Auf verlorenem Posten. Der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz ist tot

»Niemals geht man so ganz, irgendwas von mir bleibt hier« (Trude Herr)

Mit Peter O. Chotjewitz verlieren die Linke und die Literatur einen scharfzüngigen Essayisten, einen großen Stilisten und einen beeindruckenden Übersetzer der Arbeiten u.a. von Dario Fo und Nanni Balestrini. Mitte der 1960er Jahre als Avantgardist gefeiert, wurde er im Zuge des Deutschen Herbst zum Inbegriff des »RAF-Sympathisanten« – in den 1970er Jahren hatte er als Anwalt Andreas Baader verteidigt. Seine Erfahrungen verarbeitete er in »Die Herren des Morgengrauens« (1978) und seinem letzten Roman »Mein Freund Klaus« (2007), einer literarischen Biografie des RAF-Anwalts Klaus Croissant. Der Stoff seiner Geschichten war das Leben, nicht zuletzt sein Leben – ein bewegtes, schrilles und politisches Leben.

Mit Chotjewitz konnte man über alles diskutieren: über die Ereignisse von Kronstadt 1921, warum ein zu einem Kurzfilm von Man Ray eingespieltes Klavierstück von Erik Satie zu schnell interpretiert war, über den letzten Kino-Edel-Trash wie »Kill Bill« oder über Hitchcocks »Der unsichtbare Dritte«. Aber auch über Rom, das Essen dort und anderswo, die Sprache als Kunstform, Stuttgart 21, Machiavelli und – den Tod.

Chotjewitz war einer jener Dichter, vor denen die etablierte Literaturkritik immer gewarnt hat. Walter Jens 1967: » … ich habe einfach keinen Kontakt mit diesen Chotjewitzen und es erscheint mir widerwärtig, daran denken zu müssen, wieder die Meier-Typen sehen zu müssen … «. Der nachkriegsdeutsche Literaturbetrieb unter der Ägide der Gruppe 47, die Literaturkritik und Spiegel-Bestsellerlisten kamen ohne Schriftsteller wie Chotjewitz, den erwähnten Wolfgang Meier und andere aus. Und diese »anderen«, die nicht so bekannt wurden wie er, kannte Chotjewitz alle; er ließ keine Gelegenheit aus, sie dem Vergessen zu entreißen.

Foto: Alexander Janetzko

Chotjewitz‘ Texte verraten viel über ihn und sein Leben – auch die, die scheinbar von anderen handeln, von Zeitgenossen und anderen Dichtern. »Seit den sechziger Jahren drangen verstärkt junge Intellektuelle aus der Unterschicht in die Literatur, teils ohne akademische Vorbildung, oft mit einem Hang zur Bohème, und wurden zu Seismografen einer durch zwei Weltkriege, Holocaust und Kalten Krieg ethisch und geistig entwurzelten Gesellschaft.«

Dieser Satz über seinem Kollegen Nicolas Born passt ebenso gut auf Chotjewitz selbst: 1934 in Berlin geboren, erlebte er noch das Ende des deutschen Faschismus, wuchs in der postnazistischen Adenauerzeit auf, beobachtete, was alles braun blieb, und bewegte sich zunächst in den Fußstapfen seines Vaters: Er machte bei ihm eine Ausbildung als Maler und Anstreicher. 1955 bestand Chotjewitz am Abendgymnasium das Abitur; an ein Jurastudium schloss er noch ein Zweitstudium in Publizistik, Geschichte und Philosophie ab. Seit Anfang der 1960er Jahre lebte er auf dem Bärenauge, wie er Berlin in seinem zweiten Roman »Die Insel« nennt. 1965 erschien sein erster Roman, »Hommage à Frantek«, der als avantgardistische Glanzleistung gefeiert wurde, aber für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich war. Kunst und Literatur bedeuteten für viele die soziale Radikalopposition, bevor sie um 1968 gesellschaftlich und politisch relevant wurde.

Kunst und Literatur als soziale Radikalopposition

»Such nicht nach mir wenn | der Komet seine Bahn zieht | im Schutt der Höhle« (Peter O. Chotjewitz: Letzter Wille, in: 49 VIPs)

Aber auch Literatur konnte stören. Als der baden-württembergische Kulturminister Wilhelm Hahn 1969 im Autoradio Chotjewitz‘ Hörspiel »Die Falle oder die Studenten sind nicht an allem Schuld« hörte, glaubte er einen Bericht von den Studierendenprotesten in Heidelberg zu hören. Der Hüter über die Landeskultur war empört. Es wurden personelle Konsequenzen beim Süddeutschen Rundfunk gefordert, der das Hörspiel produziert hatte – der Rundfunkrat musste sich damit beschäftigen.

Fast wäre Chotjewitz‘ Buch von 1978 einer ähnlichen Dynamik erlegen. In der bei Bertelsmann u.a. von Uwe Timm herausgegebenen und selbstverwalteten AutorenEdition sollte »Die Herren des Morgengrauens« erscheinen. Ein von Bertelsmann in Auftrag gegebenes »Gutachten« bescheinigte Chotjewitz Sympathien für die RAF, es kam zum Bruch, und der an Kafkas „Prozess“ angelehnte Roman erschien schließlich bei Rotbuch.

Mit der realen und verbalen Aufrüstung des Staates und der politischen Kultur gegen den bewaffneten Kampf fand sich Chotjewitz bald im Abseits wieder. Von dort arbeitete er sich an der verdrängten NS-Geschichte ab. Es entstanden der Roman »Saumlos« (1979) und zwei Sachbücher über die Vernichtung der Juden im dörflichen Wahnsinn. Viele seiner Bücher sind von dieser Form der Arbeitsteilung geprägt: Der stilsichere Geschichtenzähler Chotjewitz recherchierte und dokumentierte wie ein Nachwuchswissenschaftler bei seiner Doktorarbeit – bis zuletzt.

Chotjewitz‘ Arbeiten brachten immer wieder den Stand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die politische Kultur und deren Verlogenheit sowie das künstlerische Niveau der Bundesrepublik zum Ausdruck: Dem Avantgardismus der frühen Jahre folgten mit »Der dreißigjährige Friede« (1977) konventionellere Erzählformen, die sich mit dem »Modell Deutschland« auseinandersetzten. Auf den Deutschen Herbst folgte in den 1980ern »Tod durch Leere« (1986) und mit dem Anschluss der DDR »Die Rückkehr des Hausherrn« (1991). Allein die Buchtitel lesen sich wie ein Konjunkturbarometer der Linken.

In seinem letzten Interview mit konkret gibt er zu Protokoll: »Ich kann privatistische Literatur nicht leiden.« Zwei Wochen vor seinem Tod bat er darum, »Feuerfreund« von Sabine Peters zu besprechen. Die Lebensgefährtin von Chotjewitz‘ Kollegen Christian Geissler verarbeitet darin dessen Krebstod. »Auch Geissler hat, wie ich es tun werde, die Therapien abgebrochen«, so Chotjewitz. Er selbst litt seit 2008 an Lymphdrüsenkrebs.

Der Dichter soll den Wahnsinn bekämpfen

Zwar sind vor allem Chotjewitz‘ Romane und – dank dem Verbrecher-Verlag – auch seine Erzählungen bekannt, aber er war immer schon auch in der Lyrik beheimatet. Hier schulte er sein Gespür für Stil und Wortspiel. Begleitet waren seine Arbeiten immer von Kooperationen mit anderen KünstlerInnen und Künsten – viele illustrierte Erzähl- und Gedichtbände zeugen davon. Noch zwei Wochen vor seinem Tod stellte er mit Cordula Güdemann im Stuttgarter Literaturhaus ihren neuesten Kunstband vor: »49 VIPs«. Den gemalten Bildern stellte Chotjewitz dreizeilige »Simultantexte« zur Seite: »Die Texte stammen aus einer anderen Welt. Sie zeigen, dass es nicht nur die Welt der ›49 VIPs‹ gibt. Es gibt ein richtiges Leben im Falschen. Es verweist auf die Möglichkeiten der freien Assoziation der Produzenten und der Phantasie.«

Chotjewitz schrieb, wie es sein Freund und Kollege Manfred Esser bezeichnete, von verlorenem Posten aus. Eine konsequente Position, folgt man Chotjewitz‘ Aufgabenbeschreibung des Dichters: »Die Aufgabe des Dichters ist es, so lange er lebt, sich ein wenig an der Sinngebung zu beteiligen, den Wahnsinn zu bekämpfen, auch nicht selber wahnsinnig zu werden, und somit der Sprache beim Denken zu helfen, obwohl, ganz wird der Mensch sie nie verstehen.«

40 Werke umfasst sein Schaffen. Die Liste endet mit den »Fast letzten Erzählungen«. So selbstironisch wie der Buchtitel klangen auch seine Kommentare zur »ärtstlichen« (so Chotjewitz‘ Schreibweise in einem seiner letzten Essays: »Tod den Ärtsten«) Behandlung seiner Krebserkrankung: »Ich bin zuversichtlich, dass es auch diesmal nichts nutzen wird.« Chotjewitz starb am 15. Dezember 2010. Er wird fehlen.

Ingo Stützle

Nachtrag: Peter O. Chotjewitz: Was tun, wenn der Tod ein Traum war (Lesung im Literaturhaus Stuttgart, 22.6.2004):

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Meine Buchbesprechung zu Chotjewitz’ Roman über Klaus Croissant

Erschienen in:  ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 557 vom 21.1.2011


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