Welttreffen am Sankt-Immer-Tag. Neuerscheinungen zum Konflikt zwischen Marx und Bakunin provozieren eine neue Debatte um linke Geschichte

Das schweizerische St-Imier (früher: Sankt Immer) war im August 2012 Treffpunkt für Libertäre und AktivistInnen verschiedener anarchistischer Bewegungen. Das »Welttreffen des Anarchismus« hatte einen Anlass: das Jubiläum der Gründung der Antiautoritären Internationalen 1872. »140 Jahre nach dem Kongress von St-Imier ist die Ausbeutung und Entfremdung der Arbeiterinnen und Arbeiter noch ebenso brutal. Die marxistische Illusion ist angesichts der kommunistischen Diktaturen dahingeschmolzen. Der Kapitalismus lebt von Krise zu Krise, gesellschaftliche Krise, politische Krise, zu denen heute noch die ökologische Krise hinzukommt.« 1

1872 war der Höhepunkt eines jahrelangen Konflikts zwischen Karl Marx und Michael Bakunin bzw. den von ihnen vertretenen politischen Strömungen. Wenige Tage vor dem Gründungstreffen in St-Imier wurde der russische Anarchist zusammen mit James Guillaume auf dem Kongress der Ersten Internationalen in Den Haag ausgeschlossen.

Zum Verhältnis von »Marxismus« und »Anarchismus« und dem Konflikt zwischen den beiden bärtigen Männern sind gleich mehrere Bücher erschienen, die vieles in neuem Licht erscheinen lassen und deutlich machen, dass es schon lange an der Zeit ist, die gemeinsame Geschichte gemeinsam aufzuarbeiten. Der Konflikt ist nicht einfach darauf zu reduzieren, dass zwei Egomanen aufeinandertrafen.

Der Karin-Kramer-Verlag hat bereits 1995 damit begonnen, Bakunin im Rahmen einer Werkausgabe neu zu würdigen. 2004 ist der erste Teil zum Konflikt zwischen Marx und Bakunin erschienen, der die Zeit bis 1870 behandelt. Die zwei neuen Bände schließen zeitlich daran an und tragen Dokumente und Materialien bis zum Ausschluss von Bakunin und James Guillaume zusammen sowie die im Anschluss gegründete »antiautoritäre Internationale« in St-Imier 1872 – Anlass für das diesjährige Treffen im Berner Jura. Was war geschehen?

Konstituierung der Klasse als politische Partei

Im September 1871 wurden die Befugnisse des Generalrats der Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) erweitert. Zur Konferenz in London wurden nicht alle stimmberechtigten Sektionen eingeladen, was Marx und Engels ermöglichte, ihren politischen Stiefel durchzuziehen. So wurde etwa die Satzung geändert. Es wurde beschlossen, dass die »Konstituierung der Arbeiterklasse als politische Partei unerlässlich ist für den Triumph der sozialen Revolution und ihres Endzieles – der Abschaffung der Klassen«. Eine Formulierung, die für reichlich Konfliktstoff sorgen musste. Einen Konflikt, den Marx und Engels mit ihrem Vorgehen provozierten und ohne faule Tricks nicht gewinnen konnten.

Nachdem mehrere Sektionen der Internationalen die Beschlüsse aus London nicht akzeptierten, wurde 1872 eine Konferenz in Den Haag einberufen, auf der Marx und Engels zum einen genügend Stimmen sammeln mussten, um die in London durchgesetzten Beschlüsse zu verteidigen; zum anderen mussten sie diejenigen Sektionen delegitimieren, die sich eher den Prinzipien Bakunins verpflichtet fühlten. Das sollte durch Diffamierung und persönliche Verunglimpfung Bakunins geschehen. Die Organisierung der Mehrheit war noch relativ einfach, u.a. durch die Erschleichung von Mandaten, aber nicht weniger skandalös. Einige Delegierte reisten aus Protest erst gar nicht an.

Die Rufschädigung war etwas schwieriger zu bewerkstelligen. Im Vorfeld hatten sich Marx und Engels zudem intensiv in Spanien (bei Paul Lafargue), der Schweiz (bei Nikolaj Utin) und Russland (bei Nikolaj Daniel’son, dem späteren Übersetzer des marxschen Kapitals ins Russische) um Dokumente bemüht, mit denen sie Bakunin schaden konnten.

Am nachhaltigsten war der Ausschluss von Bakunin und Guillaume im Rahmen der Verfolgung einer scheinbar von Bakunin angeführten Geheimgesellschaft. Obwohl keine Beweise vorlagen, legten Marx und Engels im Auftrag der Konferenz zwei Jahre später einen Bericht »über das Treiben Bakunins und der Allianz der sozialistischen Demokratie« vor. Die nachträgliche Begründung des Ausschlusses ist eines der schlimmsten marxschen Pamphlete. Bakunin nahm die Diffamierungen noch zur Kenntnis, aber auch zum Anlass sich zurückzuziehen. 1876 starb er. Im selben Jahr wurde die Internationale aufgelöst, nachdem der Hauptsitz nach einem Beschluss in Den Haag zuvor nach New York verlegt worden war, um ihn der Verschwörung um Bakunin zu entziehen.

Marx‘ intriganter Feldzug gegen Bakunin

Nachdem »die Minderheit« in Den Haag die Vorhaben des Generalrats nichts abwenden konnte und selbst die Versuche Guillaumes, entgegen Bakunins Willen, eine Spaltung zu verhindern, nicht fruchteten, fuhren einige Delegierte wenige Tage später Richtung Schweiz. Bereits im August erzielten die Mitglieder der spanischen und der Juraföderation (in der sich u.a. auch die Genfer Flüchtlinge aus der Pariser Kommune organisierten) eine Einigung darüber, dass es einen internationalen Gegenkongress zu dem in Den Haag geben sollte.

Der Kongress von St-Imier erklärte, dass »er alle Beschlüsse des Haagener Kongresses absolut zurückweist und die Machtbefugnisse des von diesem ernannten neuen Generalrats auf keine Weise anerkennt«. Der Gründungskongress bestand aus 13 Delegierten; sechs Jahre später hörte die Antiautoritäre Internationale de facto bereits auf zu existieren.

Es ist frustrierend, dass selbst neuere Marx-Biografien kein Interesse zeigen, das Bild geradezurücken. Das gilt auch für die unlängst erschienene, großartige Engels-Biografie von Tristram Hunt, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte, sich mit diesem Kapitel der Geschichte genauer zu beschäftigen. Schließlich zeigt der sechste Band der Bakunin-Werkausgabe, dass es vor allem Engels war, der – wohl aufgrund seines militärischen Verständnisses von Revolution – die Konfrontation mit dem Anarchisten zuspitzte.

Schwelender Konflikt zwischen den Traditionen

Für eine kritische Auseinandersetzung mit der Internationalen, Marx und der Geschichte der »feindlichen Brüder« Marxismus und Anarchismus sind die beiden Bände deshalb unerlässlich. Leider ist unklar, warum der sechste Band im Rahmen der Bakunin-Werkausgabe erschienen sind. Nur ein Bruchteil der über 1.000 Seiten enthält Texte von Bakunin. Die Einleitung bringt in vielen Formulierungen zudem eine symptomatische Kränkung vieler AnarchistInnen zum Ausdruck, die zeigt, wie groß das politische Interesse ist, Bakunin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Dem Einführungsband gelingt es deshalb kaum, die historischen Auseinandersetzungen einerseits von dem Streit um theoretische Fragen andererseits zu trennen – etwa zum Erbrecht, wo es um das Eigentumsverständnis geht, oder die Frage von Partei und Staat. Historisch hat »Partei« nicht den eingeschränkten Sinn einer auf Wahlen und das Parlament ausgerichteten Organisation. Partei war ein Synonym für politische Organisierung überhaupt. 2 Der Herausgeber vereindeutigt deshalb mit einem gegenwärtigen Parteienverständnis den Konflikt innerhalb der Internationalen zu einem zwischen politisch-parlamentarischem oder sozialrevolutionärem Sozialismus.

Vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse, vor allem nach 1917, scheint das nur zu plausibel. Allerdings fehlen bei dieser Deutung die Analyse und Gewichtung späterer Entwicklungen und anderer (auch länderspezifischer) Einflussfaktoren. Die Kommentierung der Ereignisse der 1870er Jahre ist im schlechteren Sinne Philologie und weniger sozialhistorische Arbeit.

So bleibt eine Analyse aus, inwieweit etwa Technikeuphorie, Bürokratismus und Fortschrittsgläubigkeit innerhalb der sozialistischen Bewegung auf Marx‘ Theorie zurückzuführen sind (wo Ansätze durchaus zu finden sind) oder die bürgerliche Ideologie bzw. die Herausbildung bürokratischer Organisierung und moderner Staatlichkeit maßgeblich waren. Nicht ohne Grund gab Lenin in »Staat und Revolution« die Parole aus: »Unser nächstes Ziel ist, die gesamte Volkswirtschaft nach dem Vorbild der Post zu organisieren.«

Die schon lange notwendige Diskussion über das Verhältnis von Marxismus und Anarchismus wird in zwei von Philippe Kellermann herausgegebenen Büchern geführt. In einem weiteren sehr wertvollen Band arbeitet Hendrik Wallat die linke Bolschewismuskritik sehr fundiert und gut lesbar auf. Eine längst überfällige Arbeit, die vielen Interessierten die Wühlarbeit durch meterweise Literatur erspart bzw. erleichtert. Eine Arbeit, die hoffentlich auch dazu beiträgt, dass eine gemeinsame Auseinandersetzung über die linke Geschichte ermöglicht wird. Die sich auf Marx berufende Linke hat es sich in dieser Frage oft zu einfach gemacht und sich um unbequeme Fragen herumgedrückt.

Literatur:
Michael Bakunin: Ausgewählte Schriften 6. Konflikt mit Marx, Teil 2: Texte und Briefe ab 1871. Einleitung von Wolfgang Eckhardt. Karin Kramer Verlag, Berlin 2011. 1.240 Seiten, 78 EUR.
Philippe Kellermann (Hg.): Begegnungen feindlicher Brüder. Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus in der Geschichte der sozialistischen Bewegung. Unrast Verlag, Münster 2011. 193 Seiten, 14 EUR.
Philippe Kellermann (Hg.): Anarchismus, Marxismus, Emanzipation. Gespräche mit Bini Adamczak, Jochen Gester, Gerhard Hanloser, Joachim Hirsch und Hendrik Wallat. Die Buchmacherei, Berlin 2012. 165 Seiten, 10 EUR.
Hendrik Wallat: Staat oder Revolution. Aspekte und Probleme linker Bolschewismuskritik. Edition Assemblage, Münster 2012. 288 Seiten, 29,80 EUR.

Erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 574 v.17.8.2012

Anmerkungen:

  1. www.anarchisme2012.ch
  2. Staatstheorie ist nach wie vor eine Leerstelle im Anarchismus – obwohl der Staat nach wie vor der Lieblingsfeind ist. Die marxistische Diskussion ist hier viel weiter. Anarchistische Strömungen stehen sich in dieser Frage aufgrund ihrer Ressentiments gegenüber der marxschen Theorie und ihrer Theoriefeindlichkeit oft selbst im Weg.

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