Vor Veränderung kommt Verstehen. Die Commons liefern nur ein schräges Bild vom Kapitalismus

Bereits für Marx stellte die Zerstörung der Commons eine zentrale Voraussetzung kapitalistischer Produktion dar. Sind die Bedingungen des Kapitals jedoch einmal durchgesetzt, reproduzieren sie sich in anderen Formen und vor allem diese müssen kritisiert werden. Die Anwendung des Commons-Begriffs für den modernen Kapitalismus ist deshalb nur bedingt angemessen. Zudem fehlt meist eine ordentliche Prise Staatskritik.

Für Marx sind vor allem vier (historische) Voraussetzungen zentral: a) Die unmittelbaren ProduzentInnen werden von den Produktionsmitteln getrennt. Gleichzeitig werden sie b) von den Früchten der Produktion ausgeschlossen. Der Schwerpunkt in der Commons-Diskussion liegt bei diesen beiden Punkten. Zwei weitere Momente fallen oft unter den Tisch. Ihre Existenz sichern die ProduzentInnen nämlich c) als doppelt freie LohnarbeiterInnen – frei von Produktionsmitteln, aber auch frei von personalen Herrschaftsverhältnissen. Über ihre Arbeitskraft können sie als EigentümerInnen »frei« verfügen. Damit geht d) eine Veränderung der Aneignungsweise der Produktionsmittel einher. Unmittelbarer Zweck der Produktion ist nicht mehr die Bedürfnisbefriedigung, sondern der Profit. Produziert wird für einen anonymen Markt. Alle vier Punkte kleben wie Pech und Schwefel zusammen, was in der Diskussion kaum reflektiert wird.

Keine Güter sind qua Natur Gemeineigentum

Kritisiert wird in der Commons-Debatte, dass eine kollektive Nutzung oder abgestufte Nutzungsrechte künstlich oder rechtlich unterbunden werden. Oft genannte Beispiele sind Software oder Saatgut (Biopiraterie). Aus dem Blick geraten aber die beiden zuletzt genannten Momente und vor allem der Umstand, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen kapitalistischer Produktion zwar durchgesetzt, dann aber in einer bestimmten Form auf Dauer gestellt werden müssen.

Zu den Formen gehören u.a. Recht und Gesetz, die wiederum den Staat als Voraussetzung haben. Die Commons-Debatte empört sich hingegen über die einmalige Einhegung. In den Hintergrund gerät das, was den Kapitalismus als Dauerveranstaltung ausmacht, nämlich dass es bei der Aneignung des Mehrprodukts – der Ausbeutung – mit Recht und Gesetz zugeht. Der Akkumulationsprozess vollzieht sich gerade ohne Verletzung der formalen Normen und durch die allseitige Garantie des Eigentums durch den Staat.

Dies gilt auch für die Lohnarbeit. Der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse funktioniert nämlich nicht ohne Staat. Ihre Existenz als Arbeiterklasse erkennt diese erst aufgrund von »Erziehung, Tradition, Gewohnheit … als selbstverständliche Naturgesetze« (Marx) an – mit der Existenz einer »Mikrophysik der Macht« (Foucault). Diese umschreibt den Umstand, dass die Unterworfenheit unter die Verhältnisse die Form von verinnerlichten Einstellungen und Verhaltensweisen annimmt. Den von Marx nur kurz erwähnten Sachverhalt griff deshalb Foucault auf und machte ihn zu einem zentralen Thema seiner Auseinandersetzung und Gesellschaftskritik. Das bedeutet aber auch: Wer die Warenproduktion überwinden will, muss das System Lohnarbeit in allen seinen Facetten kritisieren.

Die »virtuellen Pauper« (Marx) verhalten sich nicht selbstverständlich zu ihrer Arbeitskraft als Ware. Was historisch die Verfolgung von Vagabundentum, Bettelei sowie die Einrichtung von Armenhäusern war, übernimmt jetzt der Sozialstaat und der zugehörige Diskurs, der alle Menschen »in Arbeit bringen« will. Diese Seite der Medaille gerät bei der Commons-Debatte völlig aus dem Blick.

Aber auch der letzte Punkt bleibt unterbelichtet. Der Begriff der Commons hat zum Ziel, die unmittelbaren ProduzentInnen wieder mit den Bedingungen der Produktion (Produktionsmittel) zusammenzuführen. Dabei gerät jedoch ein Punkt völlig aus dem Blickfeld: Soll die nachträgliche Vergesellschaftung der Produktion über den Markt und das Profitprinzip überwunden werden, müssen andere Formen von Vergesellschaftung an die Stelle von Geld und Markt treten. Das ist in der Debatte kein Thema. Stattdessen wird mit dem Begriff der Commons immer schon eine »Gemeinschaft« bzw. Gemeingüter unterstellt.

Linke Erfahrungen müssen aufgearbeitet werden

In vorkapitalistischen Gesellschaften waren Produktion und Verteilung von Gütern durch die persönlichen Herrschaftsverhältnisse, die Bedürfnisse der unmittelbaren Produzenten (bzw. deren Familien) oder deren Herren reguliert. Ebenso durch Gilden und Zünfte. Diese vom Kapitalismus zerstörten »Gemeinschaften« gibt es nicht mehr und sollten auch nicht wiederkehren. In westlichen Industriestaaten unkritisch auf Gemeingüter zu verweisen, unterstellt entweder eine Gemeinschaft oder Güter, die »natürlicherweise« allen zukommen. Und hier liegt das größte politische Problem. Weder sind Kollektive einfach da und können entdeckt werden, noch sind Güter qua Natur Gemeineigentum. Einfach eine Gemeinschaft und Gemeingüter zu unterstellen, spielt nur dem Staat als Zwangsverein und der Nation als kollektives Wahngebilde in die Hände.

Die politische Dimension der Konstitution von am Gebrauchswert orientierten Gütern ist bei öffentlichen Gütern offensichtlicher, auch wenn hier oft unterstellt wird, dass diese ein Gegenprinzip zum Kapitalismus darstellen, was sie nicht sind. (ak 507)

Die mangelhafte Sensibilität für viele Probleme führt auch dazu, dass vor allem zwei historische Erfahrungen in der Commons-Debatte nicht aufgearbeitet werden. Zum einen die »alternative Produktion« der 1970er und 1980er. Zentrale Punkte hatte bereits André Gorz in »Abschied vom Proletariat« aufgeworfen. So den Umstand, dass alternative Produktion sich eben nicht ohne weiteres vom Markt loseisen kann. Aber auch die Planungsversuche seit 1917 müssten kritisch aufgearbeitet werden.

Der Debatte über Commons muss man jedoch eines zugestehen: Sie bietet die Möglichkeit, sich über den Kapitalismus und dessen Überwindung zu verständigen – und das ist nicht wenig.

Ingo Stützle

Erschienen in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis,  Nr. 549 vom 16.4.2010, S. 14

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