Aufgeblättert: Krisensammelsurium. Karl Heinz Roths »Die globale Krise«

Karl Heiz Roth (KHR) hat wieder ein Buch geschrieben. Beziehungsweise einen Teilband. Seit dem offen Ausbruch der Krise vor einem Jahr ist KHR durch Interviews, Diskussionspapiere und Interventionen beteiligt, die Krise zu deuten und Strategien für die Linen zu diskutieren. Dabei hängt KHR die Latte und den moralischen Anspruch recht hoch:

„Wir alle […] haben diese Verantwortung, weil wir vor einem strategischen Fenster stehen. Wenn wir nicht aufpassen, wird es sehr dunkel.“

Zwar relativierte KHR den dringlichen Ton, dennoch stellt die gegenwärtige Krise für ihn ein Epochenbruch dar. Das ist wohl auch ein Grund, warum sein bei VSA erschienenes Buch unter Hochdruck geschrieben und publiziert wurde. Leider. KHR hat sich nicht die Zeit genommen, das Material zu kondensieren und theoretisch aufzuarbeiten. Entstanden ist eine materialreiche Fleißarbeit, die leider nicht so recht zum Punkt kommt. Und hier ist schon das erste Problem: Das Buch ist der erste Band eines auf zwei Teile angelegten Projekts. Vieles was im ersten Band vermisst wird oder kritisiert werden könnte, holt KHR vielleicht  im zweiten Band ein. Aber das am Schluss des ersten Bandes abgedruckte Inhaltsverzeichnis deutet nicht darauf hin.

Der erste Teil der über 300 Seiten ist vor allem eine Rekonstruktion des Krisenverlaufs. Hierfür hat KHR vor allem die NZZ gewälzt. Detailliert stellt er den Übergang von einer Immobilien- zu einer Finanzkrise dar, die die Kapital und Währungsmärkte ebenso erfasst wie die Rohstoffmärkte, die Transport- und Autoindustrie (18ff.). Anschließend diskutiert KHR die politischen Reaktionen und Maßnahmen – national wie international (62ff.). Vor einem ausführlichen Vergleich historischer Krisen (1857-59; 1873-79; 1929-40) stellt er die Entwicklungen seit 1966/1967 dar.

Auch wenn KHR alles andere als theoriefeindlich ist, so fehlt es dem Band vor allem an theoretischer Durchdringung und strukturierter Darstellung des von ihm zusammengetragenen Materials. An einer Stelle bemerkt KHR, dass sich in theoretischen Konzeptionalisierungen manchmal die „historische Empirie“ verflüchtige (291). Eine Kritik die durchaus zutrifft, wobei für seine Darstellung das Gegenteil gilt. Zum einen scheint eine Sammlung des Materials für sich zu sprechen, ohne jede Erklärung oder Deutung; zum anderen vermisst man eine theoretische Selbstvergewisserung, denn ganz ohne Theorie bzw. theoretische Annahmen kommt KHR schließlich auch nicht aus.

Zu schnell ist KHR bei alt bekannten Deutungsmustern, zu schnell werden Großtheorien bemüht (Weltsystemtheorie, Kondratjeff-Zyklus etc. pp.), statt sie zuvor kritisch zu diskutieren oder am Material selbst zu prüfen. Es ist richtig, dass es wenig Sinn macht, konkreten Entwicklungen einfach eine Theorie überzustülpen, abstrakten theoretischen Sätzen empirische Phänomene zu subsumieren. Man muss schon am Material selbst zeigen, warum eine bestimmte Entwicklung mit einem bestimmten theoretischen Zugang besonders gut zu erklären und zu deuten ist. Gleichzeitig gilt aber, dass jedes empirische Material immer schon theoretisch gedeutet wird. Einfache Fakten gibt es nicht. Daten sind immer schon mit theoretischen Annahmen gesammelt und aufbereitet. Theoretische Prämissen strukturieren auch die Vorstellung darüber, wie was zusammenhängt, was wichtig und was weniger wichtig ist. Allein deshalb ist es unabdingbar, das theoretische Selbstverständnis, wie man eine Krise interpretiert, zu diskutieren. Eine Kritik, die bereits an anderen Stellen zu seinem letzten Büchlein geäußert wurde (siehe auch hier).

KHR bleibt theoretisch nebulös und spricht von einer weltweiten Überakkumulationskrise mit unterschiedlichen »Erscheinungsformen« (60), einer »Dialektik von Überakkumulation und Unterkonsumtion« (61), gleichzeitig konstatiert er »Überkapazitäten« (61), also einer Überproduktionskrise. So stehen alt bekannte marxistische Krisentheorien unvermittelt neben einem Berg an empirischem Material.

Das wird dann heikel, wenn KHR sich in neoklassisches Fahrwasser begibt und bspw. einen eindeutigen Zusammenhang von Staatsverschuldung, Abwertungswettlauf und Ausweitung der Geldmenge behauptet oder vor Inflationsgefahr angesichts der enorm gestiegenen Geldmenge warnt. Letzteres ist eine monetaristische Argumentationsfigur, ein Grundpfeiler des Neoliberalismus. Sowohl Marx also auch Keynes deuten den Zusammenhang von Geldmenge, Zinsfuß und Inflation anders. Gerade in einer politischen Situation, in der es auch darum geht Gegenwissen zu produzieren, sind das alles andere als Marginalien.

Ähnliches gilt für die Formen des kapitalistischen Reproduktionsprozesses und den Zusammenhang der unterschiedlichen Kreislaufformen des Kapitals, die Marx im zweiten Band des Kapitals darstellt und unter Berücksichtigung einer vertieften Arbeitsteilung innerhalb der Kapitalistenklasse im dritten Band weiter ausführt. Kurzum: Wie ist der Zusammenhang zwischen industriellem Kapital und dem, was heute als Finanzmärkte bezeichnet wird? Bei KHR bleibt der Zusammenhang unklar, wenn er bspw. von „reguläre[n] Wirtschaftskreisläufe[n]“ (294) spricht. Hier werden Vorstellungen reproduziert, die aus einer marxschen Perspektive gerade kritisiert werden sollten, nämlich dass der Verwertungsprozess nicht unabhängig von monetärer Vermittlungen und Formen des fiktiven und zinstragenen Kapitals zu denken ist. Die ›eigentliche‹ Aufgabe des Bankensystems ist eben nicht die ›gute‹ oder wie KHR es nennt »reguläre« Wirtschaft zu finanzieren.

KHR macht auch das Fass »Ökokapitalismus« auf, klärt aber nicht, wie sich die einzelnen Katastrophen als Systemproblem repräsentieren konnten. KHR streift die Diskussion um den grünen Kapitalismus, bleibt aber auch hier oberflächlich und holt auch nicht den Stand der Diskussion ein. KHR diskutiert das Problem an Einzelinitiativen (Emissionsrechte), zählt Ökokatastrophen auf und stößt aber nicht zu der Frage vor, wie ein Bezugspunkt emanzipatorischer Bewegungen von den Herrschenden aufgegriffen wurde und sich inzwischen zu einem hegemonialen Projekt zu verdichten scheint (Green New Deal). Statt zu diskutieren, wie dieses einen möglichen Ausweg aus der Krise darstellt oder nicht, was es an Gefahren für soziale Bewegungen birgt, stellt KHR den Handel mit Emissionsrechten dar. Ein durchaus wichtiger Punkt, über den man sich jedoch an anderer Stelle besser informieren kann. Zumal KHR unklar lässt, was der Aufstieg des Ökokapitalismus mit der Krise, dessen Ende und möglichem Widerstand zu tun hat.

Ebenso nebulös bleiben die operaistischen Duftnoten. So fällt der Ausgangspunkt eines von KHR fixierten Zyklus eindeutig mit dem Aufkommen neuer Bedürfnisse 1966/67 zusammen (144ff.). Ohne die Sinn und Unsinn der Theorie der langen Wellen diskutieren zu wollen, so stellt sich durchaus die Frage, ob es plausibel ist, dass der damals eingeleitete Bruch, der schließlich in der Krise des Fordismus mündete, tatsächlich »von unten« provoziert wurde. KHR setzt dies einfach voraus und diskutiert leider auch nicht den Unterschied zu anderen Krisenverläufen. Weniger nebulös als skurril wird es, wenn KHR behauptet, dass gegenärtig aufgrund des Drucks von unten (123) Konjunkturprogramme beschlossen wurden.

Die Diskussion eines anderen Punktes wäre interessant gewesen, den KHR zwar benennt, dann jedoch gar nicht mehr aufgreift: Historisch war der New Deal in den USA ein umkämpftes Projekt. So weit so klar. Aber: Aufgrund der staatlichen Interventionen, veränderter Arbeitsgesetzgebung und dem neuen Status der Gewerkschaften war es der US-amerikanischen Arbeiterklasse möglich durchzusetzen, dass die Krise nicht vollständig auf ihrem Rücken bewältigt wurde. Die staatliche Politik stellte sozusagen für die Klassenkämpfe neue, verbesserte Bedingungen dar. Resultat war jedoch eine lange Depression, die erst mit der Kriegswirtschaft beendet wurde. In anderen Ländern war dem nicht so. KHR stellt das zwar fest (325), diskutiert dies jedoch nicht vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklungen und auch nicht vor der von ihm konstatierten »Drucks von unten«. Was bedeutet das für heute? Welche Schlussfolgerungen kann man daraus für gegenwärtige Kämpfe ziehen und wie muss man vor einem solchen Hintergrund staatliche Politik diskutieren? Welche Politik verbessert die Ausgangsbedingungen für Kämpfe, welche nicht? Was führt eher zu einer Einbindung der Arbeiterklasse in die herrschende Krisenpolitik? Diese Fragen und noch mehr Fragen sind vor allem deshalb spannend, weil KHR zu Anfang zu Recht feststellt, dass dem linken Staatsinterventionismus  – also dem politischen Projekt der Linkspartei – durch die ›gute‹ Politik der Herrschenden der Boden entzogen wurde. Abzuwarten ist, ob KHR ähnliche Fragen im zweiten Band diskutiert.

Eines steht jedoch fest: Der zeitliche Druck, dem sich KHR wohl selbst ausgesetzt hat, war ein schlechter Ratgeber. Auf den zweiten Band darf man dennoch gespannt sein.

Karl Heinz Roth: Die globale Krise (Band 1 des Projekts „Globale Krise – Globale Proletarisierung – Gegenperspektiven“), 336 Seiten, EUR 22.80, Hamburg: VSA-Verlag

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