Der süße Klang von Ordnung. 1973 als Jahr des Neoliberalismus

Auf Rainer Hank ist verlass. Wenige Tage vor dem Scheitern der FDP am 22. September machte er sich anlässlich der Verleihung des Karl-Hermann-Flach-Preises in der FAZ Gedanken über die Zukunft des Liberalismus und blickte deshalb zurück ins Jahr 1973 – das Jahr des Putsches in Chile vor 40 Jahren.

Das liest sich dann so:

Was war los in diesem Jahr der Zäsur 1973? Das dominierende Thema des Sommers war die sich zuspitzende Situation in Chile, die schließlich am 11. September 1973 zu jenem gewaltsamen Putsch führte, mit welchem General Augusto Pinochet den 1970 demokratisch an die Macht gekommenen sozialistischen Präsidenten Salvador Allende entmachtete und mit seiner Junta eine Militärdiktatur errichtete, die sich bis 1990 halten konnte. Auf die Menschenrechtsverletzungen, darunter mehrere Tausende Ermordete, mehrere zehntausend Fälle von Folter und gewaltsam „verschwundenen“ Chilenen, reagierte die Welt mit großem Abscheu.

Ja, wirklich. Abscheu? Das liest sich etwa bei Wikipedia ganz anders.

»Angesichts des Chaos, das in Chile geherrscht hat, erhält das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang.« (Franz Josef Strauß)

Aber weiter im FAZ-Text:

Worüber in Deutschland nicht gesprochen wurde: Allende hatte sein Land vollkommen heruntergewirtschaftet. Das im August 1973 von der Volksfront hinterlassene Erbe glich einer Konkursmasse.

Nur der Sozialist Allende und seine Regierung waren für die wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich? Demzufolge der Putsch gar nicht so schlimm und »neoliberale Modernisierung« mehr als gut und richtig?

Wer sich ein wenig Mühe macht weiß, dass auch der wirtschaftliche Niedergang ein Produkt der neoliberalen und putschbereiten Kräfte war. Auch das ist mit ein paar Klicks bei Wikipedia nachzulesen.

Für die neoliberale Konterrevolution ist besonders die Rolle der sog. Chicago Boys hevorzuheben. Deren intellektuellen Väter und Stichwortgeber, Milton Friedman und Friedrich August von Hayek, zitiert Hank in seinem Text mehr als ein Mal. Ein Hayek-Zitat führt Hank jedoch nicht an: Friedrich August von Hayek äußerte sich anlässlich der 1981 in Chile stattfindenden Tagung der Mont Pèlerin Society gegenüber der Zeitung El Mercurio wie folgt über die Diktatur Pinochets und den Grundgedanken der neuen Verfassung:

Eine freie Gesellschaft benötigt eine bestimmte Moral, die sich letztlich auf die Erhaltung des Lebens beschränkt: nicht auf die Erhaltung allen Lebens, denn es könnte notwendig werden, das eine oder andere individuelle Leben zu opfern zugunsten der Rettung einer größeren Anzahl anderen Lebens. Die einzig gültigen moralischen Maßstäbe für die ›Kalkulation des Lebens‹ können daher nur sein: das Privateigentum und der Vertrag.

Zu Mythos und Realität der Rolle der Chicago Boys habe ich für den ak-Schwerpunkt (September) zum Putsch in Chile und die Folgen auch einen Beitrag beigesteuert.

Was 40 Jahre Neoliberalismus in Chile angerichtet haben, nämlich eine soziale Katastrophe, hat Carlos Pérez Soto in seinem 40-seitigen Text »Im Land des depressiven Zusammenbruchs« eindringlich ausgeführt.

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