Marxismus im Kurzschluss. Das neue Marx-Buch des Krisenpropheten Robert Kurz ist ein Ärgernis

Zu Karl Marx‘ Zeiten galt Hegel als „toter Hund“, wie er im Vorwort zum Kapital schreibt. Nach 1989 erging es dem Begründer des „wissenschaftlichen Sozialismus“ ähnlich, glaubten zumindest die eiligen Verkünder eines „Endes der Geschichte“ nach dem Zusammenbruch des „realen Sozialismus“. Doch diese sind mittlerweile selbst wieder skeptisch geworden. Der Begriff „Globalisierungsgegner“ schwirrt durch die Presse und wird keineswegs nur dazu benutzt, sozialen Widerstand zu diskreditieren: Die Proteste von Seattle bis Prag werden durchaus als Symptome von tiefen gesellschaftlichen Widersprüchen ernst genommen. Bücher wie das des französischen Bauernrebellen José Bové „Die Welt ist keine Ware“ werden mittlerweile in der Tagespresse zur Lektüre empfohlen.

Mit dem neuen Unbehagen an den gesellschaftlichen Zuständen geht das Bedürfnis an einer theoretischen Auseinandersetzung einher, die auch die Ursache der beklagten Globalisierungsübel von Verarmung bis zur Umweltzerstörung beim Namen nennt: Kapitalismus. Und eine fundierte Kritik am Kapitalismus kommt um Karl Marx nicht herum. So kann der Nürnberger Publizist Robert Kurz mit seinem neuen Werk „Marx lesen. Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert“ einem gesellschaftlich wachsenden Bedürfnis Genüge tun. Der Katastropholus ist derzeit der bei weitem populärste Marx-Interpret. Seine Thesen finden von der Antifa bis zur Zeit freudige Aufnahme.

In seinem neuen Marx Buch versammelt Kurz in acht Kapiteln mit einführender Kommentierung Marxsche Texte zur kapitalistischen Produktionsweise, Krise und Kritik der Arbeitsgesellschaft, Kritik von Staat, Nation, Recht, Politik und Demokratie, sowie Texte zur „hässlichen Geschichte des Kapitalismus“, zu Krisentendenzen, Globalisierung, spekulativem Kapital und zu guter letzt einige Ansätze zur Überwindung des Kapitalismus.

Kernthese ist, dass der Marx des „Arbeiterbewegungsmarxismus“ (kurz ABM) ein Modernisierungstheoretiker war, welcher zu überwinden sei. Das bedeutet, dass die Kritik des ABM nur als eine dem Kapitalverhältnis immanente Kritik wirkungsmächtig war und die Kategorie „Arbeit“ affirmiert hat. Diesen allgemein bekannten „exoterischen“ Marx gilt es, laut Kurz, mit der Rekonstruktion des „esoterischen“, also verdeckten, Marx auf allen theoretischen Feldern zu überwinden.

Unverschämter“ Kapitalismus

Das Buch umfasst 430 Seiten und man ist froh, dass keine hundert davon aus Kurz‘ eigener Feder stammen. Um das zu bemerken, muss man aber schon genau lesen, denn Kurz versteht sich mit Charly so gut, dass oft nicht ganz klar wird, wo Kurz aufhört und Marx anfängt. Nur ein kaum erkennbarer Unterschied in der Typografie macht es möglich, Kurz und den um die Arbeiterbewegung gestutzten Marx zu unterscheiden.

Das ist nur eines mehrerer Ärgernisse vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung. Ein anderes: In der Textsammlung findet sich keinerlei Hinweis auf die Quelle der Texte, außer eben, dass sie aus einem der bekannten dreiundvierzig Blauen Bänden sind. Es besteht also weder die Möglichkeit, die Texte textkritisch in einen Zusammenhang zu stellen, noch, wenn der eine oder andere Auszug doch mal spannend oder lustig sein sollte, weiterzulesen. Die editorische Bodenlosigkeit der Kurzschen Marxediton findet ihre Vollendung in der konsequenten Streichung sämtlicher Fußnoten und das ohne einen einzigen Hinweis. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass die eine oder andere Fußnote langweilig ist, aber ebenso ist in manch einer ein zum Weiterlesen animierender Witz zu finden genauso wie für die Marxsche Theorie oder besser deren Rekonstruktion unentbehrliche Hinweise.

Bei der Frage, warum es gerade Robert Kurz ist, dessen Thesen so großen Anklang finden, stößt man unweigerlich darauf, dass Kurz wohl ein Teil des bürgerlichen schlechten Gewissens bildet, das von der offenkundigen Boshaftigkeit der Welt erregt wird. Der real existierende Kapitalismus, so Kurz, habe „zynische“, „unverschämte“, „obszöne“ und „geschmacklose“ Züge. Die Quelle aus der Kurz seine Kritik speist ist ein normativer Maßstab, welcher an die gesellschaftliche Realität angelegt wird und die Diskrepanz zwischen „sein“ und „sollen“ dem Kapitalismus mahnend entgegengehalten wird. Die von Kurz angeprangerten Phänomene wie Armut, Hunger und Naturzerstörung sind aber nichts weiter als ein Ausdruck der Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise. Robert Kurz ist in einer idealistisch verfassten bürgerlichen Selbstvergewisserung befangen, die meint, gesellschaftliche Realitäten mit einem normativen Ideal verändern zu können. Genau hier ist Kurz bürgerlich anschlussfähig, weil er sich vom revolutionären Stachel befreit hat. Er verzichtet vollkommenen auf ein revolutionäres und klassentheoretisches Selbstverständnis.

So ist es symptomatisch für Kurz‘ Buch, dass sowohl Marxens „Thesen zu Feuerbach“ fehlen als auch die Rekonstruktion einer Klassentheorie. Marx Klassentheorie reduziert er darauf, dass ein Klasse lediglich über die Stellung im Produktionsprozess bestimmt sei. Kurz dagegen behauptet, wie schon im „Manifest gegen die Arbeit“ mitklang, dass eine kategoriale Kritik am Kapitalverhältnis von jedem sozialen Standort aus möglich sei. Unter dem Abstraktum Arbeit müssten, so Kurz, (theoretisch gesehen), alle gleich leiden: Die eine als Arbeiterin, der andere als Manager. Mit der Überwindung der immanenten Kritik des ABM und der vollkommenen Durchkapitalisierung der Gesellschaft gäbe es keine Klassen mehr, die sich in einer komplexen Vergesellschaftungsstruktur gegenüberstünden, sondern alle seien dazu aufgerufen, ihre „(kapitalistisch konstituierte) Subjekt- und Handlungsform“ (S. 42) zu überwinden, fordert Kurz.

Selbstherrliches Prophetentum

Das geht natürlich ohne „exoterischen“ Klassenkampf auf rein „esoterischen“ Pfaden. Die „kategoriale Kritik“ ist, auch wenn sie schlecht formuliert wird, eine Sache. Was aber Marx Philosophiekonzepte von anderen unterscheidet ist das Begreifen als „eingreifendes Denken“ (Brecht). Die Feuerbachthesen sind ein Ausdruck davon: „Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.“ (MEW Bd.3: 6). Kurz bleibt zwischen moralisierender Kritik und unzulänglicher kategorialer Kritik hängen.

Dass er nicht den Versuch unternimmt, Marx Klassenanalyse zu rekonstruieren, deutet darauf hin, dass Kurz hier selbst dem, wie er ihn nennt, „exoterischen“ Marx aufgesessen ist. In seinen Analysen revolutionärer Prozesse ist Marx Klassentheorie alles andere als „reduktionistisch“. Dass die verschiedenen von Kurz immer wieder gern ins Feld geführten Fetischformen wie „Ware“, „Geld“, „Kapital“ und „Lohn“ in die Produktionsweise eingeschrieben sind und alle vergesellschaftenten Subjekte darin gefangen sind, ist unbestritten. Es sind aber auch diese ideologischen Formen, mit welchen die gesellschaftliche Wirklichkeit bewusst wird, also gedeutet werden und Sinn produziert wird.

Dies ist aber kein Prozess einer ökonomischen Monade, sondern ein konkret gesellschaftlicher und sozialer Prozess, der selbst von anderen gesellschaftlichen Verhältnissen, wie zum Beispiel Geschlechterverhältnissen, konstituiert ist. Als „Charaktermasken“ (Marx) sind den Menschen über die Rolle in den Verhältnissen soziale Identitäten eingeschrieben. Entlang dieser verschieden „Repräsentationssysteme“ findet als politischer und sozialer Prozess Klassenbildung statt. Diese sind als symbolische Ordnung nicht willkürlich, sondern weisen Positionen in der sozialen Struktur zu und sind gleichzeitig Deutungen derselben.

Klassentheoretisch bedeutet es einen Unterschied, ob die Deutung der Existenzweise mit „kritischer Konsument“ ausfällt oder mit „Lohntütenempfänger“. Aber an einer Rekonstruktion einer Klassentheorie scheint Kurz nicht interessiert zu sein und es bleibt die Frage, ob der Kapitalismus sich durch die kollektive Deutung der Existenzweise von Manager und ArbeiterInnen als „Sklaven der Arbeit“ überwinden lässt.

Wenn es einen Moment gibt, an welchem die Kurzsche Rekonstruktion der Marxschen Theorie scheinbar ihren Brennpunkt hat, so ist es die Neuauflage der „Krisentheorie“. Während an vielen Stellen des Buches noch durchscheint, dass es Kurz um eine Rekonstruktion Marxscher Theorie gehen könnte, betont er bei der Krisentheorie, dass diese nur „aufzugreifen“ und „zuzuspitzen“ sei. Dem ABM, so Kurz falsche Feststellung, war die Krisentheorie äußerlich, da dieser eine Modernisierungstheorie war und die Krise, so der Umkehrschluss, das Ende der kapitalistischen Produktionsweise bedeutet würde. Dieses Argument mündet in der absurden Behauptung, der ABM könnte schon keine „richtige“ Krisentheorie gewollt haben, da diese sonst die Identität „ArbeiterInnen“ in Frage gestellt hätte.

Das unterstreicht ein weiteres Mal die Schwierigkeit, die Besonderheit der Kurzschen Krisentheorie zu klären beziehungsweise sie irgendwie noch ernst zu nehmen. Sowohl das „marxistische Zentrum“ der SPD mit Bebel und Kautsky als auch die Linken um Rosa Luxemburg standen auf den Schultern einer Krisentheorie. Die einen, um auf den „großen Kladderadatsch“ (Bebel) zu warten und somit in revolutionären Attentismus zu verfallen; die anderen, wie Luxemburg, erhofften sich von der Krise eine mobilisierende Wirkung für die Revolution. Auch Lenin hatte mit seinem Konzept des „verfaulten Kapitalismus“ durchaus einen Begriff von Krisentheorie. Auf Kurz implizite Unterstellung, sie alle hätten kein Interesse gehabt, das Kapitalverhältnis aufzuheben, kann man wohl nur mit einem Schulterzucken reagieren.

Im Kapitel zur Krisentheorie kommt die Hoffnung auf, dass die immer wieder zu lesende Theorie der finalen Krise des Kapitalismus theoretisch, mit marxscher Theorie, unterfüttert würde und über die Konstatierung einer dritten industriellen Revolution hinausgehen möge. Anstatt sich aber über eine symptomale Lektüre (Althusser) zu nähern, also Marxens Problematik zu rekonstruieren, vorhandene und abwesende (!) Probleme zu formulieren, ist für Kurz das Problem evident und die Theorie konsistent: Die „Krise ist (…) nichts anderes als der objektivierte Substanzverlust des Kapitals durch seinen eigenen inneren Mechanismus: die Arbeit läuft aus wie Sand aus einem Loch im Sack oder Wasser aus einem Leck im Tank“ (S. 277). Wieder wird das Ende der Arbeit postuliert und die Kategorie „Arbeit“ ist scheinbar an allem schuld. In diesem Zusammenhang versucht er das „explizit [fallende] ominöse Wort vom ‚Zusammenbruch'“ (S. 139), welches er bei Marx zu finden glaubt, für sich zu retten.

Da Kurz hier (mal wieder) keinerlei weitere Angaben macht, sind wir dazu aufgefordert, so ja der Titel des Buches, Marx selbst zu lesen: Neben den von Engels angefügten, im Zusammenhang gelesen kaum haltbaren Zusätzen, gibt es zwei gewichtige Stellen im dritten Band des Kapitals, wo vom „Zusammenbruch“ explizit die Rede ist. Einmal geht es um den Zusammenbruch des Kreditsystems (MEW 25: 264), welcher, würde man sich der erst seit ein paar Jahren zugänglichen MEGA bedienen, eine nicht fundierte Einfügung von Engels ist. Bei Marx selbst ist von einem „Zusammenbruch“ nichts zu lesen. Da es Kurz nicht um das Kreditsystem, sondern vielmehr um das „Arbeitssystem“ geht, ist eine weitere Stelle interessant, an welcher Marx von Zusammenbruch spricht (MEW 25: 256). Aber auch hier ist es zum einen eine Einfügung von Engels, die Marx‘ Begriff des „Klappen“ ersetzt. Zum anderen wird die Aussage von Marx noch im selben Satz durch „widerstrebende Tendenzen“ (MEGA II.4.2: 315) (natürlich nicht im Sinne eines Nullsummenspiels) aufgehoben, was als eine kategoriale Bestimmung der kapitalistischen Dynamik zu lesen ist. Diese gegenläufigen Tendenzen sind wohl auch Kurz wichtig, aber einer begrifflich scharfen Klärung von „Krise“, „Zusammenbruch“ und „Tendenz“ bzw. „Dynamik“ verweigert er sich und verhindert durch seine Edition systematisch eine eigene kritische Lektüre.

Die „Arbeit“ ist schuld

„Hatte Marx diesen logischen Endpunkt der Krise [Diskrepanz zwischen gesellschaftlichen Reichtum und menschlichem Elend; I.S.] im Kontext seiner Kritik der Arbeit klar und unmissverständlich dargestellt, so entwickelt er in seiner eigentlichen Krisentheorie den selbstwidersprüchlichen inneren Mechanismus des Kapitals, indem er den zunächst bloß allgemeinformulierten Widerspruch in seinem konkreten Wirken zeigt.“ (S. 278) Für Kurz scheint bei Marx als auch bei ihm selbst der Krisenbegriff geklärt zu sein.

Doch gehen wir einmal in den marxschen Text in der Edition von Kurz, und zwar zum allseits beliebten „tendenziellen Fall der Profitrate“, welcher schon so mache Showkämpfe provoziert hat: An dieser Stelle zeigt sich, wie ernsthaft Kurz es mit der kategorialen Kritik beziehungsweise einer Rekonstruktion meint. Kurz hat in seiner Textfassung unter anderem einen Satz im Zuge seiner Kürzung gestrichen: „Es ist damit nicht gesagt, dass die Profitrate nicht auch aus anderen Gründen vorübergehend fallen kann, aber es ist damit aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise als eine selbstverständliche Notwendigkeit bewiesen, dass in ihrem Fortschritt die allgemeine Durchschnittsrate des Mehrwerts sich in einer fallenden allgemeinen Profitrate ausdrücken muss.“ (MEW Bd.25: 223; Hervorh. I.S.) Kurz verwischt die Marxsche Problematik den Fall der Profitrate auf der allgemeinsten Ebene, aus dem Wesen der kapitalistischen Produktionsweise kategorial abzuleiten und subsumiert einen krisentheoretischen Ansatz von Marx, welcher noch zu prüfen wäre, einfach unter seinen beliebigen Krisenbegriff.

Dass Marx davon ausging, dass der Kapitalismus krisenhaftig ist und zeitweilig davon ausging, dass dieser zusammenklappen würde, ist unbestritten. Bei einer kritischen Rekonstruktion der Marxschen Krisentheorie sollte es aber genau darum gehen zu versuchen, die verschiedenen Ansätze freizulegen und zu prüfen. Zum einen wird man feststellen, dass Marx weder eine Krisentheorie formulierte, noch sich über die theoretische Fundierungen sicher war, weshalb er zum Beispiel bei der Begründung des „tendenziellen Falls“ argumentativ mit mehreren Anläufen um die Problematik herumeiert. Mit Kurz‘ selbstherrlichen Prophetentum werden Probleme nur verwischt und eine ernsthafte Auseinandersetzung wird verhindert.

Ingo Stützle

Marx lesen. Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert. Herausgegeben und kommentiert von Robert Kurz, Frankfurt/M. 2001, DM 49,80

Erschienen in: ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr.449 v. 12.04.2001

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Ein Kommentar

  1. Reiner lenz
    Am 9. Dezember 2016 um 20:31 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Also Herr Stützle,

    Ich frage mich allen Ernstes wie Sie auf das Nachfolgende gekommen sind.

    Zitat:

    Robert Kurz ist in einer idealistisch verfassten bürgerlichen Selbstvergewisserung befangen, die meint, gesellschaftliche Realitäten mit einem normativen Ideal verändern zu können.

    Zitat Ende

    Ich habe sämtliche Bücher von Robert Kurz seit dem Kollaps der Modernisierung nicht nur gekauft sondern auch ( offenbar im Gegensatz zu Ihnen ) gelesen. Ich muss mich allen Ernstes fragen wie Sie zu dieser Behauptung kommen. Ich kann mich jedenfalls absolut nicht erinnern in den Büchern von Robert Kurz etwas gefunden zu haben, was Ihr Zitat auch nur ansatzweise rechtfertigt. Ganz im Gegenteil beruft sich die von Robert Kurz vertretene Theorie der Wertkritik hauptsächlich eben nicht auf moralisierende Normative, sondern im Wesentlichen darauf, dass die endlose Verwertung des Wertes als maßgebliche Triebfeder der kapitalistischen Produktionsweise, aus mathematisch-ökonomischen Gründen unweigerlich zum Stillstand kommt, was die Ursache für alle derzeitigen Probleme sei. Die normative Empörung von der Sie hier schreiben, wird zwar benannt ist aber im Gegensatz zu Ihrer Darstellung mitnichten der hauptsächliche Ansatz der von Kurz vertretenen Theorie der Wertkritik. Auch habe ich in keinem seiner Bücher den von Ihnen behaupteten Anspruch gefunden, dem Kapitalismus mit normativen Idealen zu Leibe rücken zu wollen. Ganz im Gegenteil schreibt Kurz z.B. im Schwarzbuch;

    Zitat:

    Radikale theoretische Kritik und Rebellion müssen zusammenkommen, nicht schwächelnde »Ethik« und der Ruf nach einer »gerechten« demokratischen Menschenverwaltung.

    Es ist eine schlichtweg närrische Idee, auf die gesellschaftliche Naturkatastrophe
    des Kapitalismus mit einer bloß negativen »Solidarität« zu reagieren, als handle es sich um die Heimsuchung eines zürnenden Gottes, der durch allgemeinen »Verzicht« besänftigt werden könnte.

    Umverteilungsethik ist genauso sinnlos geworden wie Verzichtsethik. Der ganze ethische Zirkus, dessen Aufführungen in den 90er Jahren immer idiotischer
    geworden sind, hat ja die bedingungslose Unterwerfung unter die herrschende kapitalistische Form der Gesellschaft zur stillen Voraussetzung.

    Zitat Ende

    Das ist das komplette Gegenteil Ihrer oben zitierten Behauptung.

    Auch Ihre Behauptung dass Robert Kurz in seinem Buch Marx lesen, auf die Angabe von Quellen verzichtet ist schlichtweg nicht wahr. Ein jedes Kapitel in dem Marx zu Wort kommt, ist mit deren Quelle, sei es Das Kapital, die heilige Familie, die ökonomischen Manuskripte, die Theorien über den Mehrwert oder das kommunistische Manifest usw. usw. gekennzeichnet.

    Fraglich auch ist, warum die Arbeit Ihrer Darstellung nach nicht in die Krise geraten darf, dass Sie es ist, lässt sich doch nicht im Geringsten bezweifeln. Die weltweiten Zahlen lassen an Eindeutigkeit, keine Wünsche offen.

    Das Kurzens Buch die Marx Lektüre systematisch verhindere kann ich für mich jedenfalls nicht bestätigen. Aus diversen Rezensionen anderen Orts z.B. Amazon lässt sich ganz im Gegenteil zu Ihren Behauptungen nachlesen, dass “ Marx lesen “ von Robert Kurz auch andere Leute ermutigt hat, sich dem alten Besserwisser noch einmal zu nähern.

    Der einzige Kritikpunkt der berechtigt erscheint, ist wohl dass Kurz am Marxschen Gesamtwerk jene Stellen herausgreift und verkürzt darstellt, die seine Wertkritik und Krisentheorie stützen. Sei es drum, die kurzsche Krisentheorie finde nicht nur ich überzeugend, und wie heißt es doch bei Marx;

    Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: dass das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint, dass die Produktion nur Produktion für das Kapital ist, und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind.
    Die Schranken, in denen sich die Erhaltung und Verwertung des Kapitalwerts, die auf der Enteignung und Verarmung der großen Masse der Produzenten beruht, allein bewegen kann, diese Schranken treten daher beständig in Widerspruch mit den Produktionsmethoden, die das Kapital zu seinem Zweck anwenden muss und die auf unbeschränkte Vermehrung der Produktion, auf die Produktion als Selbstzweck, auf unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte der Arbeit lossteuern.
    Das Mittel – unbedingte Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte – gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandenen Kapitals. Wenn daher die kapitalistische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser ihrer historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen

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