Paul Mattick, das marxsche Kapital und die Arbeitslosenbewegung von Chicago

»An Marx interessiert mich wirklich nur dieser eine Gedanke, die Entdeckung der immanenten Widersprüche im kapitalistischen Produktionssystem.« (Paul Mattick)

Der 1904 geborene Paul Mattick emigrierte 1926 in die USA. Ihm verhalf damals der Kölner Bürgermeister zum nötigen Kleingeld, Deutschland zu verlassen – Konrad Adenauer. Mattick rechnete dem Bürgermeister vor, dass die zukünftige finanzielle Unterstützung mehr Kosten verursachen würde, als das Geld, das er für die Ausreise brauche. Das leuchtete Adenauer ein und sorgte umgehend für eine unbürokratische Lösung.

Das ist nur eine von vielen Anekdoten, die Michael Buckmiller dem Rätekommunisten Mattick im Sommer 1976 in einem dreitägigen Gespräch entlockte. Das Interview ist nun zusammen mit literarischen Texten von Paul Mattick und einem Nachwort von Michael Buckmiller in der Reihe Dissidenten der Arbeiterbewegung im Unrast-Verlag erschienen. Dafür ist dem Verlag, Michael Buckmiller, den Herausgebern Marc Geoffroy und Christoph Plutte und vielen HelferInnen zu danken. Das Buch eröffnen Einblicke in einen fast vergessenen Alltag der proletarischen Weimarer Republik, Kämpfe jenseits von KPD und SPD und Intellektualität, die mehr mit Punk als mit Universität zu tun hat.

Bekannt ist Mattick vor allem durch seine Keynes- und Keynesianismus-Kritik. Lesenswert sind seine Texte zur Herausbildung des New Deal, der Veränderung von kapitalistischer Ökonomie angesichts der Krise von 1929 und seine Ausführungen zur Arbeitslosenbewegung, in der er selbst aktiv war (siehe etwa hier). Sein Text »Arbeitslosigkeit, Arbeitslosenfürsorge und Arbeitslosenbewegung in den Vereinigten Staaten«, 1936 für die Zeitschrift für Sozialforschung geschrieben, wurde aufgrund politischer Differenzen nie gedruckt.1

Dreh und Angelpunkt von Matticks theoretischen Überlegungen und politischen Interventionen war das marxsche Kapital. Es lag also nahe, dass Mattick in Chicago, aktiv in der Arbeiter- und Arbeitslosenbewegung, 1933/1934 Kapital-Kurse organisierte.

Im Gespräch mit Michael Buckmiller gibt er zu Protokoll:

»In der Arbeitslosenbewegung kam natürlich die Frage auf, was mit den Leuten tun, die ja nichts zu tun haben. So richteten wir Studienkurse ein. Für diesen Zweck habe ich eine kleine Anleitung geschrieben, wie man Leuten Das Kapital beibringen oder es am besten gemeinsam mit ihnen lesen und diskutieren kann. Für zwei Jahre hatten wir regelmäßig Kurse zum Kapital von Marx, die von ungefähr achtzig bis hundert Leuten besucht wurden und die in jeder Hinsicht sehr erfolgreich waren. […] Die Hauptsache waren die Arbeiter selbst – das heißt hier die Arbeitslosen –, die Selbstbestimmung lernen sollten und sie selbst entscheiden mussten, was sie tun wollten. Wir überließen es ihnen, wir machten Vorschläge, wir versuchten aber nicht, eine Politik durchzusetzen, sondern einfach nur das, was die Arbeiter wollten. Wir versuchten, uns hinter sie zu stellen und sie zur gleichen Zeit ideologisch zu beeinflussen, aber nicht durch Parteipropaganda, sondern durch Marx‘ Kapital, wogegen weder die Sozialisten noch die Kommunisten Einspruch erheben konnten. Wir machten keine Propaganda für unsere Gruppe, wir hielten nur Vorträge über Politik und Kapital

  1. In der Zeitschrift Radical America erschien Mitte der 1970er ein lesenswerter Aufsatz von Roy Rosen­zweig, der an die Kämpfe und Orga­ni­sie­run­gen vor und wäh­rend der Great Depres­sion erin­nert: »Orga­ni­zing the Unem­ployed: The Early Years of the Great Depres­sion, 1929-1933«, PDF-Datei (9,7 mb)

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