Geschichte wiederholt sich nicht. Wenn ›Zeitstau‹ 1929/2010 eine Panik provoziert

Vorsicht Rettungsschirm! Krisenpotenziale lassen sich technisch nicht austricksen. Foto: CC-Lizenz, Olly Newport

Was konkret im Vorfeld der Entscheidung in der Nacht zum 10. Mai 2010 passiert ist, ist immer noch nicht im Detail klar. So etwa was genau hinter dem Flash Crash vom 6. Mai steckte (ftd, spiegel-online). In jedem Fall haben die Finanzminister der 27 EU-Länder in der Nacht zum Montag 10. Mai beschlossen, dass ein 750 Milliarden Euro großer Rettungsschirm die Gemeinschaftswährung schützen soll. Zeitgleich entschied sich die Europäische Zentralbank (EZB) für ihre Verhältnisse recht unkonventionelle Eingriffe.

Im letzten Monatsbericht (Juni 2010) lässt die EZB die dramatischen Stunden nochmals Revue passieren (Zusammenfassung beim spiegel-online). Wohl auch deshalb, um ihre ungewohnten Schritte, die schnell in der Kritik waren, zu rechtfertigen. In diesem Bericht findet sich ein Detail, das besonders nett ist. Dieses zeigt, dass Crashs trotz aller Unterschiede eben doch ähnlich sind. Auch wenn wir inzwischen im ach so modernen 21. Jahrhundert leben und im Gegensatz zu 1929 so etwas wie Computer und IT-gestützte Handelsplattformen haben. Über den beschleunigten Handel mit Währungen, Aktien und Derivaten (High Frequency Trading) wurde in den letzten Monaten immer wieder berichtet. Das alles bewegt sich natürlich auf höchstem technischen Niveau – schließlich gehören Fernschreiber oder Telefon der Vergangenheit an. Doch: Pustekuchen.

Im EZB-Monatsbericht ist zu lesen:

»Die außergewöhnliche Entwicklung an den Finanzmärkten am 6. und 7. Mai hatte auch Auswirkungen auf CLS, das weltweit größte mehrwährungsfähige Abwicklungssystem für Devisenhandelsgeschäfte. Das CLS-System wurde 2002 eingeführt, um das Erfüllungsrisiko bei Devisentransaktionen mit verschiedenen Währungen auszuschalten. Aufgrund der Marktturbulenzen wurden deutlich mehr Anweisungen zur Abwicklung von Devisengeschäften an CLS gerichtet. Am 7. Mai wurden mehr als 1,5 Millionen Transaktionen 3 abgewickelt, und das Abwicklungsvolumen lag noch bis zum 12. Mai über 1 Mio € …, war also mehrere Tage lang doppelt so hoch wie im gewöhnlichen Tagesdurchschnitt. Die Situation wies gewisse Ähnlichkeiten mit der Situation am 17. September 2008 auf, als die Zahl der Transaktionen in die Höhe schnellte und auf über 1,5 Mio stieg … CLS konnte die Anforderungen erfolgreich bewältigen, die unerwartet hohen Abwicklungsvolumina wirkten sich aber sowohl auf die Eingabe als auch auf den Empfang von Benachrichtigungen durch die Teilnehmer aus. Wenngleich es keine Seltenheit ist, dass bei den Transaktionszahlen Spitzenwerte erreicht werden – insbesondere bei Abwicklungen in einer Währung am ersten Geschäftstag nach einem Feiertag im entsprechenden Währungsgebiet –, so war das Input-Niveau, das Anfang Mai angesichts der angespannten Marktlage verzeichnet wurde, zeitweise fast doppelt so hoch wie unter normalen Umständen. Dadurch kam es gelegentlich zu Rückständen innerhalb des CLS-Systems an sich, bei den Member-Gateways des CLS-Systems (d.h. bei den direkten Teilnehmern an CLS) und bei den internen Systemen vereinzelter CLS-Mitglieder, die an diesen Tagen eine sehr hohe Zahl an Transaktionen verarbeiteten. Dieser Bearbeitungsrückstand im CLS-Umfeld insgesamt führte zu Unsicherheit, da es über einen längeren Zeitraum außergewöhnlich viele offene Geschäfte gab. Folglich wurden Bedenken laut, dass ein schwerwiegenderes systemisches Problem und nicht bloß ein sprunghafter Anstieg des Volumens die Verzögerungen bedingt haben könnte.«

Bei John Kenneth Galbraith, einem der bekanntesten Biographen des Crashs von 1929, liest sich das für 1929 ähnlich:

»Der Markt eröffnete in der Woche am 21. Oktober schwach, und der Handel war nach damaligem Maßstab sehr lebhaft. Am Mittwoch verschlechterte sich die Lage; der Donnerstag war der erste verheerende Tag. Die Kurse fielen an jenem Vormittag scheinbar ins Bodenlose; der Börsenfernschreiber hinkte, wie schon am Montag, deutlich hinter den Umsätzen her. Nachzahlungsaufforderungen ergingen an Personen, die noch nichts vom Ausmaß ihres Unglücks wussten. Alles deutete wieder auf eine Panik hin.« (Eine kurze Geschichte der Spekulation, 92)

Ausführlicher in Der große Crash 1929, wo er die Ereignisse ab Dienstag so beschreibt:

»Mit diesen Umsätzen konnte der Börsenticker nicht mehr Schritt halten und blieb weit hinter dem tatsächlichen Handelsgeschehen zurück. Die Lage wurde immer schlimmer – wie schlimm sie war, konnte nicht einmal die Meldungen aus dem Fernschreiber beschreiben.« (72)

Und weiter:

»Früher, in den heißen Tagen der Hausse, war der Ticker hinter den Kurssteigerungen zurückgeblieben. Erst lange nach Börsenschluss erfuhr der Anleger, um wie viel reicher er geworden war. Erfahrungen mit fallenden Kursen gab es damals noch nicht. Seit März war der Kursticker zuverlässig mit den zurückgehenden Werten mitgegangen. Jetzt versagte er zum ersten Mal. Spekulanten hatten das unheimliche Gefühl, dass sie möglicherweise ruiniert waren – komplett und für immer -, nur wussten sie es noch nicht. Und wenn es auch nicht so war, so sprachen doch viele Anzeichen dafür, dass sie sich auf den Ruin vorbereiten mussten. Bereits bei der Eröffnung am 21. Oktober blieb der Ticker wieder zurück. Mittags hinkte er schon eine Stunde hinterher. Erst eine Stunde und vierzig Minuten nach Börsenschluss meldete er die letzten Transaktionen. Alle zehn Minuten erschienen die Preise bestimmter Aktien auf dem Zähler. Aber der große Unterschied zwischen diesen Kursen und denen auf dem Streifen des Börsenschreibers verstärkten die Unsicherheiten noch weiter und heizten die Überzeugungen an, es sei doch wohl das Beste, ebenfalls zu verkaufen.« (134)

Dieses kleine Bonmot zeigt, wie das Krisenpotenzial des Kapitalismus der Technik trotzt. Spekulation(sblasen) und Krisen/Crashs sind systemisch, gehören zum Kapitalismus und sind ihm bereits in der elementarsten Form – dem Tausch Ware gegen Geld – eingeschrieben.

»Die Widersprüche, die sich in den Krisen entladen, beginnen nicht erst in den spekulativen Momenten von Kredit oder den berühmt-berüchtigt gewordenen ›innovativen Finanzprodukten‹, die unter bestimmten Umständen nicht mehr bedient werden können und dann ganze Zahlungsketten zum Zerreißen bringen. Bereits der Warentausch – das Auseinandertreten von Kauf und Verkauf – ist spekulativ. Der Produzent kann sich nie sicher sein, sondern immer nur darauf hoffen, dass sich die von ihm hergestellte Ware auf dem Markt wirklich verkauft. Der Kredit schließlich erlaubt ›die Akte des Kaufens und Verkaufens länger auseinanderzuhalten und dient daher der Spekulation als Basis‹. (MEW 25: 452) Kurzum: Das Krisenpotenzial ist der kapitalistischen Produktionsweise zu eigen und lässt sich nicht wegregulieren. Die Krise selbst ist eine Art Neustart des Systems – ein Refresh – keineswegs jedoch das Aufblitzen von dessen Ende.« (Nuss, Steckner, Stützle in Marx-Bubble)

Die wissenschaftliche Religion des Neoliberalismus – die Neoklassik – hat genau damit ein Problem – was auch Keynes sah. Bei neoklassischen Konzeption der rationalen Erwartungen entsprechen die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte den Resultaten des Modells und sind in diesem Sinne endogen. Erwartungen werden als perfekte Zukunftsmärkte konzipiert – Zeit spielt somit in den neoklassischen Modellen keine Rolle. Einigen nicht ganz so dummen Neoklassikern wie Frank Hahn ist dies durchaus bewusst:

»Man kann nun zwei Wege beschreiten. Der eine liegt darin, die Erwartungsbildung als exogen gegeben zu unterstellen, und das Augenmerk auf die kurzfristigen Gleichgewichte lenken. … Der andere Weg besteht im Herbeiflehen von rationalen Erwartungen.«

Beten – zum lieben Gott oder zur Rationalität der Märkte – hat bei einem anstehenden Crash jedoch noch nie geholfen. Amen.

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