Hat der Zweite Weltkrieg das Kapital zerstört, Thomas Piketty?

Die Ungleichheitskurve in den Industriestaaten beschreibt Thomas Piketty zufolge die Form eines U, wobei 1913 und die Gegenwart für die westlichen Industriestaaten die bisherigen Gipfelpunkte darstellen (siehe Schaubild I.2). Für Thomas Piketty stellt sich die U-Form vor allem durch die beiden Weltkriege und Krise von 1929 ein. Dass Kriege Vermögen vernichten ist ein Narrativ, das auch in Deutschland gerne bedient wird. Nach 1945 sei trotz einer »Stunde Null« ein Wirtschaftswunder möglich gewesen. War dem so? Durchaus nicht, was Piketty vor allem deshalb nicht in den Blick bekommt, weil er die unterschiedlichsten Formen von Kapital unter das Wörtchen Vermögen subsumiert und Unterschiede einebnet.

Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser1 schreibt:

Am Ende des Krieges [1945] schien unter den Trümmern der Großstädte auch der Kapitalstock der deutschen Industrie begraben. Tatsächlich wurde unmittelbar nach Kriegsende das Ausmaß der Bombenschäden stark überschätzt. […] In Wirklichkeit war im Mai 1945 die Substanz des industriellen Anlagevermögens keineswegs entscheidend getroffen. Bezogen auf das Vorkriegsjahr 1936, war das Brutto-Anlagevermögen der Industrie sogar noch um rund 20 Prozent angewachsen.

Die Bombardierungen waren laut einer Studie eines internationalen Forscher-Teams (u.a. mit Nicholas Kaldor, Paul A. Baran, John K. Galbraith und Jürgen Kuczynski) »kostenspielige Fehlschläge«, zudem wurde während des Krieges massiv modernisiert und die Produktionskapazitäten ausgeweitet und auch die arbeitsfähige Bevölkerung war nach Ende des Zweiten Weltkriegs keineswegs so klein, wie oft geglaubt.

→ Zum Dossier »Pikettys Das Kapital im 21. Jahrhundert«

Anmerkungen:

  1. in: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München, hier: S. 70ff.

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