Kein Blut für Petro-Dollar? Das Weltgeld und das Schmiermittel des globalen Kapitals

Auch Verschwörungstheorien haben manchmal einen realen Kern. Die Initiative Nachrichtenaufklärung nominiert seit zehn Jahren vernachlässigte Nachrichten. Im Jahr 2005 befand sich unter den Top-Ten die Meldung, dass der Iran eine internationale Ölbörse plant. Der Rohstoff, der die Welt bewegt, sollte dort nicht mehr in US-Dollar, sondern in Euro gehandelt werden. Die Begründung für die Wahl dieser Nachricht liegt auf der Hand: Die Denomination einer der wichtigsten Rohstoffe des globalen Kapitalismus in Euro hätte Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft und auf das Verhältnis zwischen USA und EU – den zwei größten Wirtschafts- und Machtblöcken der Welt.

Mehr noch: Einige stellen sich sogar die Frage, ob ein weiterer Krieg bevorsteht, in dem die USA versuchen wird, die Ölwährung US-Dollar mit militärischer Gewalt zu sichern? Schließlich hatte auch der Irak vor dem US-Angriff den Ölhandel auf Euro umgestellt und allein durch den Kursverfall des US-Dollar gegenüber dem Euro 15% mehr Gewinn eingeheimst. Auch Venezuela hat sich bereits offen für die Idee einer Umstellung gezeigt. Was ist dran an der etwas differenzierteren Variante des Arguments „Krieg für Öl“: Krieg für die Leitwährung US-Dollar?

Die Weltmacht der USA beruht auf der Stellung des US-Dollar als globale Leitwährung. Das US-Zahlungsmittel wird in allen Staaten akzeptiert, alle wollen es haben. Damit können sich die USA leisten, was sich kein anderes Land der Welt erlauben kann: Die Weltmacht gibt permanent mehr Geld aus als sie einnimmt. Dies belegen das US-Staatsdefizit (2005 über 300 Mrd. US-Dollar) sowie das Minus von fast 800 Mrd. US-Dollar, das die USA jährlich im internationalen Handel erzielen. Diese Defizite finanzieren die USA durch Verschuldung. Das funktioniert, weil die globale Nachfrage nach dem US-Dollar die USA schier unbegrenzt kreditwürdig macht, und eröffnet den USA große Freiheit bei ihrer Ausgabenpolitik – die US-Regierung ist immer zahlungsfähig, auch wenn sie gar nicht so viel Geld hat, wie sie ausgeben will.

Weltgeld US-Dollar

Grund für die Dominanz des US-Geldes ist nach Meinung von KritikerInnen, dass auf dem Weltölmarkt in US-Dollar abgerechnet wird. Wer Öl kaufen will, muss sich seit den 1970er Jahren – seitdem sich die OPEC dazu entschlossen hat, ausschließlich US-Dollar für Öl zu akzeptieren – die US-Währung besorgen. Das sichert dem US-Geld, so die KritikerInnen, eine permanente Nachfrage – unabhängig von der Konjunktur der US-Wirtschaft , und funktioniert nur, weil der US-Dollar seit Ende des Zweiten Weltkriegs Leitwährung auf dem Weltmarkt ist.

Für den globalen Kapitalismus ist ein international anerkanntes Geld, ein Weltgeld, notwendig. Gleichzeitig ist der ökonomische Raum in Nationalstaaten und Währungsräume aufgeteilt. Daher muss eine nationale Währung die Funktion der internationalen Leitwährung übernehmen. Diese Währung fungiert als internationales Wertmaß, mit dem es überhaupt möglich ist, grenzüberschreitend Waren auszupreisen, zu zahlen, zu kaufen und Kredite zu vergeben. Gleichzeitig ist sie ein international gültiges Wertaufbewahrungsmittel.

Aber nicht jede Währung eignet sich als Leitwährung. Ein Staat bzw. dessen Zentralbank muss den Willen und die Möglichkeit haben, die Stabilität der Leitwährung zu verteidigen – politisch und ökonomisch. Dafür ist wirtschaftliche Potenz in der Weltwirtschaft nur eine notwendige, nicht jedoch eine hinreichende Bedingung. Der betreffende Staat muss zudem politisch und militärisch dominieren können und wollen. Insofern kann man für heute sagen, dass die Macht der USA nicht nur auf dem US-Dollar beruht, sondern auch die Stellung des US-Geldes auf der Macht der USA.

Noch immer wird der internationale Handel vorwiegend in US-Dollar abgewickelt. 40% des Welthandels mit Gütern und Dienstleistungen sowie der grenzüberschreitenden Forderungen lauten auf US-Dollar. Trotz sinkendem Anteil und einem aufholenden Euro ist die US-Währung mit über 65% immer noch die Reservewährung Nummer Eins. Zudem laufen fast 70% des Devisenhandels in US-Dollar. Nur bei der Denomination von Wertpapieren hat der Euro den US-Dollar inzwischen überholt.

Keine andere Währung genießt mehr Vertrauen

Die Funktion des US-Dollar als Leitwährung hat Folgen – nicht nur für die USA. Viele Staaten der Dritten Welt müssen per Export oder Verschuldung US-Dollar einnehmen, da ihre lokale Währung international nicht akzeptiert wird. Auch Staatsanleihen müssen viele Länder vor allem in der US-Währung ausgeben, weil das Geldkapital nicht bereit ist, in unsicheren Währungen Kredit zu gewähren. Damit wird die Staatsschuld vieler Staaten abhängig vom Wechselkurs des US-Dollars. Die USA hingegen können sich nicht nur in der eigenen Währung verschulden, sondern können auch aufgrund der Nachfrage nach US-Dollar weiterhin auf ihre Währung als Leitwährung setzen. Dies ist anderen Weltwährungen wie dem britischem Pfund oder dem japanischem Yen so nicht möglich, und auch dem Euro wird weltweit nicht im selben Maße vertraut wie dem US-Dollar.

Weil der US-Dollar bisher unangefochten an der Spitze der Währungshierarchie steht, wird mit ihm international Öl gehandelt und halten ihn alle Zentralbanken vornehmlich als Währungsreserve. Vor dem Hintergrund des US-Handelsdefizits und der hohen Staatsverschuldung wird deutlich, welches geradezu unlösbare Problem auf die USA zukommen würde, müssten sie Öl in fremder Währung importieren. Auch deswegen müssen die USA ein Interesse daran haben, dass der US-Dollar Leitwährung bleibt.

Daher scheint das Öl als global gehandelter Rohstoff so relevant. Sind alle großen und wachsenden Industriestaaten – vor allem China – von Rohöl abhängig, müssen sie US-Dollar halten. Der weltweite Ölhandel wird so zu einer tragende Stütze der US-Dollar-Nachfrage und -Zirkulation – er ist die Ölwährung.

Wie wichtig ist die durch den Ölhandel generierte US-Dollar-Nachfrage für die Stellung des US-Zahlungsmittels? Das ist kaum zu beantworten, da der Weltölmarkt nicht transparent ist. Das meiste Öl wird „over the counter“ gehandelt, also per Telefonat zwischen AnlegerInnen, Unternehmen, Förderern usw. Zudem ist der größte Teil des Ölhandels gar kein echter Ölhandel, sondern Geschäft zwischen FinanzanlegerInnen, die auf Veränderungen des Ölpreises spekulieren. Dies ist das so genannte Papier-Öl. Bei diesen Geschäften wechselt kein einziges Barrel den/die BesitzerIn, sondern die Beteiligten wetten nur per Terminkontrakten auf Preisunterschiede – und blähen so das Ölhandelsvolumen auf, ohne dass Öl physisch ge- oder verkauft wird.

Stabilität durch oder wegen dem US-Doller?

Aussagen über das tatsächlich gehandelte Öl lassen sich nur annähernd machen. Nach den Zahlen der Welthandelsorganisation WTO wurde 2005 für 1.400 Mrd. US-Dollar Öl gehandelt, das waren ca. 14% des gesamten Welthandels. Das klingt beeindruckend, dabei ist jedoch zu beachten, dass der Ölpreis in jenem Jahr stark gestiegen war und allein dadurch sich das Handelsvolumen aufblähte. (1) Durch den Anstieg des Ölpreises in den vergangenen Jahren wuchs der Ölhandel stets wesentlich schneller als der gesamte Welthandel. Sinkt der Ölpreis einmal wieder, so sinkt damit auch der Anteil des Ölmarktes am gesamten Weltmarkt.

Seriös lässt sich somit nichts über den exakten Anteil des Ölhandels am Weltmarkt aussagen und damit auch nicht, inwieweit dieser zu Stützung des US-Dollars beiträgt. Doch ist dies auch gar nicht der entscheidende Punkt. Wie groß auch immer der Ölmarkt sein mag, auf jeden Fall stärkt er die Nachfrage nach der US-Währung. Viel wesentlicher ist jedoch, warum der Ölmarkt überhaupt in US-Dollar abrechnet: Weil er die Leitwährung ist, ein international gültiges Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel, emittiert und garantiert von der ökonomischen und militärischen Weltmacht Nummer Eins. Das Öl soll also nicht in US-Dollar denominiert werden, damit die US-Währung weiterhin stabil bleibt, sondern umgekehrt: Weil der US-Dollar Leitwährung ist und es möglich ist, mit ihm alles überall zu kaufen, werden vornehmlich US-Dollar gehalten und dienen als internationales Zahlungsmittel, unter anderem auf dem Ölmarkt.

Übernahmekandidat nicht in Sicht

Das liegt vor allem daran, dass es keine ernstzunehmende Konkurrenz für den US-Dollar gibt, auch (noch) nicht den Euro. Der 1999/2002 eingeführte Euro hat zwar die Relevanz der D-Mark überholt, erreicht aber dennoch nicht die des US-Dollars. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Dafür spricht nicht nur das geringe Wirtschaftswachstum und der gegenüber den USA geringere politische, ökonomische und soziale Zusammenhalt der Europäischen Union (EU). Dass die EU alles andere als ein schlagkräftiger militärischer Akteur ist, hat sie zuletzt im Irakkrieg gezeigt. (2) War es ihr doch erst gar nicht möglich, als militärische Einheit aufzutreten.

Auch ist die Europäische Zentralbank noch nicht der „Lender of last Resort“ – der letzte Kreditgeber. Noch immer liegt die Kompetenz der Kreditvergabe bei den einzelnen Zentralbanken. Des Weiteren sind die Bedingungen für den grenzüberschreitende Bankverkehr innerhalb der EU zwar vorangekommen, aber in keiner Weise so, dass die institutionellen Voraussetzungen für internationales Geldkapital attraktiv wären. Die Deutsche Bank verliert jedoch die Hoffnung auf den Euro nicht: „Der Aufbau einer internationalen Rolle im Währungswettbewerb vollzieht sich langsam.“ Dies zeige die „Ablösung des Pfund Sterling als Reservewährung Nummer eins durch den Dollar“. Für diese „Ablösung“ allerdings waren ein bis zwei Weltkriege nötig.

Markus Euskirchen und Ingo Stützle

Anmerkungen:
1) 2005 betrug der Durchschnittspreis pro Barrel (bbl/159 Liter) Öl der Marke Brent 54 US-Doller. Zum Vergleich: 2003 lag er bei 29, 2004 bei 38 und zwischen 1987 und 2007 im Durchschnitt bei 25 US-Doller. Da der Ölpreis 2006 auf 65 US-Doller/bbl gestiegen ist, ist für dieses Jahr ein weiterer Anstieg des Anteils des Ölhandels am Welthandel zu erwarten.
2) Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass der Rüstungsetat der USA etwa zwei Drittel der weltweiten militärischen Ausgaben ausmacht.

Erschienen in: G8 – Deutung der Welt. Kritik. Protest. Widerstand, Gemeinschaftsausgabe von ak – analyse & kritik, arranca!, Fantômas und So oder So, Seite 60-61.

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