Aufgeblättert: Linke Kommunismuskritik

Der Kommunismus als politisches Ziel und Idee ist vor allem durch seine eigene Geschichte delegitimiert. In der aktuellen politischen Debatte hat diese Delegitimierung die Form des Extremismus- und Totalitarismusdiskurses angenommen, der die realexistierenden Sozialismen und den Stalinismus mit Faschismus und den nationalsozialistischen Verbrechen gleichsetzt. Dagegen setzt die Leipziger Gruppe INEX, die sich seit Jahren gegen den Extremismusansatz engagiert, eine linke, nicht totalitarismustheoretische Kritik an Stalinismus und Realsozialismus. »Wer heute vom Kommunismus redet, darf von Realsozialismus und Stalinismus nicht schweigen«, heißt es in der Einleitung des INEX-Sammelbandes »Nie wieder Kommunismus?«.

Er dokumentiert Beiträge einer Veranstaltungsreihe, bei der die dunklen Seiten linker Geschichte zur Sprache kamen. In zwölf Artikeln wird die realsozialistische Vergangenheit behandelt, vor allem der Stalinismus, aber auch die DDR. China, Kuba oder Jugoslawien spielen keine Rolle.

Christian Schmidt argumentiert, die später im Realsozialismus vorherrschende Fixierung auf Rationalität und Effizienz sei bereits in einer spezifischen Entpolitisierung der Ökonomie im marxschen »Kapital« angelegt. Leider übergeht Schmidt die dissidenten Lesarten des »Kapitals«, wie etwa die operaistische Technikkritik oder die linke Kritik an der Sowjetunion. Diese diskutiert die Gruppe paeris im selben Sammelband – und damit die Frage, was die spezifisch realsozialistische Lesart des »Kapitals« ermöglichte, die schließlich im Marxismus-Leninismus mündete.

Che Buraska behandelt den Nationalismus in der Sowjetunion, unter anderem anhand von Lenins Schriften. Ähnlich wie Schmidt nähert er sich dem Thema von einer eher konzeptionellen Seite her, ohne nach den realen gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen, warum sich etwa Nationalismus und Effizienzdenken als herrschende Ideologien durchgesetzt haben. Das ist ein beliebtes Verfahren: Es werden Texte von Lenin und Marx gelesen und diskutiert, statt im Rahmen einer historischen Rekonstruktion die realen Durchsetzungsformen und -bedingungen zu analysieren. Erhellend ist der Beitrag von Diethard Behrens, der anhand einer historischen Rekonstruktion strukturelle Bedingungen des Stalinismus thesenförmig herausarbeitet.

Eine neue und bisher sehr wenig ausgeleuchtete Perspektive eröffnet Bini Adamczak. Sie zeigt die mit der Durchsetzung des Stalinismus verbundene Maskulinisierung der Gesellschaft. Leider wird ihr Beitrag nicht mit Schmidts These konfrontiert: Schließlich stellt Adamczak heraus, dass die neue »sowjetische Männlichkeit« gerade mit Rationalität und Effizienz identifiziert wurde.

Weitere Beiträge diskutieren den spezifischen Realsozialismus der DDR und ihren Antifaschismus. Die wichtige frühe linke, anarchistische und rätekommunistische Kritik am sowjetischen Weg stellt Hendrik Wallat dar. Alexis Kunze diskutiert den Antistalinismus der Neuen Linken am Beispiel von Cornelius Castoriadis, Ernst Bloch und Rudi Dutschke.

Alle AutorInnen des Bandes sind sich darin einig, Kommunismus nicht länger als schöne und abstrakte Idee gelten zu lassen. Wichtig sei, Verantwortung für die eigene linke Geschichte zu übernehmen. Leider diskutieren bzw. kritisieren viele Beiträge eher die konzeptionellen Ausrichtungen, Mängel und »Fehlströmungen«. Etwas zu kurz – mit Ausnahme der Texte von Behrens und Adamczak – kommen die »realhistorischen« Entwicklungen und Auseinandersetzungen, die der eigentliche Prüfstein für linke Kritik am Realsozialismus sind; schließlich ist das emanzipatorische Projekt nicht einfach an einer schlechten politischen oder ideologischen Konzeptionalisierung gescheitert. Diese nicht als Ausdruck für eine spezifische Verarbeitung konkret-historischer gesellschaftlicher Bedingungen aufzuarbeiten, ist eine Form eines »schlechten Idealismus«, den die HerausgeberInnen ja gerade ablehnen.

Trotz dieses Schwachpunkts bietet der Sammelband wichtiges Material für eine dringend notwendige Debatte und Auseinandersetzung mit linker Geschichte.

Ingo Stützle

Gruppe INEX (Hg.): Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus. Unrast Verlag, Münster 2012. 228 Seiten, 14,80 EUR.

Erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 577 vom 16.11.2012

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