Das marxsche Kapital: unlesbar für Laien?

»Wer ›Das Kapital‹ lesen will, stößt auf eine Überfülle von Schwierigkeiten. Ja, man darf sagen, für Laien ist es überhaupt unlesbar. Und die meisten Menschen sind doch nun mal Laien.« (Julian Borchardt, 1919)

Letzte Woche referierte Fritz Fiehler im Rahmen der Satellitenseminare der Kapitalkurse über Einführungen ins marxsche Kapital. In der Veranstaltungseinladung hieß es:

Eine Einführung in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie ist immer schon eine Interpretation des Originals, eine bestimmte Lesart und eine Verdichtung des politisch-theoretischen Kontexts, in dem Marx jeweils rezipiert wurde. Das Kapital wird also immer neu gelesen – und anders. Warum? Welche Debatten, Auseinandersetzungen und Fragen bringen sie in spezifischer Form zum Ausdruck?

Der Vortrag ist inzwischen als Audiodokumentation verfügbar:

Renner Fritz Fiehler konstatierte, dass sich frühe Einführungen meist auf die Darstellungen des ersten Bandes konzentrierten, auf die Darstellung der Wert- und Mehrwerttheorie. Das ist durchaus richtig. Leider gehen bei derartigen Verallgemeinerungen spannende Ausnahmen unter. Hierzu gehören im Fall der Einführungen bzw. popularisierender Darstellungen des Kapitals u.a. die »gemeinverständliche Ausgabe« des Kapitals (1919) von Julian Borchardt und der Band »Die Wirtschaft als Gesamtprozess und die Sozialisierung« (1924) von Karl Renner. Denn: Beide Bücher haben alle drei Bände zum Gegenstand.

So heißt es bei Renner:

Die vorliegende Arbeit unternimmt es nun, so kurz als möglich den Gesamtprozeß der Wirtschaft darzustellen und so aufzuzeigen, worauf das Marx‘sche System im Ganzen hinaus will. (S. 6)

borchardtEin Blick in das Inhaltsverzeichnis gibt zudem darüber Aufschluss, dass der oft vernachlässiget zweite Band ebenso Gegenstand der Darstellung ist wie der fünfte Abschnitt des dritten Bandes, wo Marx sich mit Kreditgeld und fiktivem Kapital herumplagt.

Julian Borchardt, ehemaliges SPD-Mitglied, Kommunist, und später parteiloser MASCH-Lehrer hatte sich vorgenommen, »Marx selbst sprechen zu lassen« und hat eine Art redigiertes Lesebuch erstellt. Auch hier umfasst der Text den Stoff aller drei Bände. Wie Renner interessiert auch Borchardt, das ist sicherlich der revolutionären Zwischenkriegszeit geschuldet, die »Sozialisierung« – beide schrieben (wie auch Karl Korsch) nicht von »Verstaatlichung«.

In 15 Monaten wurden von Borchardts Lesebuch 10.000 Exemplare verkauft. Das Buch war bereits Anfang der 1930er Jahre ins Englische, Russische, Bulgarische, Japanische, Hebräische und Spanische übersetzt worden. Borchardt hatte es im Zuge von Neuauflagen immer wieder überarbeitet und erweitert. So nahm er den zweiten Band des Kapitals (Zirkulation des Kapitals) und Ausführungen zur Krisentheorie erst nach der großen Krise von 1929 auf.

borchardt-2Zwar erhielt Borchardt 1931 eine Berufung an das Marx-Engels-Institut nach Moskau, konnte die Stelle aufgrund einer Erkrankung aber nicht mehr annehmen. Er starb 1932 in Berlin. Wahrscheinlich hätte ihm die Arbeit in Moskau auch keinen Spaß gemacht: Bereits im Februar 1931 wurde Dawid Rjasanow, der bereits zuvor abgesetzte, ehemalige Leiter des Instituts, verhaftet (und 1938 ermordet). Dokumente über die politische Säuberung des Marx-Engels-Instituts 1931 und zur Durchsetzung der stalinschen Linie am vereinigten Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU finden sich im Sonderband 3 der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung.

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