Marx‘ innerer Monolog. Vor 150 Jahren schrieb Karl Marx die „Grundrisse“

Im Jahr 1857 bricht in allen entwickelten Industrieländern die erste Weltmarktkrise aus. Zum ersten Mal erschüttert eine Geldkrise fast gleichzeitig die Finanzmärkte in London, New York, Hamburg und Paris. Karl Marx notiert in einem Brief an Friedrich Engels am 8. Dezember 1857: „Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner Ökonomischen Studien, damit ich wenigstens die Grundrisse im klaren habe bevor dem déluge (der Sintflut; Anm. ak)“. Marx erwartet, ebenso wie Engels, mit der Krise den Ausbruch der proletarischen Revolution. Unter großem Zeitdruck schreibt er zwischen Oktober 1857 und Mai 1858 in einer kaum leserlichen Schrift die Manuskriptseiten, die Jahrzehnte später als die „Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie“ bekannt werden.

Die Grundrisse standen in der Rezeption bisher für vieles Pate: Für die einen sind sie die noch streng durch Hegel angeleitete Kritik der politischen Ökonomie. Eine Form der Darstellung, die in Marx‘ „Kapital“ von 1867 nicht mehr zu finden sei, da er sie hier „popularisiert“ und von der Dialektik befreit habe. Für die anderen sind die Grundrisse der weniger ökonomistische Marx, wo er noch „Pfeffer im Arsch“ (Peter Paul Zahl) habe. Für wieder andere findet sich in den Grundrissen das begriffliche Werkzeug, um die Produktionsweise des Empire und die neue Produktionsweise der immateriellen Arbeit zu verstehen. Die am wenigsten aufgeregte Interpretation deutet die Grundrisse als einen wichtigen Text der Selbstverständigung.

Sicher ist eines: Die Grundrisse stellen einen Meilenstein in der Kritik der politischen Ökonomie dar und waren für Marx‘ wissenschaftliche Arbeit von zentraler Bedeutung. Nach der Flucht nach London stellen sich ihm viele neue Fragen. 1859 formuliert er rückblickend: „Das ungeheure Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das im British Museum aufgehäuft ist, der günstige Standpunkt, den London für die Beobachtung der bürgerlichen Gesellschaft gewährt (…) bestimmten mich, ganz von vorn wieder anzufangen und mich durch das neue Material kritisch durchzuarbeiten.“ Sein grundlegend verändertes Verständnis von Ökonomie schlug sich schließlich in den Grundrissen nieder.

Neben der theoretischen Arbeit schreibt er seit 1851 auch für die New York Daily Tribune, die mit einer Auflage von über 200.000 Exemplaren zu den bedeutendsten Tageszeitungen der USA gehörte. Zwar beschwert er sich oft über das zeitraubende „beständige Zeitungsschmieren“, doch sind es gerade diese journalistischen Arbeiten, die Marx nicht nur die aufkommende Krise erkennen lassen, sondern die ihn auch dazu veranlassen, über das Verhältnis von empirischer Wirklichkeit auf der einen Seite und begrifflicher Reproduktion in Form von Theorie auf der anderen Seite nachzudenken. Seine Ausführungen dazu in den Grundrissen sind auch für die Theoriegeschichte einschneidend. So bricht er 1857 in der „Einleitung zu den Grundrissen“ mit der empiristischen Vorstellung, gesellschaftliche Wirklichkeit könne unmittelbar abgebildet werden. Diese Reflexion bildet den Ausgangspunkt für die Arbeit an den Grundrissen, von denen der dritte Unterabschnitt – „Methode der politischen Ökonomie“ – am bekanntesten ist.

Theoretische Reflexion statt Empirismus

Die Grundrisse verhandeln ungefähr den Stoff der drei Bände „Kapital“. Marx arbeitet das Geld, seine Notwendigkeit und dessen Funktionen heraus, stellt den Übergang von Geld in Kapital und den Arbeitsprozess als Verwertungsprozess dar, bestimmt Mehrwert und Profit sowie Zins und thematisiert die Reproduktion des Kapitalverhältnisses als Einheit von Produktions- und Zirkulationsprozess. Trotz der thematischen Überschneidung mit dem „Kapital“ sind jedoch weder alle Begriffe eindeutig bestimmt, noch alle Probleme der Darstellung geklärt. Weder ist der zentrale Begriff der abstrakten Arbeit entwickelt, noch ist das Problem geklärt, mit welcher Kategorie bei der Kritik der politischen Ökonomie zu beginnen ist.

Marx beginnt in den Manuskripten zu den Grundrissen nicht mit der Ware, sondern mit Wert und Geld. Er verwendet nicht nur ein anderes Wort für abstrakte Arbeit – nämlich allgemeine Arbeit oder Arbeit sans phrase – sondern versteht auch inhaltlich 1857 noch etwas ganz anderes darunter als später. Bis zur Erstauflage des „Kapital“ identifiziert Marx die den Wert konstituierende Arbeit mit einfacher, gleichförmiger und unqualifizierter Arbeit, die aus der zunehmenden Automatisierung der Produktion und der Zerlegung der Arbeitsschritte in der Produktion herrührt. Erst ab der Zweitauflage stellt er den „Springpunkt“ der politischen Ökonomie radikal heraus, den Doppelcharakter der Arbeit. Abstrakte Arbeit ist nun eine radikal gesellschaftliche Kategorie, die nichts mehr mit der konkreten Beschaffenheit oder dem Charakter der Arbeit zu tun hat, sondern alleiniges Resultat einer gesellschaftlichen Abstraktion ist, der Gleichsetzung unterschiedlichster Arbeiten auf dem Markt.

Die Rezeption der Grundrisse setzte ab den 1940er Jahren ein und basierte zunächst auf einer Ausgabe des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der KPdSU, das die Grundrisse im Rahmen der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) Ende der 1930er Jahre herausgab. Die Ausgabe war jedoch nicht im Sinne des damaligen Leiters des Instituts, David Rjazanov, der sich gegen die durch den Stalinismus vorangetriebene Verfälschung und Dogmatisierung der marxschen Schriften und den Personenkult um Marx wandte. Nach seiner Absetzung als Institutsleiter wurde Rjazanov im Rahmen der stalinistischen Säuberungen ermordet; die Arbeit an der MEGA wurde bald eingestellt.

In der Rezeptionsgeschichte der Grundrisse ist Roman Rosdolskys Arbeit „Zur Entstehungsgeschichte des marxschen ,Kapital`. Der Rohentwurf des ,Kapitals` 1857-1858“ aus dem Jahre 1967 grundlegend. Rosdolsky erkannte bereits 1948 die Bedeutung der Grundrisse. Für Rosdolsky standen neben einer ausführlichen Kommentierung des marxschen Werks vor allem Marx‘ Planänderungen, d.h. die veränderte Gliederung seiner „Kritik der politischen Ökonomie“ und seine Kritik an dem französischen Sozialisten Proudhon im Mittelpunkt. Bereits 1847 polemisierte Marx in „Das Elend der Philosophie“ gegen Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“. In den Grundrissen kritisierte Marx vor allem die Vorstellung eines Arbeitsgeldes, welches nach Proudhon das Geld ersetze sollte. Die Vorstellung, die gesellschaftlichen Verhältnisse allein über eine Geldreform bzw. die Abschaffung des Geldes zu verändern, hätte nicht verstanden, wie die Art und Weise der Produktion, die kapitalistische Warenproduktion, das Geld notwendigerweise voraussetze. Wolle man die zerstörerische Kraft des Geldes ein Ende bereiten, müsse man an der Ursache ansetzen, der kapitalistischen Produktionsweise selbst.

Rosdolskys Diskussion des Aufbauplans ist eng mit methodischen Fragen danach verknüpft, was im Rahmen der Kritik der politischen Ökonomie abgehandelt werden kann und was nicht. Und vor allem, in welcher Reihenfolge die ökonomischen Kategorien verhandelt werden sollen. Diese Frage ist relevant, weil für Marx die Reihenfolge in der Darstellung auch eine theoretische Aussage über gesellschaftliche Zusammenhänge vermittelt. Das hat vor allem während der Marx-Renaissance im Anschluss an die Studentenrevolten 1968 zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Da Marx in seinen Plänen zwar vorhatte, die Klassen, den Staat und den Weltmarkt zu verhandeln, dazu aber nicht im Entferntesten kam, sahen sich die frischgebackenen Marxisten als die wahren Erben des marxschen Projekts und hoben an, dieses weiter voranzutreiben. Den Staat in der Form unpersönlicher Herrschaft zu begründen war ebenso ein Feld der Auseinandersetzungen, wie die Grenzen und Möglichkeiten staatlicher Wirtschaftspolitik. Trotz der heftig und auch sektiererisch geführten Streits stellte Rosdolskys Arbeit lange die von allen akzeptierte Interpretation dar.

Die „Grundrisse“: eine imposante Baustelle

Ein weiteres Feld der Rezeption eröffnete die operaistische Lesart der Kritik der politischen Ökonomie. Vor dem Hintergrund eines sehr orthodoxen Marx-Verständnisses innerhalb der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) entwickelte die parteiinterne Opposition um Mario Tronti und Raniero Panzieri eine eigene Lesart des marxschen Werks. Das Kapital wurde verstärkt als gesellschaftliches Verhältnis interpretiert, d.h. nicht als etwas das – einer eigenen Logik folgend – auf einen historischen Endpunkt zusteuerte, sondern als Dynamik, die verschiedene Klassenkräfte einschloss. Vor allem Tronti bediente sich für seine politische Intervention bei den Grundrissen. Die Dynamik des Kapitals gehe vom „Angriffsdruck der Klassenbewegung“ aus, heißt es in seiner Schrift „Marx, Arbeitskraft, Arbeiterklasse“. Die Arbeitskraft sei Angriffskraft, und dieser Moment sei der „politische Übergang von der Arbeitskraft zur Arbeiterklasse“. Diesen Gedanken würde Marx am bewusstesten in den Grundrissen ausführen, weil er sich hier keiner strengen Darstellungsform unterwerfe.

Tronti griff in seiner Interpretation die von Marx eingeführten Begriffe auf und wendete sie ins Politische. Die Existenz der Arbeit als Nicht-Kapital zwinge das Kapital immer wieder von neuem, die Arbeit und damit die Arbeiterklasse dem Kapitalverhältnis und damit der Ausbeutung unterzuordnen. Dies könne jedoch nie ganz gelingen, und deshalb flamme die Revolte gegen das Kapital immer wieder auf – nicht das Kapital sei der Grund des dynamischen Charakters des Kapitalismus, sondern die Arbeit, die das Kapitalverhältnis vor sich hertreibe.

Auch Antonio Negri entdeckte die Grundrisse für sich. Entgegen scheinbaren ehernen kapitalistischen Gesetzen machte er den Begriff der Tendenz stark, der für ihn ausdrückte, dass sich die gesellschaftlichen Widersprüche eine Bewegungsform geben würden. Seine ausführliche Auseinandersetzung mit den Grundrissen begann 1978, als ihn Louis Althusser nach Frankreich einlud, um an der Universität eine Vorlesung zu Marx‘ Grundrissen zu halten. Althusser hatte selbst bereits 15 Jahre zuvor eine einschneidende Interpretation der Einleitung bzw. des Methodenkapitels der Grundrisse in „Das Kapital lesen“ vorgelegt.

1979 wurden Negris Vorlesungen veröffentlicht. In Italien landete das Buch in der Bestseller-Liste. Ausgehend von Marx` Planentwurf und den Änderungen sowie mit kritischem Bezug auf Rosdolksy diskutiert Negri die zentralen ökonomischen Kategorien vor allem unter krisentheoretischen Gesichtspunkten und der Frage nach gesellschaftlichen Widersprüchen. Am einflussreichsten war Negris fünfte Vorlesung, die im Wesentlichen die Grundlage für seine Konzeption der immateriellen Arbeit legte. Hier diskutiert er die politische Dimension des Lohns und das so genannte Maschinenfragment, die Manuskriptseiten, auf denen Marx die zunehmende Automatisierung der Produktion darlegt. Im Anschluss an Tronti versuchte Negri, wohl schon unter Einfluss von Felix Guattari und Gilles Deleuze, die Autonomie des Bedürfnisses, die proletarische Selbstverwertung als Machtanspruch zu interpretieren. Auf dieser Grundlage lotete er einen Ansatz für eine umfassendere Subjekttheorie aus. Der Lohn sei eine unabhängige Variable gegenüber dem Kapital und diesem nie völlig untergeordnet. Auch legt er einen Grundstein für seine spätere Theorie des Empire bzw. dessen Produktionsweise. Mit der zunehmend umfassenden Automatisierung der Produktion sowie der Subsumtion der Gesellschaft unter das Kapital, also der sich ausweitenden Inwertsetzung gesellschaftlicher Bereiche, würde die Arbeit umfassend vergesellschaftet. Ohne dass in den Vorlesungen bereits der Begriff des „general intellect“ auftaucht, verhandelt Negri bereits das, was er später als die dominante Produktionsweise des Empire bezeichnet.

Es bleibt die Frage, ob die Grundrisse mehr sind als nur eine jeweilige Projektionsfläche. Schließlich hatten sowohl die von Hegel inspirierten Interpretationen als auch der größte Hegel-Jäger – Louis Althusser – ihre intellektuelle Freude an ihnen.

Marx‘ Grundrisse, nie zur Veröffentlichung gedacht, sind vor allem ein Text der Selbstverständigung – ein innerer Monolog, wie Tronti schreibt. Zwischen der Verfassung der Grundrisse 1857 und der Veröffentlichung des ersten Bandes des „Kapital“, das Marx 1873 erneut grundlegend überarbeiten sollte, vergingen zehn Jahre. In den Grundrissen einfach einen Schlüssel für das „Kapital“ zu sehen oder den wahren, d.h. streng mit Hegel arbeitenden Marx, darin entdecken zu wollen, läuft ins Leere und nimmt Marx wissenschaftliche Weiterentwicklung nicht ernst.

Sicherlich helfen die Grundrisse beim Verständnis der Kritik der politischen Ökonomie. Aber wohl erst dann, wenn vom Ausgangspunkt des „Kapital“ her betrachtet die Probleme und Fragen deutlich werden, mit denen sich Marx bis zum Ende seines Lebens herumschlug. In den Grundrissen findet man zudem viele Ausführungen, zu denen Marx im „Kapital“ gar nicht mehr kam. Und einiges hat Marx im Laufe der Auflagen des „Kapital“ verschlimmbessert. Wohl auch deshalb, weil er den schwer verständlichen Stoff didaktischer aufbereiten wollte.

Zu vergessen ist ebenso wenig, dass nicht nur die Grundrisse bis zu Marx Tod unveröffentlicht blieben, sondern auch die Bände zwei und drei des „Kapital“. Marx hinterließ also vor allem eine imposante Baustelle, an der weiterzuarbeiten ist. Ohne eigene intellektuelle Anstrengung ist das nicht zu leisten. Aber bereits im Vorwort zum „Kapital“ heißt es schließlich: „Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen.“

Ingo Stützle

Erschienen in: ak – zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 523 v. 14.12.2007

Eine längere Version des Artikels erschien in der Z.73 (siehe unter Artikel)

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Ein Kommentar

  1. Dr. Burkhardt
    Am 27. November 2016 um 12:41 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Ich habe immer noch nicht verstanden, wie der Marxismus, Marx begründet ja, dass nur die lebendige Arbeit den Mehrwert und das Kapital erschafft, wie also der Marxismus bei zunehmender Automatisierung der Produktion und der Herausdrängung des Menschen aus dieser, immer noch Kapital im marxschen Sinne entstehen kann. Der Mensch braucht ja auch die Arbeit um sich selbst zu verwirklichen.

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