Logik mit mittelgroßen Löchern

Die Auseinandersetzung über das Verhältnis zwischen der hegelschen Logik und Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie ist so alt wie Marx‘ Schriften selbst. Erinnert sei hier nur an die immer wieder zu Missverständnissen führende Anmerkung im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals (MEW 23: 27), Engels Versuche einer materialistischen (Real-)Dialektik im Anti-Dühring oder in der Dialektik der Natur sowie Lenins Anmerkungen in den „genialen“ (Važjulin) Philosophischen Heften, dass das Kapital deshalb nicht verstanden werde, weil sich kaum eineR Hegels Logik angeeignet habe. Oder auch Lukács Anmerkungen in Geschichte und Klassenbewusstsein, dass im Kapital „eine ganze Reihe der stets angewendeten entscheidenden Kategorien der Methode direkt aus der Logik Hegels stammt“. Mit der zweiten großen Welle der Kapital-Lektüre, also um 1968, wurde erneut das Verhältnis der beiden Denker diskutiert. Vor allem in Frankfurt am Main, wo die bei Adorno und Horkheimer Studierenden mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung die Möglichkeit hatten, in der gut sortierten Institutsbibliothek die Erstauflage der Kapitals von 1867 zu studieren. In dieser Textversion ist die Wertformanalyse anders konzipiert als in der überarbeiteten Zweitausgabe von 1872 und allen weiteren Textfassungen. So behauptete Helmut Reichelt, Student in Frankfurt, in seiner Dissertation, die 1970 für diesen Zyklus der Kapital-Lektüre sowohl den Höhepunkt wie den Abschluss bildete, dass die „strukturelle Gemeinsamkeit“ zwischen Hegels Philosophie und Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie ein konstitutives Moment der Darstellungsweise im Kapital darstellt. Zu vergessen sind nicht die Arbeiten von Hans-Jürgen Krahl, die z.Z. neu erschlossen werden und neues Material zu dieser Frage aus der Zeit um 1968 zu Tage fördern werden.

Mit der dritten Welle der Kapital-Lektüre, die gerade erst begonnen hat, findet die Auseinandersetzung zum Verhältnis von Hegel und Marx eine Renaissance. So hat z.B. vor wenigen Jahren Chris Arthur für den angelsächsischen Sprachraum ein stark an hegelianische Argumentationsfiguren angelehnte Interpretation von Marx Arbeiten vorgelegt. Diese sehr selbstbezügliche Arbeit war deshalb möglich, weil es aufgrund einer mangelnden internationalen Debatte und fehlenden Übersetzungen in den letzten Jahrzehnten kaum Austausch gab. Fast könnte man meinen, die Tragödie einer stark an Hegel orientierte Interpretation findet so ihre Farce.

Aber nicht nur neue Interpretationen beginnen alte Fragen aufzuwerfen, sondern ebenso werden ältere Studien erneut aufgelegt. So zum Beispiel die oben bereits erwähnte Arbeit von Helmut Reichelt: „Die logische Struktur des Kapitalbegriffs“. Es werden aber auch Übersetzungen von Arbeiten angefertigt, die bereits seit vielen Jahren vorliegen. Das trifft auf die 1968 erstmals veröffentlichte Arbeit von Viktor A. Važjulin zu, die 2002 in Russland erneut aufgelegt wurde und nun aus dem Russischen übersetzt in deutscher Sprache vorliegt.

Nach vierzig Jahren sollte natürlich für eine Rezension einer solchen Publikation zunächst die Frage geklärt werden, welche Ansprüche an ein solches Buch gestellt werden können und was es leisten soll. Handelt es sich um einen systematischen Vergleich von Hegels Logik und der marxschen Darstellungsweise im Kapital, so müsste gezeigt werden, wie sich die jeweiligen Argumentationsstrukturen gleichen bzw. nicht und warum. Würde hingegen bereits vorausgesetzt, dass Marx im Kapital Hegels Logik zur Anwendung bringt, dann stellte sich die Frage, wie Marx dies genau macht, wo Grenzen sind und welche Erkenntniseffekte dies für das Verständnis des Kapitals mit sich bringt. Važjulins Buch gehört zu letzterer Kategorie von Publikation, wenn auch die alternative Fragestellung für eine Auseinandersetzung nicht irrelevant wird.

Im Vorwort wird das Buch von einem Herrn Golobokov als eine „wissenschaftliche Sensation“ angekündigt, als ein Werk, das Probleme löst, über die „sich die marxistischen Philosophen der Sowjetunion schon einige Jahrzehnte lang den Kopf zerbrochen hatten“ (7). Was genau die Probleme sind, bleibt allerdings unklar. Zu allem Überdruss sucht man auch nach Hinweisen auf eine kritische Historisierung vergebens. Dass im Zuge der Stalinisierung bedeutende Marx-Forscher (Isaak Iljitsch Rubin, David Rjazanov oder der Rechtstheoretiker Eugen Paschukanis) ermordet wurden, wird verschwiegen, ihre namen kommen auch in Važjulins Text auch nicht vor, während vor genau dieser Leerstelle Theoretiker wie Važjulin als Genies scheinbar aus dem Nichts emporsteigen können. Für eine Neuauflage wäre eine (selbst)kritische Reflexion dessen was sich vor 1968 in der Marx-Forschung ereignet hat mehr als notwendig gewesen.

Wie auch immer dieser befremdliche Befund zu beurteilen und die Ambitionen des Autors politisch und historisch zu verorten sind, der Auseinandersetzung mit dem konkreten Textmaterial ist man dadurch nicht enthoben. Wie auch Die Frage nach der Logik des Kapitals von Marx müsste mit der Frage beginnen, was der eigentliche Gegenstand ist und es ist sicherlich nicht, wie Važjulin meint, der Forschungsgegenstand „Kapitalismus“ (22), einen Begriff den Marx kaum kannte und noch seltener im Mund führte. Schon schwant es einem, er sähe hier den Autor mit dem linken Bein „aufstehen“. Der enttäuschende Eindruck wird im weiteren Verlauf des Buches erhärtet. Dabei ist der Anfang von Važjulins konkreter Analyse der Darstellung eigentlich recht ausgewogen. So plädiert für das Studium des Inhaltsverzeichnisses als dem ersten Schritt (47) und pocht darauf, dass das Setzen der Ware zu Anfang der Darstellung weder unmittelbar plausibel ist (44), noch eine andere Ware als die bereits kapitalistisch produzierte Ware sein kann (49). Die Logik des Kapitals zu rekonstruieren, zudem mit Važjulins Überzeugung, Hegel habe bei der Darstellung Pate gestanden, macht zunächst einmal neugierigund natürlich setzt Važjulin Hegel und Marx nicht in eins. Eine Kritik an Hegel ist, dass dieser die „Herkunft der Kategorien“ (23) nicht habe erklären können. Diese Kritik mündet dann jedoch in einen quasi-feuerbachschen Materialismus, der sich eigenartig mit der hegelschen Erkenntniskritik aus der Phänomenologie des Geistes verbindet: „Der Übergang von den Sinnen, von der lebendigen Anschauung zu Begriffen und Kategorien tritt hier nicht als wirkliche Voraussetzung und wirkliches Moment der Bewegung des Denkens zum Vorschein, sondern gänzlich durch die ‚Selbstentfaltung‘ des Denkens gesetzter Schein.“ (24, Herv.: IS; vgl. auch 43, 57ff., 92, 235). Die Fragwürdigkeit dieser Kritik wird verstärkt, wenn Važjulin sich darin versucht, die marxsche Darstellung der Kategorien zu begründen. Während bei Hegel diese sich aus sich selbst heraus entwickeln würden, würde das kategoriale Fortschreiten bei Marx dazu zwingen, „sich an diese oder jene Gegebenheit der lebendigen Anschauung zu wenden, an die Tatsachen, an die Praxis, an die gedankliche Verarbeitung dieser Tatschen in Einheit mit der betreffenden Prämisse, die gleichsam priori hingenommen wurde.“ (59) Und weiter: Eine Prämisse, also z.B. die zu Anfang im Kapital gesetzte Ware, führe zu einer ganz bestimmten Auswahl an Tatsachen und zum anderen würden die Tatsachen „selbst ihren Zusammenhang auf[zeigen]“ und den Übergang von einer Kategorie zur anderen „diktieren“ (59). Dieses unklare Verhältnis zwischen idealer Reproduktion in Begriffen und ihrer Darstellung auf der einen und gesellschaftlicher Wirklichkeit auf der anderen Seite, zieht sich durch das ganze Buch. Und das obwohl Važjulin behauptet, Marx wäre der erste gewesen, der prinzipiell die Frage nach dem Verhältnis von Denken und Wirklichkeit gestellt hätte (26). Das stimmt zwar so nicht, aber z.B. die zentralen Aussagen aus dem so genanten Methodenkapitel in den Grundrissen hätten durchaus geholfen, eine Interpretationsfolie für das Kapital plausibel zu machen. Die Folie von Važjulin hätte jedoch kaum begründen werden können, weil hier durchaus mehr und andere Unterschiede zwischen Hegel und Marx deutlich werden, als Važjulin lieb sind.

Aber auch welche Logik sich im Kapital ins Werk setzt bleibt rätselhaft. Nicht nur bleibt das Verhältnis von formaler bzw. das was Važjulin „klassische Logik“ nennt ungeklärt, auch führt Važjulin das abgestandene Argument ins Feld, dass letztere keinen Prozess denken könne (144). Was schließlich eine „marxistische Logik“ (154) sein soll, bleibt mehr als schleierhaft. Der zentrale Unterschied zwischen Hegel und Marx, auf den zumindest Važjulin immer wieder (29, 220, 195 u.ö.) aufmerksam macht ist der, dass es Marx um einen historisch spezifischen Gegenstand geht. Dieser kritische Anspruch ist bereits in Marx‘ Elend der Philosophie eingeschrieben. Was ist jedoch die spezifische Form der Kritik im Kapital? Der Unterschied muss für Važjulin solange unklar bleiben, wie er nicht zwischen Forschung und Darstellung unterscheidet (25 u.ö.). Dass es Marx genau darum geht, mit der Darstellung der Kategorien eine Kritik derselben zu ermöglichen, muss für Važjulin verborgen bleiben. Die Kategorien der politischen Ökonomie stellen im Kapital einen verkehrten Ausdruck der wirklichen Verhältnisse dar, während Marx bis in die 1850er Jahre davon ausging, dass die Kategorien einen wirklichen Ausdruck verkehrter Verhältnisse darstellen. Aber wie denkt Važjulin selbst die Darstellung im Kapital?

„Im ersten Kapitel des ‚Kapitals‘ rekonstruiert Marx die Gedankenbewegung vom Unmittelbaren zum Wesen (der Ware) nur in ihren hauptsächlichen Momenten (Qualität, Quantität, Maß). Er beschreibt nicht ausführlich den Weg, durch den die Forscher das Wesen im Unmittelbaren aufgefunden haben (im vorliegenden Fall den Wert der Ware), sondern breitet dagegen ausschließend in aller Ausführlichkeit die Gedankenbewegung vom Wesen zu den Erscheinungsformen und zur Wirklichkeit aus.“ (68) In seiner konkreten Rekonstruktion stülpt Važjulin dann leider das hegelianische Vokabular der marxschen Darstellung einfach über, statt zu zeigen, was Marx eigentlich im Kapital macht. Das zeigt sich, wenn Važjulin die Methode als eine Bewegung in großen und kleinen Spiralen charakterisiert, wobei die drei Bände des Kapitals eine große Spiralbewegung darstellen sollen (41) und ein Abschnitt einer Windung bzw. einer kleine Spiralwindung entspricht (vgl. 172). Ungeklärt bleibt, warum die fortschreitende Spirale dann offenbar als theoretisch vernachlässigbar behandelt wird. Der zweite und dritte Band des Kapital kommen bei Važjulin vollkommen zu kurz. Der dritte Band nimmt gerade einmal drei Druckseiten ein. Gleichzeitig stellt Važjulin steile Thesen auf, so zum Beispiel, dass die Entstehung der Formen aus dem Gesamtprozesses des Kapitals, als das was Marx im dritten Band des Kapitals macht, der „Gedankenentwicklung“ dem „Abschnitt A (‚Die Auslegung des Absoluten‘) des Kapitels über das Absolute in der „Wissenschaft der Logik'“ „entspricht“ (sic!) (233). Auch hier gilt wie für das ganze Buch, dass Važjulin das alles behauptet, aber weder nachvollziehbar zeigt, noch richtig zu zeigen versucht.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass durch solche eine Interpretation die vermeintlich beantworteten Fragen im krassen Missverhältnis zu den offenen stehen. Wie sieht es gerade mit der Grenze der dialektischen Darstellung aus, von der Marx in der Grundrissen spricht? Genau an diesen Grenzen wäre zu klären, was Marx eben im Unterschied zu Hegel macht. Aber darauf geht Važjulin nicht ein. Zu nennen wäre hier nicht nur das 24. Kapitel über die so genannte ursprüngliche Akkumulation. Hier zeigt Marx die historische Entstehung des doppelt freien Lohnarbeiters. Ein Kapitel, das am Ende der systematischen Darstellung innerhalb des ersten Bandes steht und eine Existenzbedingung der kapitalistischen Produktionsweise einholt, die nicht aus der Logik der dialektischen Darstellung im Kapital selbst begründet werden kann.

Eine weitere Grenze der dialektischen Darstellung ist im Übergang von der allgemeinen, entfalteten Äquivalentform zur Geldform zu sehen. In der Erstauflage endet Marx mit einem Paradox: Es gibt auf der entwickelten Argumentationsebene des ersten Kapitels kein Kriterium dafür, welche Ware den Status des allgemeinen Äquivalents einnehmen soll. Somit schließen sich alle Waren gegenseitig aus. Die Lösung dieses Problems bedarf einer anderen Ebene der Argumentation, die Ebene der gesellschaftlichen Tat. Auf die geht Marx im zweiten Kapitel – dem Austauschprozess – ein. Gerade hinsichtlich einer möglicherweise hegelianischen Perspektive müsste dieser Bruch (und seine Erklärung) in der Darstellung für die Auseinandersetzung interessant sein. Für Važjulin ist dieser jedoch völlig irrelevant (114).

Ein weiterer problematischer Punkt ist, dass die zentrale Rolle des Geldes unklar bleibt, denn sonst würde bei Važjulins Analyse des dritten Kapitels nicht die Funktion des Geldes als Maß der Werte fehlen (161). Ohne Geld, das ist ja gerade die zentrale marxsche Kritik an Ricardo, können die Waren gar nicht als Werte aufeinander bezogen werden. Ist jedoch die Funktion des Geldes, Maß der Werte zu sein, nicht einmal erwähnenswert, bleibt die Frage, was eigentlich von der Analyse der Wertform tatsächlich verstanden wurde.

Ein Moment, das wahrscheinlich ohne die durch Hegel geschulte Sensibilität für das Problem des Anfangs unbeachtet geblieben wäre, ist die nur scheinbare Evidenz des Anfangs, bei welchem Marx die Ware als erste Kategorie setzt. Dieser Anfang sei alles andere als unmittelbar und selbsterklärend – vielmehr werde er von Marx einfach nur „postuliert“ (44). Diese Setzung müsse Marx noch begründen. Leider kommt Važjulin im Fortgang seines Textes nicht auf dieses Problem zurück, noch thematisiert er die bei Marx vorliegende Form der progressiv-regressiven Darstellung, die durchaus auch bei Hegel zu finden ist (HW, Bd. 6, Logik, 570). Diese Form der sich im Laufe der Darstellung entwickelnden und zugleich rückwärts begründenden Argumentation ist leider in der Literatur bisher nicht genügend ausgeleuchtet worden – Važjulin beachtet sie überhaupt nicht, obwohl er dazu allen Grund dazu gehabt hätte, statt einfach auf nichts sagende Metaphern von großen und kleinen Spiralen zurück zu greifen.

Statt also zu unterstellen, Marx würde im Kapital die hegelsche Logik bereits anwenden, wäre eine Arbeit, die beide Darstellungsformen vergleicht für die gegenwärtige Diskussion hilfreicher gewesen. Weder für das Verständnis des Kapitals noch zur Klärung der vorhandenen Entwürfe einer „dialektischen Logik“ kann Važjulins Darstellung etwas beitragen.

Ingo Stützle, Berlin

Važjulin, Viktor A. (1968): Die Logik des „Kapitals“ von Karls Marx, Norderstedt 2006, 264 Seiten, 21 €

Erschienen in: Z., Nr. 72, Dezember 2007, 216-220.

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  1. Am 7. Juli 2010 um 12:43 Uhr veröffentlicht | Permalink

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