FAQ: Was die Euro-Rettung kostet

Die Basler Zeitung prophezeite Anfang Dezember: »So könnte das Ende des Euro aussehen«. Das Handelsblatt steuerte bereits Anfang September mit dem Titel »Euro-Rettung ist billiger als das Euro-Ende« gegen die Spekulation über ein Ende der Gemeinschaftswährung. Die Schweizer UBS-Bank diskutiert in einer aktuellen Studie die Kosten für die Implosion der Eurozone. (1) Wenn schon die Banken darüber reden, steht das Euroende kurz bevor! 

Allerdings wird umgekehrt ein Schuh daraus: Gerade weil niemand weiß, was passieren wird, haben Studien über Szenarien und ihre mögliche Kosten bzw. Vor- und Nachteile Konjunktur, um überhaupt irgendetwas planen zu können. Daran haben nicht nur Anlegestrategen Interesse, sondern auch die politische Klasse. Letztere produziert den Bedarf an Expertise: Nachdem Ende Oktober nach innenpolitischem Widerstand der damalige griechische Premierminister Georgios Papandreou ein Referendum über den weiteren Sparkurs ankündigte, machten Deutschland und Frankreich klar, dass Griechenland entweder die Auflagen von IWF und EU erfüllen oder die Eurozone verlassen müsse.

Welche Konsequenzen ein Bankrott und Ausstieg Griechenlands für die Eurozone haben könnte, untersucht die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die als ein wichtiger Thinktank der Bundesregierung gilt. (2) Das Ergebnis: »Aus griechischer Sicht könnte es die billigere Lösung sein, Pleite und Ausstieg parallel anzugehen. Für die anderen Mitglieder der Eurozone dagegen wäre es vorteilhafter, wenn Griechenland trotz eines Bankrotts in der Eurozone bliebe.« Warum?

Aus der Eurozone könnte Griechenland nur austreten, wenn das Land zugleich aus der EU austräte – eine andere Option gibt es europarechtlich nicht. Auf die Einstellung des Schuldendienstes und die Umstellung auf eine neue Währung würde zwar eine Bankenkrise folgen, der Außenwert der Währung um etwa drei Viertel einbrechen, aber weil keine Zinszahlungen mehr abfließen und die Wirtschaft, vor allem die Tourismusbranche, durch die Abwertung wieder wettbewerbsfähiger würde, stünde das Land wieder besser da. Trotz rechtlicher Unsicherheit und Risiken, so die SWP, böte dieses Szenario mittelfristig »die Chance für eine schnelle Rückkehr zum Wirtschaftswachstum: Durch die massive Abwertung der neuen Währung wären die Probleme mangelnder preislicher Wettbewerbsfähigkeit über Nacht beseitigt. Die griechische Regierung würde zunächst keine weiteren Sparpakete benötigen.«

Aufgrund der zu erwartenden negativen Folgen für die Eurozone insgesamt zieht es die SWP jedoch vor, Griechenland bei der Stange zu halten: Die Bankenkrise würde sich in Europa ausbreiten und eine Bankflucht Richtung Deutschland einsetzen. Sie skizziert das Horrorszenario einer Insolvenz des europäischen Bankensektors, mit dramatischen Folgen für die »Realwirtschaft«, explodierende Staatsschulden durch Bankenrettung und Freisetzung zentrifugaler Kräfte innerhalb der EU, weil weitere Länder der europäischen Peripherie dem griechischen Vorbild folgen könnten, da dies möglicherweise die beste Option ist – je früher desto besser.

Das Plädoyer für den Verbleib Griechenlands in der Eurozone begründen die SWP damit, dass es dann nicht zu einem Flächenbrand und einer europäischen Bankenkrise kommen könnte. Gerade deshalb dürfe der Druck auf Griechenland nur so weit erhöht werden, dass die antieuropäischen Kräfte nicht gestärkt würden. »Die hier beschriebenen Szenarien zeigen dagegen, dass es sogar im Interesse der Währungsunion liegen könnte, die politische Stimmung in Griechenland für den Verbleib im Währungsraum zu unterstützen und den notwendigen Anpassungsdruck noch energischer zu flankieren.«

Die Studie der UBS-Bank hat vor allem den Zweck, die Bedingungen für sichere und rentable Anlagen zu klären – und die möglichen Kosten für ein Ende des Euro. Und die errechnet die Bank natürlich ganz genau: Ein Ausscheiden Griechenlands würde im ersten Jahr je EinwohnerIn 11.500 Euro kosten und in den Folgejahren bis zu 4.000 Euro. Bei einer Rückkehr zur D-Mark würden auf jedeN BundesbürgerIn im ersten Jahr umgerechnet 8.000 Euro zukommen und in den Folgejahren 4.000 Euro. Schließlich würde der Außenhandel kurzfristig zusammenbrechen, deutsche Unternehmen pleitegehen und das Bankensystem erschüttert werden – so UBS. Eine Rettung der Eurokrisenstaaten komme hingegen viel billiger: schlappe 1.000 Euro pro EinwohnerIn. Wenn das kein Schnäppchen ist!

Ingo Stützle

Anmerkungen:

1) Staatsbankrott in der Eurozone. Griechenland – und dann? UBS research focus, Oktober 2011.

2) Gefährliches Spiel mit dem Euro-Ausstieg, SWP-Aktuell, Nr. 54, November 2011.

Erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 567 vom 16.12.2011

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