Aufgeblättert: Gespenstisches Kapital

Die Presse ist von Joseph Vogls Buch „Das Gespenst des Kapitals“ begeistert: „ein Text, dem es an Sprengkraft nicht mangelt“ (FAZ); „eine Entzauberung der Finanzwissenschaft“ (SZ); „ein frontaler Angriff auf die dorischen Säulen der Wirtschaftswissenschaften – eine brillante Studie“ (Die Zeit). Ausgangspunkt für das Buch ist die Krise 2008ff. Der Literaturwissenschaftler Vogl interessiert sich jedoch weniger für deren konkrete Ursachen als vielmehr für die zugrunde liegenden Wahrnehmungsweisen in Theorien, vor allem den Wirtschafts- und Finanzwissenschaften, die mit der Krise diskreditiert schienen. Stark ist das Buch dort, wo Vogl die wissenschaftliche Literatur seit dem 17. Jahrhundert analysiert, die in Form von Selbstbeschreibungen die entstehende bürgerliche Gesellschaft plausibel macht und zugleich neue soziale Realitäten hervorbringt. So den „homo oeconomicus“ und die scheinbar mathematisch und in Formeln abbildbare Effizienz von Märkten. Das Buch ist aber auch oberflächlich: Vogl hätte die Marx’sche Analysen durchaus ausführlicher berücksichtigen sollen. Zwar stellt er das Gleichgewichtstheorem als zentrales Ideologem heraus, analysiert aber nicht die konstitutive Rolle des Geldes. Seine Krisenbeschreibungen hängen damit in der Luft, da erst das Geld die moderne Form der Krise ermöglicht. Vogl erschließt somit auch nicht, was die ökonomische Gegenständlichkeit wie Geld und Kapital überhaupt ist – und eben ihr gespenstischer Charakter, den der Titel zumindest ankündigt. Er beschreibt eher wissenschaftliche Diskurse und analysiert weniger die realen ökonomischen Gewalten. Das Buch ist aber dennoch radikal. Vogl kritisiert, dass die Wirtschaftstheorie religionsähnlich den Kapitalismus als die beste aller möglichen Welten „verkaufe“ – obwohl das Marktprinzip nicht zum Gleichgewicht, sondern zum Chaos tendiere. Vor allem deshalb müsse die gesellschaftliche Abhängigkeit von Märken zurückgedrängt werden.

Ingo Stützle

Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals. Diaphanes, Zürich 2010. 224 Seiten, 14,90 EUR

Erschienen in: Erschienen in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 562 vom 17.6.2011

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