldienste genutzt werden.

Buchgeld ist eine risikoreiche Angelegenheit, wie die letzten Jahre gezeigt haben – trotz Einlagensicherung. Dass Angela Merkel 2008 mit dem Wortlaut vor die Kameras treten mussten, »die Spareinlagen sind sicher«, schreibt Bände. Und in Griechenland, von Berlin mit dem Grexit bedroht, ziehen viele Menschen ihr Geld ab und das Banksystem hängt an der EZB-Notfallversorgung.

Trotz der vielen Tinte, die in der Krise auf Fragen nach Geld und Kapitalismus verwendet wurde, bleiben für den Alltagsverstand selbst einfache Sachverhalte, die Unterscheidung von Geld und Buchgeld, im Dunkeln. Bei der Debatte um das Bargeld sind mehrere Punkte ungeklärt.

Erstens geht es nicht um Geld, sondern darum, wie aus Geld mehr Geld werden kann. Seit der Krise stottert der Wachstumsmotor in Europa und selbst niedrige Zinsen helfen nicht. Das Geld wird nicht zu Kapital, dennoch auch Kapital ist nicht einfach eine große Summe Geld, sondern sich verwertendes Geld. Die Krise der Verwertung soll geldpolitisch gelöst werden. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Die Geldpolitik kommt an seine Grenzen.

In der Bargeld-Debatte kommt zweitens zum Ausdruck, was Marx den Kapitalfetisch nannte: die Vorstellung nämlich, dass einer bestimmten Summe Geld scheinbar die natürliche Eigenschaft zukommt, mehr zu werden, nur weil es Geld ist. Mehr werden kann Geld aber eben nur, wenn es als Kapital fungiert, akkumulieren kann, Ausbeutung von Arbeitskräften stattfindet. Ausbeutung lohnt sich für das Kapital jedoch nur, wenn Profit winkt, wenn die Kosten für das Einzelkapital niedrig sind. Dazu gehören, neben den Löhnen, die dank Rot-Grün (Deutschland) und der Troika (Euro-Peripherie) bereits massiv geschliffen wurden, auch die Zinsen.

Damit wären wir beim dritten Punkt, es wird nämlich unterstellt, dass Münzen oder Papier sicher sind, im Gegensatz zu Buchgeld, quasi von Natur aus. Dieses Misstrauen rührt aus einem tief sitzenden Ressentiment gegenüber Banken, Finanzalchemie und Kreditgeldschöpfung, wo schon so manche daran gescheitert sind, zu erklären, was sie da eigentlich machen.

Das Vertrauen in Papiergeld war aber nicht immer groß. Nach der Französischen Revolution stand die Todesstrafe auf diskreditierende Äußerungen über die von der Revolutionsregierung ausgegebene Papierwährung. Das Vertrauen wurde also erzwungen und war alles andere als spontan.

Bargeld, Münzen und Scheine, Buchgeld – das alles sind Formen von Geld. Meist wird einfach alles als Geld bezeichnet, wobei der Unterschied zwischen Kredit, einem Zahlungsversprechen, und Geld verschwimmt. Marx versuchte Ordnung in die Verwirrung zu bringen, fragte, warum es überhaupt die Form Geld braucht.

Geld ist ihm zufolge die versachlichte Vergesellschaftungsinstanz, da sie unmittelbar als Wert gilt, unmittelbare Existenzform des Werts ist. Ein spezifisch gesellschaftliches Verhältnis erscheint als natürliches. Das führt Marx im Kapital aus. In der Erstauflage des Kapital von 1867 hat Marx hierfür ein instruktives Beispiel angeführt: »Es ist als ob neben und außer Löwen, Tigern, Hasen und allen andern wirklichen Thieren, die gruppirt die verschiednen Geschlechter, Arten, Unterarten, Familien u.s.w. des Thierreichs bilden, auch noch das Thier existirte, die individuelle Incarnation des ganzen Thierreichs.«

Eine verrückte Vorstellung. Erst wenn sich die Warenwelt auf Geld beziehen kann, »das Tier« real zugegen ist, können sich die Waren aufeinander als Werte beziehen. Erst mit Geld können die Waren unabhängig von ihrem Gebrauchswert ihren Wertcharakter geltend machen und qua einem Preisschild vor sich hertragen.

Das heißt nicht, dass Geld immer Papier sein muss (oder gar Gold) – selbst das Papiergeld ist ja eine kapitalistische Innovation, die sich erst nach langer Zeit gegen Gold und geprägte Münzen durchsetzen musste.

Was es aber braucht ist ein Wertzeichen, eine unmittelbare Existenzweise des Werts, etwas, worauf sich die alle als Geld beziehen, beziehen müssen, um ihre Waren als Werte aufeinander beziehen zu können.

Schafft es der Staat nicht mehr, Geld als das »einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel« allgemeinverbindlich durchzusetzen, findet ein Rückzug in andere »Gelder« statt. Kein Geld vereint dann mehr alle Funktionen. Die einen flüchten ins Gold, um ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen, es erstarrt zum Schatz und kann weder als Geld noch Kapital fungieren. Es müssen neue Wertstandards für Kreditverträge gefunden werden und ein Geld, das als Zirkulationsmittel fungieren kann, weil niemand mehr Zahlungsversprechen akzeptiert. Der wirtschaftliche Zusammenhang der Gesellschaft zerfällt.

»Money makes the world go round« sang einst Liza Minnelli, Geld ist alles andere als eine zu vernachlässigende Größe kapitalistischer Wirtschaft. Ganz im Gegenteil. Und umgekehrt gilt, wie der Soziologe Heiner Ganßmann immer wieder zurecht herausstellt, fördert jede Diskussion über Geld auch das Kapitalismusverständnis – und befähigt zu besserer Kritik an den Verhältnissen.

Erschienen in: neues deutschland, 20.6.2015.

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