Pathologische Kampflosigkeit. Ein neues Buch über die sich polarisierende deutsche Klassengesellschaft

Sigmund Freud und seine rote Couch wären der deutschen Arbeiterklasse durchaus hilfreich

Die taz-Journalistin Ulrike Herrmann hat ein Buch über den Selbstbetrug der Mittelschicht geschrieben. Genauer: Sie porträtiert die deutsche Klassengesellschaft, zeigt, wie sich die Elite hierzulande reproduziert, und analysiert die Steuern als Umverteilungsmaschine von unten nach oben. Eine wichtige Korrektur des Mainstreams in Zeiten der Krise, wenn auch die politische Bewertung der deutschen Zustände etwas kritischer ausfallen müsste.

Die Deutschen haben eine verwirrte Selbstwahrnehmung. Reiche fühlen sich ärmer, Arme oft reicher – und die Mittelschicht wähnt sich der Elite ganz nah. Für Herrmann ein Grund, sich Statistiken genauer anzuschauen; dabei stellt sie fest, dass viele Statistiken nichts taugen, weil der Zugriff auf Vermögensverhältnisse oft schwierig ist und in manchen Erhebungen Einkommen ab einer gewissen Höhe erst gar nicht berücksichtigt werden. Im Verlauf des Buchs wird deutlich, dass sich dahinter eine Form der Umverteilungspolitik verbirgt. Datenerhebung ist immer auch Kontrolle. Kontrolliert werden sollen aber die Tagediebe und nicht die dicken Brieftaschen.

Trotz dieser Probleme stellt Herrmann nüchtern fest: „Die Bundesrepublik lässt sich als eine typische Klassengesellschaft beschreiben: Wenige Kapitaleigner besitzen die Produktionsmittel während stets mehr Menschen nur ihre eigene Arbeitskraft verkaufen können.“ Das drückt sich in einer stabilen Polarität von Einkommen und Vermögen aus. Die untere Hälfte der Beschäftigten bekam vor dem Ersten Weltkrieg 14 Prozent des gesellschaftlichen Einkommens, 1974 waren es dann 22 Prozent. Inzwischen sind es keine 15 Prozent mehr.

Geringverdiener arbeiten bis zum Tod

Herrmann begnügt sich jedoch nicht damit, diese Polarität festzustellen. Sie stellt sich auch die Frage, wie sich die soziale Ungleichheit reproduziert. Die Elite bleibt unter sich. Nur 20 Prozent heiraten „nach unten“ – früher war es noch die Hälfte. Wer in eine vermögende Familie hineingeboren wird, bleibt vermögend und bekommt auch eine „angemessene“ Funktion im Arbeitsleben zugewiesen. Dies geschieht vor allem in Form der Bildung und der Herausbildung eines bestimmten Habitus. Bildung ermöglicht nicht, wie stets behauptet, sozialen Aufstieg, sondern reproduziert gerade die gesellschaftliche Ungleichheit. Dies zeigt Herrmann anhand der Stipendienvergabe, die gegenwärtig als der Königsweg in eine „gerechte Wissensgesellschaft“ verkauft wird.

Aber eigentlich beginnt alles viel früher – beispielsweise bei der Wahl des Vornamens. Das mag sich skurril anhören, ist aber so. So wurden im Laufe der letzten 100 Jahre die verwendeten Namen zwar insgesamt mehr, dies ließ aber zugleich eine soziale Zuordnung zu. So ordnen LehrerInnen unterbewusst Namen bestimmten Milieus und Habitus zu. Mit der Theorie des Soziologen Pierre Bourdieu hätte Herrmann diese „unsichtbaren Mechanismen der Macht“ nicht nur beschreiben, sondern auch erklären können.

Die Verhältnisse verschärfen sich auch dank der Steuerpolitik – allem Gerede von mehr Netto vom Brutto zum Trotz. Absolute Spitzenverdiener zahlen im Schnitt keine 24 Prozent Steuern auf ihr Einkommen; selbst die 450 reichsten Deutschen, die 2002 jeweils mindestens 22 Mio. Euro Einkünfte erzielten, zahlten nur 34 Prozent. Die Reformen der letzten zehn Jahre haben die Umverteilung verschärft. Gleiches gilt für die Sozialversicherungen und die Rente. Das alles entscheidet auch über die Länge des Lebens und die Qualität des Lebensabends. So werden Männer mit einem Bruttoeinkommen von 1.500 Euro im Durchschnitt 72 Jahre alt, mit 4.500 Euro hingegen etwa acht Jahre älter. Und: Nur 79 Prozent der Geringverdiener erreichen überhaupt das Rentenalter, während es bei den einkommensstarken Männern über 90 Prozent sind.

Auf die Entwicklungen reagiert die immer kleiner und ärmer werdende Mittelschicht fatal. Sie identifiziert sich mit Glanz und Gloria und tritt nach unten. Eine materielle Grundlage für diese Reflexe sei die Arbeitslosigkeit. Diese „verleitet die Beschäftigten der Mittelschicht dazu, sich mit der Elite zu identifizieren. Sie fühlen sich bereits herausgehoben, nur weil sie nicht zu den Ausgestoßenen zählen.“

Auch deshalb fruchten Kampagnen gegen „SozialbetrügerInnen“ oder Schwarzarbeit. Anders als Hartz-IV-EmpfängerInnen werden Einkommensmillionäre kaum kontrolliert; falls doch, fallen bei ihnen im Schnitt Nachforderungen von 135.000 Euro an.

Nach oben buckeln, nach unten treten

Wenn es gegen „die da oben“ geht, dann allenfalls in moralisch aufgeladenen Kampagnen gegen Manager, nicht gegen explodierende Gewinne. Die Deutschen folgen eher der Behauptung des Kapitals, für die Arbeitslosigkeit seien zu hohe Löhne verantwortlich. Das stellte auch Wolfgang Münchau, Kolumnist der financial times fest, der „die Bereitschaft der Arbeitnehmer, Nullrunden über mehrere Jahre kampflos zu akzeptieren“, als „zutiefst pathologischen Entwicklung“ bezeichnet.

Genau hier hätte Herrmann nachlegen müssen. Die von ihr konstatierte Diskrepanz zwischen Realität und Schein bleibt zu harmlos, wenn die deutsche Gesellschaft nicht auch sozialpsychologisch ausgeleuchtet wird. Immer wieder spricht Herrmann von deutschen Besonderheiten und der im Ausland bekannten „German Angst“. Dies ist für sie aber kein Grund, nach psychologischen Mustern zu fragen. Diese sind vor allem deshalb relevant, weil sie die Kampagnen der Elite bei der Mittelschicht fruchtbar machen. Adorno nannte dies einst den „autoritären Charakter“.

Die rassistischen und elitären Aussagen von Thilo Sarrazin, dem jetzigen Vorstandsmitglied der Bundesbank, sowie die Ausfälle in einer Studie des Wirtschaftsministeriums unter Wolfgang Clement (SPD), in der Hartz-IV-EmpfängerInnen mit Parasiten verglichen wurden, sind kein Zufall. Diese sozialdarwinistischen Denkmuster werden in dem Maße von der Mittelklasse angenommen, wie sich diese nach unten abgrenzt. Ein einfacher Appell an die Mittelklassen, sich auch in ihrem Interesse mit den Ausgeschlossenen zu verbünden, greift zu kurz. Vielmehr müssen, das hat Birgit Rommelspacher gezeigt, die zentralen Werte der bürgerlichen Gesellschaft wie Konkurrenz, Leistung, Aufstiegswille etc. selbst kritisiert werden. Nur so wird es auch möglich sein, die Allianz zwischen Eliten und Mittelschicht aufzubrechen.

Ingo Stützle

Ulrike Herrmann: Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht. Westend, Frankfurt am Main 2010. 223 Seiten, 16,95 EUR

Erschienen in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 551 v 18.6.2010

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