Der Schriftsteller und der Anwalt. Peter O. Chotjewitz‘ Roman über Klaus Croissant

30 Jahre nach dem Deutschen Herbst wundert man sich über gar nichts mehr. Die RAF ist im herrschenden Diskurs inzwischen eine Mischung aus museumsreifer Zeitgeschichte, soziologischem Phänomen mit dem Etikett „Terrorismus“ und dem Bösen an sich. Die Würdigung des RAF-Anwalts Klaus Croissant und des politischen Kampfs in den 1960er und 1970er Jahren durch den Schriftsteller Peter O. Chotjewitz ist hierbei eine erfreuliche Ausnahme.
Wer einfach eine Biographie des RAF-Anwalts erwartet, wird enttäuscht sein. Wer glaubt, einen konventionellen Roman vor sich zu haben, wie es der Buchdeckel verspricht, wird nicht nur von den Fußnoten irritiert sein. Chotjewitz, in den 1960ern als Avantgarde-Literat gefeiert, führt die Auseinandersetzung mit der Geschichte der radikalen Linken, der RAF und der Gewalt des Staates nicht nur politisch, sondern auch in der literarischen Form jenseits des Mainstream.

Wohl auch deshalb ist seinem Buch „Mein Freund Klaus“ ein Zitat aus „Die Insel“ vorangestellt, seinem zweiten Roman von 1968, der die Suche nach neuen ästhetischen Formen in bewegten Zeiten zeigt. Auch der neue Roman ist in seiner Form politisch. In einem Brief, in „Mein Freund Klaus“ dokumentiert, führt Chotjewitz aus, dass der Roman der Idee der griechischen Dialogform folgte: „Der Dialog ist m.E. eine noch heute brauchbare literarische Form, vor allem im Roman, auch wenn die meisten Autoren Angst davor haben.“ Chotjewitz hat keine Angst davor. Vielmehr ist es die Form, in der er sich der Geschichte seines Freundes Klaus nähert. „Warum peinigen moderne Romanciers mich damit, was sie sich ausdenken? Warum müssen sie erzählen, konstruieren? Warum beschränken sie sich nicht darauf, Material zu sammeln und es mir dann vor die Füße zu kippen? Warum belästigen sie mich mit Dingen wie Sprache, Stil, Aufbau, Stoff und Form, die sie in den meisten Fällen nicht beherrschen und die vom Wesentlichen ablenken, dem Material?“

Das Material des Buches sind vor allem Gespräche und Erinnerungen, politische Zeitzeugnisse, RAF-Erklärungen oder Briefe aus dem Knast und Briefe an Institutionen, in denen Croissant Spuren hinterlassen hat – an der Universität, in der Birthler-Behörde und in Archiven. Und eines ist klar: Nur Chotjewitz konnte in dieser Form diesen Roman schreiben – denn er kannte sie alle: Baader & Co, die Anwälte und die politische und kulturelle Szene in Stuttgart.

Ein Anwaltsbüro als Zentrum des „Terror-Netzes“

Chotjewitz geht mit seinem Roman auf Spurensuche. Am Anfang beschreibt er, wie er an die Informationen und Anekdoten gekommen ist. Croissants Geschichte scheint sich aus Gerüchten und gefährlichen Halbwahrheiten zusammenzusetzen. Wohl auch deshalb beginnt er mit einer Art „Methodenkapitel“ und schließt den Roman mit einem Zitat von Wittgenstein: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Chotjewitz hätte gern, dass sie schweigen – alle, die eigentlich nichts zu sagen haben.

Der neue Roman von Chotjewitz handelt also von Klaus Croissant, genauer von Chotjewitz‘ Freund Klaus Croissant, also auch von Chotjewitz selbst und vom politischen und kulturellen Leben der jungen Bundesrepublik im Süden Deutschlands (vor allem Stuttgart), dem Aufbegehren und der Revolte von 1968 und dem bewaffneten Kampf in den 1970er Jahren.

Chotjewitz beginnt, wie bei einer Biographie so üblich, mit Croissants Familiengeschichte, aber mehr noch mit dem gesellschaftlichen und politischen Klima des vom Nationalsozialismus befreiten Deutschland. Dem Autor gelingt es aufgrund seiner eigenen Erfahrung, den gesellschaftlichen Hintergrund einzufangen, vor welchem Croissant groß wurde, Abitur machte, Jura studierte, als Anwalt arbeitete und die ersten politischen Prozesse annahm. Es sollte nicht lange dauern, bis die Dynamik der staatlichen Repression in Folge von 1968 und die mediale Hysterie ihn in das Zentrum der inneren Feinderklärung rückten. Croissant war der politischen Klasse ein Dorn im Auge, er, der republikanische Anwalt, der auch die Mitglieder der RAF nicht außerhalb des rechtsstaatlichen Geltungsbereichs wissen wollte. Ein Kampf mit ungleichen Mitteln, trotz der scheinbaren Gleichheit vor dem Gesetz. Die suggestive Kraft des BKA-Schaubildes, das vielfach abgedruckt wurde, in dem alle Fäden des „Terror-Netzes RAF“ auf das Anwaltsbüro Croissant zulaufen, stellte eine Metapher für den Kampf gegen Croissant dar. Er wurde de facto für vogelfrei erklärt. Als hätte die politische Klasse nur auf einen Josef Bachmann gewartet, der, wie am 11. April 1968, nur den Willen der herrschenden Meinung vollzieht und den Staatsfeind Nr. 1 ermordet.

Chotjewitz berichtet aber nicht nur von seinem Freund Klaus, sondern auch von den politischen Auseinandersetzungen der Zeit – von der (Un-)Möglichkeit des bewaffneten Kampfes in Deutschland, von Sinn und Unsinn von Hungerstreiks und von der Abwesenheit rechtsstaatlicher Justiz. Neben der „großen Politik“ sind auch kleinere literarische Bonbons zu finden. In der irrsinnig komischen Passage „Die Ausschneider“, wo viele Linke sich ertappt fühlen müssen, unterscheidet Chotjewitz zwischen den „Universalsammlern“ und den „Konzentralsammlern“. Jener Spezies, die alles schriftlich fixierte – Zeitungsausschnitte, Flugblätter, Plakate, Dokumentationen – ausschneiden, sortieren, archivieren, in Kisten und Ordnern sammeln und eigentlich gar nicht wissen, was damit anzufangen ist. Chotjewitz bescheinigt dieser Tätigkeit eine „metaphysische Natur“: „Immer hofft der Sammler, etwas vor dem Absturz ins Vergessen zu retten. Meistens rettet er nur die Erinnerungen an das Unrettbare, das es nicht mehr oder bald nicht mehr gibt.“

Eine solche Sammlung ist Chotjewitz Buch sicherlich nicht, ganz im Gegenteil. Es ist ihm gelungen, die Geschichte eines kämpferischen Sozialisten in Erinnerung zu rufen – gegen die Selbstgenügsamkeit der politischen Klasse. Dass Chotjewitz‘ literarische Intervention es wohl kaum über das Feuilleton hinaus schaffen wird, ist ihm sicherlich bewusst. Schließlich haben er und sein Freund Klaus jahrelang erfahren müssen, wie die politische Öffentlichkeit funktioniert, sobald es um die RAF geht.

Ingo Stützle

Peter O. Chotjewitz: Mein Freund Klaus. Roman. Verbrecher Verlag, Berlin 2007, 576 Seiten, 22 EUR. Ein Kapitel aus dem Roman, „Der Koffer des Dekans“, wurde in ak 517 vorabgedruckt

Erschienen in: ak – zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 523 v. 14.12.2007

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2 Trackbacks

  • Von aus in der vorrunde am 10. Dezember 2007 um 08:48 Uhr veröffentlicht

    Peter O. Chotjewitz: Mein Freund Klaus…

    Der Verbrecher Verlag verlegt das neue Buch von Peter O. Chotjewitz, in dem er sich mit Leben und Wirken von Klaus Croissant beschäftigt.
    Das Buch wird vom Verlag als Roman bezeichnet, dies führt zunächst auf eine falsche Spur. Es handelt sich keine…

  • Von Peter O. Chotjewitz liest aus “Mein Freund Klaus” | Ingo Stützle am 13. April 2010 um 21:46 Uhr veröffentlicht

    […] Am 29.3. liest Peter O. Chotjewitz ab 20 Uhr auf Deutschlandfunk aus seinem Roman “Mein Freund Klaus”. […]

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