Marx zu Thomas Piketty

Rainer Rilling hat dankenswerterweise eine Unmenge an Reaktionen zum amazon-Kassenschlager »Capital in the Twenty-First Century« von Thomas Piketty zusammengetragen. Piketty stellt die Verteilungsfrage in den Mittelpunkt seines Interesses, wofür er von rechts gefürchtet, von links bejubelt wird. Die Beweggründe, warum er Gehör bekommt, sind also sehr unterschiedlich.

Nun hat sich auch Karl Marx zu Wort gemeldet und wirft Piketty vor, die bekannten Fehler der politischen Ökonomie zu wiederholen, ökonomische Größen und Einkommenformen zu naturalisieren und derart das altbekannte harmonische Bild eines sozialpartnerschaftlichen Streits unter Gleichen (Kapital/Arbeit) um die Verteilung des Kuchen zu malen:

Erde-Rente, Kapital-Zins, Arbeit-Arbeitslohn stehn sich die verschiedenen Formen des Mehrwerts und Gestalten der kapitalistischen Produktion nicht entfremdet, sondern fremd und gleichgültig, als bloß verschieden, ohne Gegensatz gegenüber. Die verschiedenen Revenues fließen aus ganz verschiedenen Quellen, die eine aus der Erde, die andre aus dem Kapital, die andre aus der Arbeit. Sie stehen also in keinem feindlichen, weil überhaupt in keinem inneren Zusammenhang. Wirken sie nun doch in der Produktion zusammen, so ist das ein harmonisches Wirken, der Ausdruck von Harmonie, wie ja z.B. der Bauer, der Ochse, der Pflug und die Erde in der Agrikultur, dem wirklichen Arbeitsprozesse, trotz ihrer Verschiedenheit harmonisch zusammenarbeiten. Soweit ein Gegensatz zwischen ihnen stattfindet, entspringt er bloß aus der Konkurrenz, welcher der Agenten mehr vom Produkt sich aneignen soll, vom Wert, den sie zusammen schufen, und kommt es dabei gelegentlich zur Keilerei, so zeigt sich dann doch schließlich als Endresultat dieser Konkurrenz zwischen Erde, Kapital und Arbeit, daß, indem sie sich untereinander stritten über die Teilung, sie durch ihren Wetteifer den Wert des Produkts so vermehrt haben, daß jeder einen größeren Fetzen bekommt, so daß ihre Konkurrenz selbst nur als der stachelnde Ausdruck ihrer Harmonie erscheint. (MEW 26.3, 493f.)

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3 Kommentare

  1. Am 27. April 2014 um 11:54 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich finde, es gibt noch eine passendere Stelle im Manuskript von 1857/58, die Du ja auch gerne bemühst:

    Die Production soll [i.d. von bürgerl. Profs. verfaßten Lehrbüchern der pol. Ök.] vielmehr — siehe z . B . Mill, im Unterschied von der Distribution etc als eingefaßt in von der Geschichte unabhängigen ewigen Naturgesetzen dargestellt werden, bei welcher Gelegenheit dann ganz unter der Hand bürgerliche Verhältnisse als unumstößliche Naturgesetze der Gesellschaft in abstracto untergeschoben werden. Dieß ist der mehr oder minder bewußte Zweck des ganzen Verfahrens. Bei der Distribution dagegen sollen die Menschen in der That allerlei Willkühr sich erlaubt haben. (MEGA² II.1.1, p. 24)

  2. Jurriaan Bendien
    Am 2. Mai 2014 um 19:29 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich denke, leider, dass die meisten Marxisten zu dumm sind, um eine intelligente Kritik der Piketty zu machen. Ein Jahrhundert der Marxismus hat gänzlich verfälscht, was Marx beabsichtigt hatte. Die Modelle, die Marxisten haben für die Akkumulation, der Einkommen und der Makroökonomie sind zu simpel und primitiv. Die meisten Marxisten haben lieber Slogans und Zitate, statt wirkliche Analyse.

  3. Ingo
    Am 2. Mai 2014 um 20:35 Uhr veröffentlicht | Permalink

    1. Ja. Siehe https://www.jacobinmag.com/2014/05/how-to-write-a-marxist-critique-of-thomas-piketty-without-actually-reading-the-book/
    2. Ja, aber die marxsche Theorie ist universitär und institutionell auch schon Jahrzehnten ausgegrenzt, isoliert und unterrepräsentiert oder „vereinnahmt“ worden
    3. Nein, denn Piketty reproduziert viele „Fehler“, die Marx bereits an der Klassik kritisierte. Diese Kritik bewegt sich selbstredend auf einer allgemeinen Ebene, ist deshalb aber nicht falsch.

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